Autobiographie Freiheit, die ich meine - Teil I

Mein Leben in der "DDR"

Jürgen-Kurt Wenzel gibt in seiner erschütternden Biografie Einblick in das menschenverachtende DDR-Justizsystem. Als 17-Jähriger – die Erfüllung seines Berufswunsches Seemann wird ihm aufgrund der Republikflucht des Vaters verwehrt - will er in den Westen abhauen. Er landet im Gefängnis. Eine Odyssee beginnt. Schließlich hat Wenzel fast sechs Jahre in Haft verbracht.

von Jürgen-Kurt Wenzel

Eindringlich schildert Jürgen-Kurt Wenzel die Misshandlungen, die Demütigungen, die Zwangsarbeit, die menschenunwürdigen Haftbedingungen. Nach seiner Entlassung wird er von der Stasi observiert und erpresst. Doch aus seiner Familie schöpft er Kraft und behält sein Ziel im Blick, das er dann auch erreicht: die Freiheit.

"Sohne... denk dran, Freiheit, die ich meine" - Worte die ich nie vergesse.

Es war in den Morgenstunden eines schon warmen Frühsommertages. Ein kleiner Steppke marschiert, das Lied vom "Hänschenklein" auf den Lippen, schnurstracks die quirlige Straße zwischen den hohen Häusern und den geschäftigen Leuten einem fernen Ziel entgegen. Leipzig diese große Stadt. Hohe derbe Schnürstiefel mit den mehrfach geflickten wie üblich offenen Schnürbändern, den rutschenden herunter gerollten Kniestrümpfen auf den staksigen Kinderbeinen. Die speckige Lederhose mit den breiten Trägern und dem Edelweiß auf der geheimnisvollen Brusttasche. Das karierte Baumwollhemdchen mit dem bis heute typischen offenen letzten Kragenknopf, Trachtenjäckchen und Seppelmütze.

Guten Tag. Guten Tag. Guten Tag.

Jedem, auch denen auf der anderen Straßenseite, galt dieses fröhliche "Guten Tag". Was ruft ein höflicher kleiner Junge. Bis dass es doch die Röte in die Ohren trieb - Guten Tag. Irgendjemand fragte. Wohin willst Du denn?? Hatte ich doch einen derb leinenen Rucksack auf den Schultern und einen mit Andenken-Plaketten benagelten Wanderstock in der Hand. Freimütig klang die Erwiderung: "Zu meinem Onkel Heinz nach München. Und wenn ich groß bin komm ich mit den Amerikanern und verjage die Russen."

Nach München? Onkel Heinz?? Russen?? Kopfschütteln.

Großvater erzählte immer so geheimnisvolle Geschichten.

Großvater erzählte, wenn er mit seinem Freund Otto in der Küche saß, immer so geheimnisvolle aufregende Geschichten. Buchenwald, Gefangenschaft, Russland, Menschen in Not und Armut und der warmen russischen Seele in ihrer Unterdrückung durch die Kommunisten. Onkel Heinz war Fallschirmspringer auf Kreta, aber bei den Amerikanern in Gefangenschaft. Jetzt Polizist in Grünwald bei München. Großvater erzählte geheimnisvoll, dass sie nach dem Sturz der Nazis mit den Amerikanern Russland befreien wollten. Als das dauerte, wurde die Maschinenpistole gut gefettet vergraben.

Es hatte wieder einmal Tränen der Not bei Mutti gegeben. Wir hatten ein Zimmerchen bei der befreundeten Frau mit Tochter. Vater war in den Westen geflüchtet. Es war eine Zeit voller Unruhe. Die Jalousetten waren auch tagsüber in dieser gemeinschaftlichen Parterrewohnung heruntergelassen.

Es waren die Unruhen des 17. Juni 1953.

Da lagen an jenem Morgen das zerrissene blutverschmierte Hemd und die zerbrochene Taschenuhr in der Stube. Endlich konnte ich deren geheimnisvolles Innenleben betrachten. Es waren die Unruhen des 17. Juni 1953. Mutter trug allein als Verkäuferin die Bürde unseres Daseins. Ich war viel allein. Ich weiß nicht mehr, wie dieser "Gute Tag" endete. Mutti hat mich wieder. Wie üblich Tränen.

Und dann wieder Großvater. Zu Hause auf diesem kleinen verträumten Bauernhof, dem hohen Bretterzaun zur Straße. Dieses vertraute heimelige kleine Bauernhaus mit dem verwunschenen Garten. Dem angrenzenden Hühnergarten und der vom Flieder beschattete Moddergraben, in welchem sich das Federvieh nach dem Regen tummelte, um fette Würmer zu suchen.

