Autobiographie Freiheit, die ich meine - Teil II

Mein Leben in der "DDR"

Jürgen-Kurt Wenzel schildert seine erste große Liebe, mit ihr unternimmt er einen Fluchtversuch. Dieser scheitert - wieder kommt er in Haft. Dort macht er die schmerzhafte Erfahrung: Als politischer Häftling hat man keine Rechte. Nach einer Gefangenenmeuterei ein erneuter Prozess - zwei weitere Jahre Gefängnis. Willkür, Repression und Gewalt bestimmen seinen Alltag.

von Jürgen-Kurt Wenzel

Täglich das Gleiche. Nur an den Wochenenden etwas Ruhe. 30-Mann-Zelle. Ein stinkender Kübel für alle. Nur die Starken kommen dran, er läuft über. Die schwachen kübeln. Ich arbeite an einem alten Gasofen. Der Husten quält. Ich habe Heimweh. An den alten Stanzmaschinen verlieren des Öfteren Mitgefangene ihre Finger. Die Maschinen schlagen nach. Mir schmerzen die Arme. Ich melde mich krank.

Der Arzt ist da. Hat neben seiner Tätigkeit in der Stadt hier Sprechstunde. Hose runter - zwei Sanis halten mich an den Oberarmen fest. Der Arzt jagt mir eine Spritze ins Gesäß. Es schmerzt und brennt. Am nächsten Tag kann ich kaum laufen. Ein Schließer schreit mich an und schlägt mir mit dem Knüppel auf den geschwollenen Po. Die Welt dreht sich. Mitgefangene erzählen, mir ich hätte drei Tage in Ohnmacht gelegen.

Die Justiz sagt nach der Wende: "verjährt". Noch heute habe ich dort Schmerzen.

Sprechtag: Großvater besucht mich.

Mit traurigen Augen sitzt er, der markante Scheitel am kantigen Schädel über dem von der Sonne gebräunten kräftigen Bauernnacken. Die derben Hände nervös hilflos auf dem Holztisch. Wieder dieser Stragula-Geruch im spartanisch eingerichteten Besucherzimmer. Ein Wachposten auf dem Stuhl in der Ecke. Argwöhnisch äugend.

Anfassen, Küssen verboten. Ich möchte kuscheln, die Tränen drücken.

Großvater räuspert sich. Er schiebt ein paar Ess-Sachen über den Tisch. Im Pergamentpapier ahne ich die Bratwurst aus der Räucherkammer. Der vertraute Geruch dringt in meine Nase. Großvater räuspert sich. "Grüße von Oma und allen". Vorsichtig tasten seine derb schwieligen Hände über den Tisch. Der Posten räuspert sich. Besucherzeit zu Ende.

Es wird Sommer.

An den Wochenenden werden wir in die Schlammgräben der Lausitz gefahren. Gräben säubern. Posten mit Maschinenpistolen und kläffenden Hunden. Die Verpflegung ist etwas besser. Ein fürchterlicher Sonnenbrand quält mich. Vom Arzt habe ich die Nase voll. Die Zeit wird gesichtslos.

Dann habe ich es geschafft.

Mutter und Stiefvater sind nach Halberstadt verzogen. Wegen mir, sagen sie. Ich habe von allem die Nase voll. Will nur noch weg. Die Bäckerlehre schmeiße ich. Suche mir Arbeit in einem Sägewerk. Scheiß Arbeit auf dem Holzplatz unter dem Kran. Habe in der Haft ein paar Typen kennen gelernt. Einer war wohl Kreismeister im Boxen. Diese, obwohl kriminell eingesessen, mögen mich. Beschützen mich.

Wir treffen uns in der Mitropa usw. Ich behaupte mich und lerne Bier zu trinken. Eines Abends nach einem mächtigen Gelage sticht mich der Hafer. Will wohl Mut zeigen. Kurzum, wir steigen auf einem Sportplatz in eine Kantine ein und lassen Zigaretten und Schnaps mitgehen.

Es hatte geschneit. Unsere Fußspuren führten zu einer Hecke, wo wir das meiste versteckten. Den Rest nahmen wir mit nach Hause.

Wieder fünf Monate Luckau.

Der Staatsanwalt faselte von Geringfügigkeit, aber Volkseigener Betrieb. Kein Klassenbewusstsein und Fluchtgefahr. Dieser unbändige Drang in den Westen.

Irgendwie waren diese fünf Monate mehr Routine.

