Beispiel für Funktionalität der Kücheneinrichtung
Bildrechte: Rudolf Horn

Der Formgestalter Rudolf Horn | Porträt "Volksbedarf statt Luxusbedarf"

Rudolf Horn gilt als der "Design-Papst der DDR". Er schuf Möbel, die von den Kunden variabel gestaltet werden konnten. Sie sind längst Klassiker.

Beispiel für Funktionalität der Kücheneinrichtung
Bildrechte: Rudolf Horn

Als Walter Ulbricht 1966 das "Möbelprogramm Deutsche Werkstätten" (MDW) Dresden-Hellerau vorgestellt wurde, sagte er abschätzig: "Das sind ja nur Bretter." Doch das Urteil des SED-Chefs konnte der Erfolgsgeschichte des "MDW", das das Prinzip der IKEA-Möbel bereits vorwegnahm, nichts anhaben. Es ging in Serie und ist bis heute das am längsten produzierte Möbelprogramm Europas. Erst 1989, nach über dreißig Jahren, ist die Produktion eingestellt worden.

Frei von vorgegebenen Lösungen

Es war Anfang der 1960er Jahre, als die Hellerauer Werkstätten dem 1929 im sächsischen Waldheim geborenen Formgestalter Rudolf Horn den Auftrag erteilten, ein neuartiges Möbelprogramm zu entwerfen. In der Tradition des "Bauhauses" und des "Werkbundes" stehend, griff Horn den 1935 vom Architekten Bruno Paul geprägten Gedanken der "wachsenden Wohnung" auf und entwarf ergänzungsfähige Einzelmöbel, die ein variables Zusammenfügen verschiedener Elemente ermöglichen. Es gab keine vorgedachte Endform, sondern lediglich Seitenwände, Regale sowie Fronten in dunklem Holzfurnier. Also tatsächlich "nur Bretter", wie Walter Ulbricht richtig erkannt hatte.

Die Werktätigen als schöpferische Mitgestalter

"Der Käufer ist in der Lage, über einen langen Zeitraum Möbel der gleichen Serie zu kaufen, die praktisch hunderte Gestaltungsvarianten ermöglichen", umriss Rudolf Horn das durchaus revolutionäre "Möbelprogramm Deutsche Werkstätten". "Die Werktätigen sollen nicht nur als Konsumenten in Erscheinung treten, sondern als schöpferische Mitgestalter." Und tatsächlich standen Horns Möbel in den verschiedensten Variationen in den Wohn- und Arbeitszimmern der DDR, auch dann noch, als sie in den späten 1970er und 1980er Jahren, sehr zu Horns Leidwesen, der gewöhnlichen Schrankwand immer ähnlicher wurden.

"Variables Wohnen"

1970 startete Rudolf Horn in Rostock ein groß angelegtes Experiment, das im Grunde die konsequente Fortentwicklung seines Hellerauer Möbelprogramms darstellte und das er als "die spannendste Arbeit seines Berufslebens" bezeichnet. Horn hatte ihm den Namen "Variables Wohnen" gegeben. Er wollte erreichen, dass die Wohnungen variable Innenwände besitzen, damit die Mieter Größe und Lage der Zimmer selbst bestimmen können.

Es blieb ein Traum

62 Familien bezogen ein eigens dafür gebautes Wohnhaus und Horn beobachtete in einer Langzeitstudie, was sie mit den Wohnungen ohne die gewohnten festen Innenwände anstellen werden. Das Resultat überstieg seine kühnsten Erwartungen: Mit kaum für möglich gehaltener Kreativität schufen sich die Mieter ganz individuelle Bleiben. Doch trotz der guten Erfahrung – Realität wurde Horns Traum vom "variablen Wohnen" nicht: Er überstieg bei weitem das ökonomische Potential der DDR.

Volksbedarf statt Luxusbedarf.

Das Credo von Formgestalter Rudolf Horn

Serie statt Einzelstück

Rudolf Horn entwarf neben seinen fortlaufenden Gestaltungen für das "Möbelprogramm Deutsche Werkstätten" in Hellerau Hunderte weitere Möbelstücke – Schränke, Schreibtische, Stühle, wobei ihn immer "die Serie und nicht das Einzelstück" interessierte. Sein Büro, dessen Tür meist offen stand, hatte er in Halle, an der "Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle", wo er seit 1966 als Professor lehrte.

"Ich bin kein Designer!"

Nicht wenige Kunstkritiker nennen Horn den "Design-Papst der DDR". Aber das hört er selbst gar nicht so gern: "Ich bin Formgestalter, kein Designer!"
Und obwohl seine Hellerauer Möbel aus den 1960er Jahren längst als Klassiker gelten, sieht er sein Ringen um gutes Mobiliar freilich noch keineswegs von Erfolg gekrönt. Wie damals, vor 40 Jahren, sagt er, sei der Hang zum Historisieren stark ausgeprägt. Gut gestaltete Möbelstücke seien hingegen meist elitäre Objekte, die sich nur wenige leisten können – "Luxus statt sozialer Bedarf". Doch Luxus hat Rudolf Horn nie interessiert. Sein Credo lautet: "Volksbedarf statt Luxusbedarf."

Über dieses Thema berichtete der MDR auch in MDR Zeitreise, 25.07.2017,21.05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Februar 2009, 12:45 Uhr