Wäre da nicht diese endlose von Birnen- und Apfelbäumen gesäumte Straße mit dem Kopfsteinpflaster gewesen, welche sich mit einer leichten Windung durch die hügelige Landschaft des Harzvorlandes zog, hätte der hoch am blauen Himmel kreisende Bussard das tief im Tal versteckt liegende "Dalldorf" wohl nicht wahrgenommen.

Dörfliche Idylle.

Stille lag meist über der Landschaft. Am Dorfeingang der Dampfpflugschuppen mit den mächtigen Dampfmaschinen und den riesigen Kippflügen. Großvater, während des Krieges Schlosser in Oschersleben, half dort manchmal. Gegenüber die Bäckerei mit Gaststätte und dem Kinosaal. Man konnte sich hinter der Leinwand verstecken und die Filme von hinten sehen. Das Bad auf der Tenne mit Lilo Pulver war nicht jugendfrei. Unser nicht enden wollendes Lachen hat uns dann verraten.

Gegenüber unserem Anwesen waren die Schule und die Pumpe mit dem zentralen Brunnen. Lehrer Vogel, Respektperson dieser Vier-Klassen-Grundschule. Musik, Deutsch, Mathe usw. getrennt nach Bankreihen und Schulfächern. Einmal bekam ich Hiebe mit dem Lineal. Es war in der Pause des Öfteren üblich, an der nach Chlor riechenden geteerten Rinne weit und hoch pinkeln zu üben. Ich kam bis unter die Decke. Ein wohl schon für das MfS übender Mitschüler petzte...

Lehrer Vogel kam zu schnell. Die Tropfen von der Decke befeuchteten seine mächtige Glatze. Irgendwie hatten viele im Dorf vor Großvater Respekt. So auch jetzt. Lehrer Vogel beendete seine Misere schnaubend vor Wut mit seinem großen karierten Taschentuch.

Großvater erfuhr nichts. Respekt?

Außerdem war da noch der ewig stickige, betonierte Dachboden, wo im Herbst das Getreide trocknete, dort diese geheimnisvolle Truhe mit den Bildern, Schriftstücken und den vielen, vielen alten Büchern, welche ich noch weit in die Jahre hinein auf dem Plumpsklo verschlang. Dieser Dachboden mit dem Bauernschrank, welcher an der Rückseite der Räucherkammer stand.

Vom Großvater und dem Sohne.

Nachts, mein Bett mit der stramm gestopften Haferstroh-Matratze, stand schräg neben dem des Großvaters. Dieser grummelte oft "Sohne, Sohne haste Hunger?". Dann schlichen wir leise, damit Großmutter nichts merkte und schimpfte, wie zwei Räuber in die Küche. Großvater schnitt dicke Knieften vom Graubrot und Sohne organisierte herrlich duftende Bauernmettwurst oder dicken Schinken aus der Räucherkammer. Großmutter hatte das all die Jahre nicht bemerkt. Sie lächelte nur morgens.

Das Leben auf dem Hof mit angrenzender Scheune, Schweine- und Ziegenstall war geprägt von Geben und Nehmen. Geben, das war die Pflicht ohne viele Worte. Straßefegen, Hühner und Ziege füttern. Klee und Luzerne vom Acker holen. Ich hatte eine Sichel und eine kleine Sense, einen herrlichen Wagen mit blauer Scherenstange und "Hansi", meinen Ziegenbock. Na ja, ab und an wollte er nicht und die Reise endete im Straßengraben.

Da war dieser riesige Birnbaum im Garten, dessen apfelförmige Früchte erst durch die Herbststürme erreichbar wurden. Die daran befestigte Pumpe und der gemauerte Brunnen, auf welchem ich als Baby in dieser bunten Wiege mit Gerald, dem Jugendfreund aufwuchs. Gerald, er wohnte nebenan, hatte einen markanten Leberfleck über dem Auge. Der versteckte geheimnisvolle Säbel seines Großvaters auf dem Heuboden.

Die vielen Lausbubenstreiche am alten Gletschersee, den Steinbrüchen: Brennesel an Mädchenbeine und Maikäfer für die Hühner. Der Tagesbeginn hatte eine feste Routine. Großvater wusch sich als Erster in der Schüssel auf dem weißen schmiedeeisernen Dreibein. Dann Großmutter. Jetzt war das Wasser schon seifig und der Sohne dran.

