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Lexikon Bildende Kunst

Die Situation für die bildenden Künstler war eigenartig: Einmal wussten sie große Betriebe als finanzstarke Geldgeber hinter sich, andererseits mussten sie um Bronze, Farben oder anderes Material betteln. Engpässe ließen auch Maler, Grafiker und Bildhauer oft verzweifeln. Was sie dennoch vermochten, zeigte z.B. die vieldiskutierte VIII. Kunstausstellung in Dresden.

Das spektakulärste Gemälde der DDR wurde erst in den letzten Jahren ihres Bestehens fertig. Werner Tübkes Darstellung der frühbürgerlichen Revolution in Deutschland zieht seitdem Scharen Schaulustiger an. Unbestreitbar ist das 123 Meter lange und 14 Meter hohe Rundbild ein einzigartiges Zeugnis über den Bauernkrieg im mitteldeutschen Raum, an dem Tübke und seine Studenten auf Staatskosten ein Jahrzehnt arbeiten konnten. Die Resonanz war nicht allein auf die ungewöhnlichen Dimensionen des Bildes zurückzuführen. Auch die Formensprache Tübkes sprengte die engen Grenzen, die der "sozialistische Realismus" den Künstlern zu setzen versuchte. Die großzügige Finanzierung des Leipziger Professors ist vielleicht das bekannteste Beispiel für Staatskunst, aber keinesfalls das einzige.

Bildende Kunst und Kulturpolitik in der DDR

Kunst in der DDR verbindet man heute zunächst mit der so gar nicht zusammengehörig scheinenden "Vierer-Gruppe" Willi Sitte, Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und dem schon genannten Werner Tübke. Willi Sitte war als Maler von Brigadebildern nicht abgeneigt, sich der jeweils gewünschten DDR-Kulturpolitik anzupassen; Heisig schuf expressive Großformate; Mattheuer lieferte Rätselhaftes und Tübke schuf eine eigene Figuren- und Landschaftswelt, war aber auch ein herausragender Vertreter der Historien-Malerei in der DDR. Dem malerischen Konzept der Gruppe, das in den 60er Jahren formuliert wurde, verdankt der sozialistische Realismus seine Distanzierung von der klischeehaften Propagandasprache der 50er Jahre.

Der Staat prägte die Rolle und das Erscheinungsbild von Malerei und Bildhauerei. Der bildenden Kunst wurde eine deutliche Funktion in der Selbstdarstellung der sozialistischen Gesellschaft zugewiesen. Die großen Dresdner Kunstausstellungen, die 1946 bis 1988 zehnmal organisiert wurden, gaben die Richtung eines sozialistischen Realismus vor. Die künstlerische Arbeit war durch die pflichtgemäße Mitgliedschaft im Verband bildender Künstler einer ständigen Kontrolle ausgesetzt.

Partei konnte offizielle Kunstproduktion steuern

Da es in der DDR keinen privaten Kunsthandel gab, besaß die Partei mit der zentralen Steuerung der Kunstproduktion durch öffentliche Aufträge ein wirksames Instrumentarium, um die Künstler zu disziplinieren und auf parteiliche Richtlinien festzulegen. Im Laufe der Jahre bestellte allein das Museum für Deutsche Geschichte im Berliner Zeughaus 120 Auftragsarbeiten. Museen und Parteiorgane, die Volksarmee, Betriebe und vor allem der FDGB vergaben Aufträge an die DDR-Künstler.

Schwierig war die Situation jener Künstler, die sich wie Max Uhlig informeller Ausdrucksmittel bedienten oder gar den verbotenen Dialog mit westlichen Kollegen pflegten, wie dies Gerhard Altenbourg tat. Da Altenbourgs individuelle Kunst in der DDR keine Verbreitungsmöglichkeit besaß, suchte der Thüringer Einzelgänger den Dialog mit dem Westen. Er bediente sich dazu eines Tricks: Er ließ seinen Zeichnungen vom DDR-Zoll die Kunstqualität aberkennen.

1953: Kampagne gegen abstrakte Kunst

Mit der Gründung der DDR 1949 orientierten sich die Künstler auf das klassisch-nationale Erbe, die sowjetische Kunst galt als Vorbild. Zuvor hatte es eine recht liberale Phase gegeben, die unter sozialistischen Vorzeichen Anknüpfungspunkte an deutsche Kunsttraditionen aus der Zeit der Weimarer Republik suchte. Die 3. Kunstausstellung der DDR 1953 in Dresden proklamierte die Kunst in der DDR als volksverbunden, parteilich, lebensecht und optimistisch. Mit einer Kampagne sollte die freie Entfaltung der Kunst gestoppt werden. Walter Ulbricht unterstützte den Kampf gegen die abstrakte Kunst mit der Begründung, die Darstellung "fauler Fische und Mondlandschaften" dürfe keine staatliche Förderung genießen.

