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Lexikon : Die misshandelte Umwelt in der DDR

Umweltpolitik in der DDR: Das hieß Schadensbegrenzung und bedeutete vor allem Vertuschung. Proteste dagegen wurden als Angriffe auf den Staat gewertet.

Mitte der 1980er-Jahre: In einem "vertraulichen Informationsgespräch" berichtet der Umweltminister der DDR, Hans Reichelt, dem für Wirtschaftsfragen zuständigen Politbüromitglied Günter Mittag, dass die Schwefeldioxidkonzentration in Berlin neunmal so hoch sei wie in Tokio. Noch weitaus stärker als die Hauptstadt der DDR war jedoch die Chemieregion Leuna-Bitterfeld von der fortschreitenden Umweltbelastung betroffen.

"Silbersee"

Zu einem Synonym für Umweltfrevel in der DDR wurde der südlich von Wolfen gelegene "Silbersee", in den ab Mitte der 1930er Jahre Abwässer aus der Filmfabrik Wolfen und der Kunstfaserproduktion eingeleitet worden waren: Zwölf Meter dick war die schwermetallhaltige Schlammschicht im See 1990. Ein anderer berühmt-berüchtigter Ort war Mölbis. Das Dorf in der Nähe von Espenhain galt als dreckigster Ort Europas. An besonders schlimmen Tagen sah man hier die Hand vor Augen nicht.

Trügerische Fassade

Die Machthaber wussten immer Bescheid, wie schlimm es um die Umwelt in der DDR stand. Aber sie hielten das geheim und verwiesen auf das relativ strenge Umweltgesetz, das seit Ende der sechziger Jahre in Kraft war und die Pflichten der Regierung zum Schutz von Natur und Umwelt regelte. Daran würde man sich strikt halten, hieß es gebetsmühlenartig. Dennoch konnte jeder die Umweltschäden sehen – ob nun in Form der stinkenden Brühe, die durchs Elbebett floss oder als Dauernebel und Rauchschwaden in der Chemieregion.

Als Luftverschmutzer erster Güte galten Schwefeldioxid und Kohlendioxid. In den südlichen Bezirken sorgten Braunkohlekraftwerke ohne Entschwefelungsanlagen dafür, dass fast jedes zweite Kind an Atemwegserkrankungen litt. Rein rechnerisch war 1988 jeder Einwohner mit 313 kg Schwefeldioxid, 132 kg Staub und 21 Tonnen Kohlendioxid belastet. In der Chemieregion um Bitterfeld floss ungeklärtes, schadstoffbelastetes Wasser seelenruhig in die Elbe. Da die Elbe in den Westen floss, bemerkte man dort den Umweltskandal sehr wohl. Nach Archivangaben der Bundesregierung nahm der Fluss jährlich rund 23 Tonnen Quecksilber, 380 Tonnen Kupfer, 120 Tonnen Blei, 2.000 Tonnen Zink und 3,5 Millionen Tonnen Chlorid auf.

Umweltschützer melden sich zu Wort

Trotz erbitterten Widerstandes der Staatsgewalt verschafften sich die Proteste gegen die Umweltverschmutzung öffentlich Gehör. 1986 entstand die Berliner "Umwelt-Bibliothek", doch auch anderswo wurden Stimmen laut. Der Geraer Umweltaktivist Michael Beleites verbreitete im Ausland Zahlen über das Ausmaß der Belastungen, die der Uranabbau verursachte, und lieferte sich damit der Verfolgung durch die Staatsicherheit aus.

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2009, 16:56 Uhr

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