Ein Fremder kommt zu Mutter zu Besuch.

Eines Tages kam Mutter zu Besuch mit einem Fremden. Er tat sehr freundlich. Nahm mich auf den Schoß. Er wäre jetzt mein Papa. Ein Fahrrad hatte er mitgebracht. Ich wollte das nicht. Ich ging lieber zu Fuß. Dabei konnte man lesen oder Schmetterlinge fangen oder die Bäume beschnitzen, letzteres garantierte, wurde man erwischt, Prügel. Außerdem hatte mir Großvater von einem alten Damenfahrrad die Sattelstange abgesägt, das Hinterteil herunter gebogen und somit brauchte ich das Rad von dem Fremden NICHT. Überhaupt wollte ich kein neues Fahrrad. Bei meinem Rad konnte ich so herrlich auf den Pedalen sitzen.

Irgendwie hörte ich dann, wie Großvater mit Otto und Oma tuschelte. SED, Kommunist und dann fiel mir auch das Abzeichen auf dem Jackett auf. Ich hörte jetzt öfter: Wenn es mal anders kommt, freie Wahl, Friedensvertrag, Westen, Freiheit, nicht in die LPG.

Nun, Mutter und der Fremde reisten ohne mich ab. Sie hatten auch keinen Platz. Ein Glück, mein Hansi, meine Verstecke auf Scheune und Heuboden wären verweist. Dann kam die Reise mit Großmutter nach Grünwald. Onkel Heinz und Tante Lotte, Karin. Kaugummi und das ständige Erröten beim Milchhof gegenüber. Schüchterne Frage "Hamse Milch? - Wir haben Milch Kleiner! Bei uns gibt es alles!" Tuscheln hinterm Ladentisch, Besuch aus dem Osten. Dann Karin, die Cousine: herrlich duftend mit roten Fingernägeln. Vorpubertäre Gefühle im Westen. Dann die letzte Reise mit Großmutter 1961 - Mauerbau.

Alles endete am Horizont.

Polytechnische Oberschule. Ich lernte kein Russisch. Die Russen sind Besatzer. Ständig Ärger in der Schule. Aber irgendwie schaffte ich den Abschluss doch. Großvater hört das Echo des Tages - Bruder und Schwester halte durch!! Letztes Schuljahr, meine reaktionären Äußerungen werden dem Stiefvater unbequem. Der Fremde holt mich nach Hause. Na ja, es geht in die Stadt. Da ist auch schon das gewünschte Schwesterchen. Bärbel. Immer gewünscht. Der Ärger in der Schule potenziert sich, vortreten und vergattern beim Fahnenappell, Worte fallen wie Klassenfeind, reaktionäres Verhalten.
Stiefvater verbietet das Westfernsehen - schaut heimlich selbst und Mutti leidet. Dann bekomme ich über Tante Hilde, Verwandtschaft von Vati, Kontakt nach Westberlin. Er schickt mir eine Nietenhose. Derber blauer Stoff mit echten Nieten an den Taschen. Stolzes Tragen. Es dauert nur wenige Tage, Stiefvater verbrennt sie im Ofen. Bekenntnis gegen den sozialistischen Staat.

Staat? Besatzungszone sagt Großvater.

Die Amerikaner befreien uns!! Es kommt mal anders.
Die Schulzeit ist aus. Jugendweihe - Großvater betet jeden Morgen beim Frühstück, nur mit der Kirche hat er nichts im Sinn. Wieder die Erlebnisse aus der Gefangenschaft. Es gibt keine Fahne in und am Haus. Nur Maiengrün zu Pfingsten am Staketenzaun.

Ich wollte zur See.

Die Wahl des Berufes steht zu Debatte. Na ja, da sind die alten Bücher vom Dachboden. Dieses nicht mehr fahren dürfen nach München. Und immer wieder die tollen Pakete - Ostern, Weihnachten. Die Osterhasen wurden Weihnachten gegessen und die Weihnachtsmänner Ostern. Sonst dekorierten sie die Glasvitrine in der nur zu Festtagen offenen guten Stube. Ich wollte zur See.