Zu einem Höhepunkt staatlicher Kritik wurde die von sowjetischer Seite ausgelöste und vom ZK der SED mit kompromissloser Schärfe geführte "Formalismusdebatte", die sich gegen namhafte Künstler, darunter mehrere Mitglieder der 1950 gegründeten Akademie der Künste (AdK), richtete. Das Mitte März 1951 tagende 5. Plenum des ZK verabschiedete die Entschließung "Der Kampf gegen den Formalismus in Kunst und Literatur, für eine fortschrittliche deutsche Kunst". Der damit gerechtfertigten Kulturbarbarei fiel selbst eine von der AdK präsentierte Ernst-Barlach-Ausstellung zum Opfer, weil die Werke des Bildhauers nach Meinung der SED-Kunstexperten einen "düsteren, bedrückenden, pessimistischen Charakter" besäßen und die davon ausgehende Wirkung dem Volk nicht zugemutet werden könne.

Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten als scharfe Kontrollinstanz

Nach der rigoros durchgeführten Maßregelung der Künstler strengte die SED den weiteren Ausbau der Kulturinstitutionen und der parteigesteuerten Kunstadministration an. Am 31. August 1951 wurde die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten berufen, die in den nächsten Jahren die freie Kunstproduktion erheblich behinderte. Im April 1952 wurde der Verband Bildender Künstler (VBK) aus dem Kulturbund herausgelöst. Nach dem gewaltsam niedergeschlagenen Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 sah sich die SED-Führung dazu gezwungen, die besonders häufig kritisierten Zuspitzungen ihrer Kulturpolitik zurückzunehmen. So wurde die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten wieder aufgelöst und Anfang 1954 das Ministerium für Kultur eingerichtet.

Nach der verkündeten Entstalinisierung 1956 waren in den Kunstausstellungen auch wieder Bilder impressionistischer und expressionistischer Maler erwünscht. Trotzdem kam es immer wieder zu Ereignissen wie diesem: Im September 1961 organisierte der Bildhauer Fritz Cremer, Schöpfer der berühmten Figurengruppe im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald, eine Ausstellung mit Werken junger DDR-Maler, die am Eröffnungstag einen Eklat auslöste. Der Chef der Kulturkommission des SED-Politbüros, Alfred Kurella, hängte eigenhändig Bilder ab, die ihm nicht gefielen.

Sozialistischer Realismus mit platter Verherrlichung

Die Gattung des Landschaftsbildes trat im Verlauf der 50er Jahre völlig in den Dienst der ökonomischen Produktionspropaganda. Auf der Leinwand fanden sich fast nur noch Industrielandschaften, Bergbauszenerien oder Kolchosefelder mit pflügenden Traktoren. Statt des Familienbildes gab es eine Fülle von Arbeiterbildnissen und Produktionsgruppenbildern aus Industrie und Landwirtschaft, die das kollektive Arbeitsprinzip verherrlichten. Bernhard Kretzschmars Industriepanorama von "Eisenhüttenstadt" (1955/58), Günther Brendels "Braunkohletagebau" (1958) und vor allem Rudolf Berganders "Hausfriedenskomitee" (1952) sind Beispiele hierfür.

Der alles bestimmende sozialistische Realismus riss erst ab, als Sighard Gille 1976 betrunkene Arbeiter des VEB Baustoffmaschinen Eilenburg bei einer Brigadefeier zeigte. Mit einer nachträglichen Darstellung von nüchternen Gerüstbauern musste er die erzürnten Parteifunktionäre beruhigen. Eines der letzten Idealbilder einer Brigade malte Eberhard Heiland 1988 für den Wettbewerb "Max braucht Kunst" der Maxhütte in Unterwellenborn. Unter den Bewerbern sollten 30 Künstler ausgewählt werden. Da sich aber insgesamt nur 30 Maler einfanden, musste die Galerie wohl oder übel auch das comicartige Bild "Die Aura der Schmelzer" annehmen.

1971: leichte Lockerung in der Kulturpolitik …

Erich Honecker wollte mit seinem Amtsantritt 1971 neue Zeichen in der Kulturpolitik setzen. Und obwohl sich die Hoffnung auf eine generelle Liberalisierung spätestens nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 als Illusion erwies, wurde unter anderem in der Kunst tatsächlich ein neuer liberalerer Kurs gefahren. SED-Kulturpolitiker erklärten nun, Kunst ließe sich nicht allein auf ihre ideologische Funktion reduzieren. Man musste Einsicht zeigen, denn die bis dahin protegierte Propaganda-Kunst habe nicht zu den gewünschten Ergebnissen der Agitation geführt. Mit der bisherigen Verfemung origineller, vielschichtiger und vieldeutiger Kunst drohte das künstlerische Leben in der DDR zu veröden.