Mittlerweile war ich volljährig. Hatte ein Zimmer bei den Eltern, eine umgebaute Backstube. Die nässende Wand zum Backofen war mit Teerpappe isoliert.

Da war dieses blonde Mädchen mit den langen Haaren.

Im Gesicht etwas von Karin. Ich sah sie an jedem Abend in der Küchentür der Mitropa. Wie üblich tranken wir in der Mitropa-Gaststätte Bier. Es wurde eine Zeit der Exzesse. Sie war mir überlegen. Sie führte und forderte mich. Die Arbeit im Sägewerk wurde zur Qual. Die Knie waren weich.

Bis - bis sie völlig aufgelöst vor mir stand. Tränen schossen aus den Augen. Zitternd und bebend schluchzte sie, den heißen Körper wild ankuschelnd. Das Herz raste. "Meine Mutter, meine Mutter", sie bebte: "Ich soll in den Jugendwerkhof'. Sie war erst 16. Hatte wieder heimlich Radio Luxemburg gehört, Feindsender. Die Mutter, eine attraktive dunkelhaarige Kellnerin mit großer Männerbekanntschaft in der Mitropa, war Genossin. Nach Feierabend nahm sie die Herren mit nach Hause.

Das Kind war im Wege. "Schatz", der Körper bebte. "Lass uns in den Westen. Schatz!!" Leise, sie flüstert: "Ich bin schwanger".

Wie ein Blitz. Der Körper war wie gelähmt. Die Flucht schon zwei Mal gescheitert. Das Gerede an den abendlichen Biertischen von Grenz-Erfahrung, als wenn ich täglich zum Einkaufen in den Westen ginge. Brockenmoor. Versteckte Pfade.

Hilflosigkeit. Angst.

Du hast doch erzählt vom großen Bruch. Der Graben geht bis zur Grenze. Irgendjemand hatte da so etwas erzählt. Na ja, wenn man immer dem Graben lang ging.
Wie weit? Zehn, 20, 50 Kilometer.

Panik.

Die Geliebte in einer Erziehungsanstalt? Der heiße schluchzende Körper klammert sich an mich. Da war dieser verwilderte Garten mit der Laube. Es wurde Morgen.

Fliehen! Ich kenne mich aus!

Nicht mehr denken, die Tage vergingen. Heimlich werden Rucksäcke besorgt. Verpflegung. Ach ja die Kombizange wegen dem Stacheldraht. Die Freundin und deren Freund wollten auch mit. Der hatte ein Motorrad. Praktisch auf dem Sozius bis Oschersleben und dann zu Fuß. Zwischendurch die Exzesse in der Laube. Renate ließ sich an jenem nebligen 7. Oktober als Erste zum Bruchgraben fahren. Ich wartete am Anfang der Straße.

Plötzlich markante Gestalten. Wie die Bilder von der Gestapo. Herzjagen. Wilde Gedanken. Hastig hetze ich zum Ausgang der Stadt. Da kommt das Motorrad. Wildes Winken. Zurück, zurück vom Bruchgraben. Weit weg von der Grenze. Auf dem Rückweg unvergesslicher Nebel. Tatütata. Ein Feuerwehrauto im Einsatz, Schritttempo. Ein Feuerwehrmann mit einer Laterne weist zu Fuß den Weg. Tatütata. Die Feuerwehr entschwindet im Nebel.

Wir haben Angst. Da die Straße am Bahnhof. Huschende Gestalten in langen Mänteln.

Wir werden verhaftet. U-Haft.

Ich habe Erfahrung. Bin schon fast zu Hause. Korrektes Stehen an der Wand unter dem Fenster. U-Gefangener Wenzel meldet sich zur Nachtruhe. Schräg über den Gefängnishof die mit Glasblenden bewehrten Fenster des Frauentraktes. Wenn man sich Mühe gibt, kann man die Blenden etwas nach oben schieben und etwas von dem Gegenüber erspähen, Sehnsucht nach der Geliebten, der heiße Körper, die Laube.

Vorsichtiges, leises Rufen. Renate.

Plötzlich Antwort. Schatz, Hilfe, ich habe Angst. Die Abende wiederholen sich. Regelmäßiges Liebesgeflüster. Leise gesungene Liebeslieder: Gehn sie auf im Stadtpark, die Laternen. Irgendwann keine Antwort mehr. Banges Rufen, Sehnsucht. Keine Antwort. Die üblichen Verhöre. Drohungen, Knüffe, Handschellen auf dem Rücken. Wenn Du gestehst, lassen wir die Freundin raus!