Na ja, Vater im Westen, renitent in der Schule. Worte wie Bewähren, später vielleicht ... Es begann eine Bäckerlehre. Hat irgendwie auch Spaß gemacht. Man konnte herrlich naschen und es gab manchmal auch Ananas aus Büchsen. Doch dann begannen auch die Kadergespräche. Trotzig blieb ich bei Großvaters: "Es kommt mal anders" - Kubakrise. Irgendwann mopste ich dann mein Sparbuch mit dem Jugendweihegeld, Vater hatte geschrieben, er sei in Westberlin Ingenieur und ich könnte bei ihm alles werden, kaufte mir eine Fahrkarte, schnürte meinen Rucksack und fuhr nach Berlin. Ich hatte Angst vor der grünen Grenze, Sperrgebiet usw. Kindliches Gemüt.

Berlin - da war man gleich dran.

Wochenlang suchte ich ein Mauseloch. Gleich neben dem Brandenburger Tor in einer Ruine versteckte ich mich in den unter Wasser stehenden Kellern und schlief auf Gartenstühlen ganz weit drinnen. Das Geld wurde alle und der Hunger nagte. Irgendwann an einem Abend wäre ich vor Verzweiflung am Spreebogen gegenüber dem Reichstag ins Wasser gesprungen. Ich war durch den Draht. Ein Postenturm war nicht besetzt. Das Herz schlug bis zum Halse. Springen?? Ich war ein schlechter Schwimmer. Plötzlich Schreie von der anderen Seite. Halt! Halt! Ein kurzer Feuerstoß aus einer Maschinenpistole. Zurück, nur weg laufen ohne Gedanken. Wieder der Keller mit den Ratten. Hunger.

Währe das Kreuz an der Gedenkstätte am Spreebogen ohne Namen von 1964 das Meine?

Irgendwann trieb mich der Hunger vor den Tränenpalast. Irgendein junger Mann sprach mich an und fragte, ob er mir helfen könne. Blauäugig erzählte ich, dass ich abhauen wollte, zum Vater. Wir fuhren ein paar Stationen mit der S-Bahn. Er wollte nur einen Schlüssel holen. Er kam nicht zurück. Aber zwei Männer in Zivil legten mir Handschellen an. Ein unheimlicher Gefängnisbau erwartete mich. Zellen, Gitter, ständiges Knallen der Riegel, Schreie, Fluchen, Drohungen und immer diese rhythmisch wippenden Gummiknüppel, welche an die Stiefel des Wachpersonals klatschten und auch manchen der rechtlosen Jammergestalten trafen. Einschluss. Müdigkeit, unendliche Müdigkeit.

Die erste Erfahrung.

Auf dem Bett liegen ist verboten. Angst. Ständig das Belauern durch den Spion. Ich schlafe vor Angst schlotternd auf dem derben Holzschemel ein. Es riecht nach Chlor aus diesem Kübel. Durst? Kein Wasser. Der Stragula-Fußboden riecht nach Bohnerwachs. Jähes Erschrecken. Knallend fliegen die Riegel der Tür zurück. Gefangener raus treten zum Verhör.

Ich hatte keinen Namen??

Mit schlotternden Knien auf dem Gang mit den vielen Riegeln an den Türen. Treppen, Netzen wie im Zirkus zwischen den Etagen. Marsch. "Gehn se". Ich bin noch ein Kind. "Hier haben se keine Rechte. Gehnse. Gehnse!"

Verhör.

Grelles Licht. Ein Stuhl. Setzen. Drohungen. "Gesteh', dann kannste nach Hause". Drohungen, Angst.

Ich gestehe, ich will zu meinem Vati nach Westberlin, ich will Seemann werden. Immer wieder hinter dem grellen Licht, Klassenfeind, Bonner Ultras, Weltkrieg, Sozialismus. Ich mag nichts mehr hören, ich habe Hunger, Durst, ich bin müde. Ich will zu meiner Mama. Ich möchte mich ankuscheln und weinen. Großvater!! Ich bin aber auch trotzig. Es geht so eine Weile, Tage, Wochen. Dann wieder das Knallen der Riegel. Raus treten, Sachen packen.

Transport.

Ein Haufen Jammergestalten auf dem Bahnsteig. Grotewohlexpress sagte rechthaberisch so ein tätowierter Typ. Er hatte wohl Erfahrung. Stunden, Tage, Halberstadt. Irgend so ein Gerede von Bewährung, Stiefvater, der verdienter Genosse sei, der Mutter... Zu Hause?

Diesen Staat wollte ich nicht mehr ertragen.

Zurückmelden in der Konsumbäckerei. Kadergespräch. Bewähren. Klassenfeind. Ich konnte die Gummiknüppel in der Kaiwitzstraße nicht vergessen. Diesen Arbeiter und Bauernstaat wollte ich garantiert nicht mehr ertragen. Seefahrt, Amerika, Freiheit.