... doch Ende der 70er Jahre wieder verstärkte Ausreisen in den Westen

Fritz Cremer war einer der ersten Künstler und Intellektuellen, die sich gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns im November 1976 aussprachen. Neben Verhaftungen, Auftritts- und Publikationsverboten, wendeten viele Künstler freiwillig oder unfreiwillig der DDR den Rücken, so auch der Maler Ralf Winckler (alias A.R. Penck), der 1980 während eines Westaufenthaltes ausgebürgert wurde.

Parteiunabhängige Formen und Wege werden gefunden

Die Kultur des Samisdats, des Dissens und der Selbstverlage außerhalb der Zensur, war seit den späten 60er Jahren aus dem intellektuellen Leben der Sowjetunion, Polens, Ungarns und der CSSR nicht mehr wegzudenken. In der DDR entwickelte sich diese Form des künstlerischen Ausdrucks erst Anfang der 80er Jahre mit Kunstbüchern, Bildermappen und Zeitschriften in Eigenproduktion.

Das unabhängige künstlerische Samisdat konnte in der Regel meist nur kleine Auflagen von höchstens 100 Exemplaren drucken. In Leipzig hatte diese Form der oft ungewollten Opposition eine größere politische Bedeutung als in Berlin, da es der Staatssicherheit dort nicht in gleicher Weise möglich war, informelle Mitarbeiter einzuschleusen. Ein wichtiger Anlaufpunkt war die Leipziger "Galerie Eigen + Art" - organisiert und finanziert von Judy Lybke -, die einerseits einen Raum darstellte, der neben dem staatlich subventionierten Kulturbetrieb funktionierte, aber andererseits auch ein Zentrum der DDR-Kunst in den 80er Jahren war. Zwischen den Jahren 1985 und 1989 stellten in über 50 Ausstellungen viele Autodidakten und später auch westdeutsche und internationale Künstler ihre Arbeiten aus.

Improvisationstalent der Künstler ist gefragt

Auch in Magdeburg und Karl-Marx-Stadt gab es solche Wohnungs-Galerien. Die ausgestellten Kunstwerke waren keinesfalls für die Ewigkeit gedacht oder für die museale Stilllegung, sie waren konzipiert für Ereignisse und Zustände. So waren die wenigsten Bilder gerahmt oder hinter Glas, man benutzte billige Gebrauchsmaterialien wie Karton, Span- oder Sperrholzplatten. Der Mangel an Farben, Papier und Reproduktionstechniken forderte immer wieder aufs Neue das Improvisationstalent der Künstler heraus.

Eine in Leipzig 1984 veranstaltete bisher undenkbare, "unrealistische" Ausstellung spiegelte die Veränderungen in der Kunst der 80er Jahre wider. Einige Künstler (H. H. Gimmling, Heinze, Lutz Dammbeck, Günther Huniat, Wegewitz, Günther Firit) mieteten sich mit angeblichem Wissen des Künstlerverbandes Räume im Messehaus am Markt an und eröffneten eine unzensierte, nicht staatlich genehmigte Retrospektive unter dem Titel "1. Leipziger Herbstsalon", die in über vier Wochen von Tausenden von Besuchern begeistert aufgenommen wurde. Das rettete die Ausstellungsmacher. Niemand wagte nun, die Ausstellung zu schließen. Erst im Nachhinein wurde die Ausstellung als "konterrevolutionär" bezeichnet. Die Konsequenz: Drei Maler der Gruppe verließen die DDR.

Reaktivierung von freien Künstlergruppen

Mit der Gründung der Künstlergruppe "Lücke" 1971 in Dresden, der unter anderem Ralf Winckler angehörte, wurde in der Kunstgeschichte der DDR das Modell einer freien Künstlergruppe reaktiviert. Andere Künstler folgten dem Dresdner Beispiel. So entstand 1977 in Karl-Marx-Stadt die Künstlergruppe "Clara Mosch" um Michael Morgner und Gregor-Torsten Kozik. Ihre Aktivitäten veranlassten die Stasi zu einem Großeinsatz von 121 inoffiziellen Mitarbeitern. Vor allem in den 80er Jahren setzte ein wahrer Gründungsboom von Künstlergruppen ein mit Namen wie "Nach uns die Zukunft", "Autoperforationsartisten" oder "PGH Glühende Zukunft".

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2010, 11:28 Uhr

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