Eines Tages wie beiläufig, die Mütze in den Nacken geschoben: "Deine Freundin hat einen Anderen. Sie ist schon lange zu Hause." Bleierne Leere. Der Raum, die Welt stürzt ein. Renate. Wieder diese Worthülsen vom Klassenfeind. Sozialismus, Weltkrieg, wir siegen. Dann das erste Mal die Drohung: Für Klassenfeinde haben wir die Todesstrafe. Die Zeit wird leer!

Dann der Termin. Renates Mutter hatte uns bei den Staatsorganen verraten. Zum Schutze vor Weltkrieg und Klassenfeind und und und.

Zwei Jahre Zuchthaus. Mehrfachtäter, unbelehrbar.

Wir liegen auf einer Sechs-Mann-Zelle. Da war so ein Älterer mit Brille. Man erzählte, er war Fallschirmspringer. Spezialausbildung, Russland, Stasi. Die üblichen Knastgespräche von Befreiung durch die Amerikaner, Amnestie aber auch Flucht. Flucht. Es wurde das Thema. Wir putschten uns hoch. Der von der Stasi kannte die Grenze genau. Malte die Stolperdrähte auf. Wollte aber nicht mit. Angst! Geheimnisverrat, Todesstrafe. Wir wollten ihn fesseln.

Der Plan stand.

Am Wochenende, wenn nur zwei Schließer Dienst hatten, sollte ein Defekt durch das Betätigen der Alarmklappe gemeldet werden. Der Wachmeister sollte überwältigt und auf dem Bett gefesselt werden. Mit seinem so in unseren Besitz gelangten Schlüssel würden noch andere Mitgefangene befreit werden und über die Außenmauer in die Freiheit gelangen.

Ein Ausbruchsversuch wird im Keim erstickt.

Ein Wasserhahn wurde beschädigt. Die Klappe beworfen. Der Wachtmeister kam. Er ließ sich in die Zelle locken. Pummel, ein Bergmann aus Blankenburg, welchem vor Jahren die Flucht in den Westen gelungen war, er wurde beim Benutzen des Transitweges nach West-Berlin verhaftet, kickte diesen mit einem Handkantenschlag zu Boden. Der Wachtmeister, der sich "heldenhaft" wehrte, wurde auf dem Bett gefesselt. Ich entwand ihm den benötigten Schlüssel mit den Worten: "Denk dran, wenn es mal anders kommt, hängt ihr am nächsten Baum." Nun, der Klassenfeind war stärker.

Der Daumen war noch am nächsten Tag geschwollen. Bin Held!! Doch plötzlich erschien der zweite Wachposten in der Zellentür. Blitzschnell erkannte er die Situation und die Tür flog krachend zu. Lähmung, die Herzen schlugen bis zum Halse. Der Gefesselte entledigte sich der ihn gebändigten Handtücher, raffte seine Mütze und eilte, hochrot im Gesicht, fluchend zur Zellentür.

Getrampel auf den Gängen. Die Tür flog auf. Unter dem Klatschen der Gummiknüppel wurden wir aus der Zelle getrieben. Schläge, Einzelhaft, Herzklopfen, Trotz. Wir hatten gekämpft und Blessuren erlitten. Wunden machen manchmal stark. Banges Warten.
Zellenaufschluss nur mit vier Mann. Angst, aber der Kamm schwoll blutrot. Blutrot??

Wie war das mit Widerstand und dem Planen eines gewaltsamen Grenzdurchbruchs? Wer hätte Waffen besorgen können, Malachithöhlen und den NVA-LKW? Hatten wir wieder nur gesponnen. War es besser so, dass die Flucht im Keim erstickt war?

Das Urteil: Zwei Jahre, zehn Monate.

Es waren nicht die zermürbenden Verhöre. Die Zeit verrann. Drohungen. Der Tatbestand war klar. Unverbesserliche Feinde dieser doch so herrlichen Jubelgesellschaft. Wie voll waren doch die von wehenden Fahnen und riesigen Plakaten geschmückten maroden Mauern und Straßen. Jubelnde, vom Sieg überzeugte, Massen an jedem Fenster. Wo sind sie nur heute geblieben?

Dann plötzlich, vierfach blendend, die Tür flog auf. Stramme Haltung an der Wand unter dem verrammelten Fenster. U-Gefangener die Anklageschrift. Und wieder schob ein Vopo eine dünne Mappe herein. Wieder die höhnische Drohung, "Kriegst mindestens 15 Jahre".