Träume.

Ein paar Wochen danach war ich mit einem Bekannten auf dem Weg zur grünen Grenze. Der macht beim Anmarsch in jener mondhellen Nacht auf dem Acker kehrt. Angst?? Hundegekläff. Nun auch dieser Versuch schlug dank des heroischen Klassenbewusstseins eines zivilen Grenzaufklärers fehl.

U-Haft.

Unbelehrbar. Na, ja die Tante war schuld. Der Klassenfeind. Sieben Monate Gefängnis.
Wieder dieser Grotewohlexpress. Tagelanger Transport. Kein Zeitgefühl, Hunger, Durst, Drohungen. Aussteigen auf den Gefängnishof. Düsteres Gemäuer, mit zum Hof durch Blenden verunzierte Gitterfenster. Blasse Kindergesichter, die aus der grünen Minna torkelten.

Antreten! Rechts um Marsch. Das sollte ich viele Monate hören. Die schneidigen uniformierten Gestalten der Bewacher. Nazigesichter, in der Staatsbürgerkunde schon mal gesehen. Eigentlich hatte ich mir so die Nazis vorgestellt, nur das Hakenkreuz war durch Hammer und Sichel ersetzt. Dieser Befehlston. Keine Rechte, Pflichten, Wiedergutmachung durch Arbeit und Gehorsam. Zwangsarbeit - bei Kindern??

Haftanstalt Luckau: Zwangsarbeit, "Erziehung", Prügel.

Zugangszelle. Der Herzschlag wird ruhiger. Effektenempfang. Ein Langstrafer verteilt die Sachen. Unwirsch, wie einem Hunde vorgeworfen. Hast, Privatsachen abgeben. Nichts, bis auf ein Bild von Großvater bleibt mir. Abgetragene Armeeklamotten, Turnsachen, Tagesuniform (altes Blauzeug mit gelben Streifen an Hose und Jacke), Käppi, Unterwäsche, Taschentuch, Handtücher, Arbeitsdrillich und der obligate, wohl noch von der Wehrmacht stammende, Zahnstein.

Zuweisen auf die Erziehungsgruppen, die Zellen in diesem alten Gemäuer mit der hohen Mauer und dem vorgelagerten Schlammgraben, wie erzählt wurde. Luckau. Empfang durch den Zellenältesten. Strafgefangener mit besonderen Rechten, meist vorbestraft wegen Körperverletzung, Diebstahl, etc. Einteilen zur Arbeit. Es ging im Zweischichtsystem mit dem Bus in die Schraubenfabrik Finsterwalde. Uralte Stanzmaschinen. Wieder das Vergattern. Normerfüllung, Wiedergutmachung, wird die Norm nicht erfüllt, müssen alle leiden. Freizeitentzug, etc. Die Zellenältesten sorgen schon dafür, das alles klappt. Sonst "Blinde Kuh". Nachts wird den Armen dann der Schlafanzug über den Kopf gezogen und drauf geprügelt. Irgendwann schafft jeder die Norm.

Nach der Arbeit antreten im Karree. Oftmals stundenlanges Marschieren bei Wind und Wetter und Maskenball. Kleidung wechseln im Dauerlauf. Wildes Durcheinander. Die Zellen sind zerwühlt, die Sachen liegen auf einem Haufen. Wildes Fluchen und Zerren, Prügel. Nachtruhe.

Teil I Jürgen-Kurt Wenzel erzählt von seiner Kindheit und dem geliebten Großvater.

Mit 17 Jahren unternimmt er einen Fluchtversuch - erste Haft-Erfahrungen.

Eine Odyssee beginnt.

Teil II Wenzel schildert seine erste große Liebe, mit ihr unternimmt er einen Fluchtversuch.

Dieser scheitert - wieder kommt er in Haft.

Dort macht er die schmerzhafte Erfahrung: Als politischer Häftling hat man keine Rechte.

Teil III Eintöniger Haftalltag, grausam durchbrochen von Willkürakten, Schikane, Gewalt.

Aber Wenzel erzählt auch von den Gerüchten, die Hoffnung machen.

Und von Freundschaft, die überleben hilft.

Teil IV Das Leben nach der Haft: Liebe, Heirat, Freundschaft, Familie.

Die Stasi hat ihn im Visier, der Ausreiseantrag ist gestellt.

Doch die Freiheit wartet.

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2004, 17:03 Uhr