Fünf Minuten, dann sind sie fertig. Herzklopfen. Später, nach der Verurteilung, mit dem Urteil zwei Jahre 10 Monate, die gleiche Prozedur. Nun an diagonales Lesen gewöhnt, hastig zwei Seiten Haftgrund und Kategorie rausreißend und in den Kübel. Die Verhandlung ging blitzschnell über die Bühne.

Unbelehrbar. Klassenfeind. Zuchthaus am besten..., aber man ist ja human. Wo ist der von der Stasi?

Schweigen. Auf dem Weg zum Gericht, ich bin an Pummel gekettet, öffnet sich die Handschelle. Zehn, 20 Meter durch den Gerichtsgarten bis zur Straße. Hektische Gedanken, Flucht?? Fieberhaft, die Gedanken überschlagen sich. Vorsehung?

Pummel drückt das Eisen wieder zu. Schaut vorwurfsvoll. Er ist älter und denkt anders.
Da sind die drohenden Pistolen an den Koppeln. Der Arm schmerzt. Die Anspannung weicht dem zermürbenden Warten auf den Transport. Vier Jahre und 10 Monate Zuchthaus liegen vor mir. Unbegreiflich.

Zellenfilzung: Wo sind die Blätter aus der Akte?

Was wird wie werden? Da ist dieses Lied: "Wer die Freiheit hat erfunden, hat an Kerker nicht gedacht... Ist die Knastzeit dann zu Ende und du kehrst in dein Heimatland, deine Eltern sind gestorben und du bist ein alter Mann."

Leere im Kopf. Der Tagesablauf geht in den typischen Knastalltag über. Keine frische Luft, Chlorgestank, Aufschluss. Die Riegel fliegen zurück. Meldung, kübeln, essen. Der typische Knastfraß. Zum Trinken Muckefuck und Tee. Plötzlich fliegt die Tür auf. Rollkommando. "Raus, raus". Gesicht zur Wand. Beine breit, ein Stiefel hilft schmerzhaft nach. Hände ins Genick. Zellenfilzung. Der Fußboden füllt sich mit den kargen Sachen. Gebrülle. Geschimpfe.

Dann wieder so ein Klassenkämpfer. Bulliger Landarbeitertyp mit den Nazimanieren. "Wo sind die Blätter aus der Akte?" Das Herz schlägt bis zum Halse. Siedend heiß. Ich hatte sie eng gefaltet zwischen Schuh und Brandsohle mit Marmelade in meine Privatschuhe eingeklebt. Ich war verraten. "Ausziehen." Fahrig zitternd entkleide ich mich splitternackt. Schuhe auch aus. Das Herz rast. Naht für Naht wird abgetastet. Der dünne Rest Kernseife, durch den das Licht scheint, wird durchgebrochen. Die Zahnpasta auf den Fußboden gequetscht, bis die Tube leer ist.

Bücken.

Brutal schiebt sich des Arbeiters Finger in meinen Darm und wühlt. Aus den Augenwinkeln sehe ich wie ein Vopo meine Schuhe untersucht. Plötzlich fliegen alle Sachen in die Zelle. Die Tür schlägt zu. Wieder das Krachen der Riegel.

Raatsch, der dicke Mehrfachschlüssel betätigt das Schloss. Ich bin erschöpft. Ich darf sogar schlafen. Irgendwann: "Sachen packen!" Die Schuhe sind intakt. Die Tür fliegt auf. Marschverpflegung. Gänge, Treppen, Gefängnishof. Das Tor. Die Schleuse zur Freiheit oder zur Hölle.

Teil I Jürgen-Kurt Wenzel erzählt von seiner Kindheit und dem geliebten Großvater.

Mit 17 Jahren unternimmt er einen Fluchtversuch - erste Haft-Erfahrungen.

Eine Odyssee beginnt.

Teil II Wenzel schildert seine erste große Liebe, mit ihr unternimmt er einen Fluchtversuch.

Dieser scheitert - wieder kommt er in Haft.

Dort macht er die schmerzhafte Erfahrung: Als politischer Häftling hat man keine Rechte.

Teil III Eintöniger Haftalltag, grausam durchbrochen von Willkürakten, Schikane, Gewalt.

Aber Wenzel erzählt auch von den Gerüchten, die Hoffnung machen.

Teil IV Das Leben nach der Haft: Liebe, Heirat, Freundschaft, Familie.

Die Stasi hat ihn im Visier, der Ausreiseantrag ist gestellt.

Doch die Freiheit wartet.

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2004, 12:49 Uhr

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