Bürgerrechtler kontrollieren Kommunalwahl "Wir nehmen an der Stimmauszählung teil"

Dass Wahlergebnisse in der DDR stets gefälscht waren, vermuteten viele. 1989 wollen Bürgerrechtler die SED endlich des Wahlbetrugs überführen.

Im Frühjahr 1989 nehmen Hunderte junger Leute, die sich überwiegend in kirchlichen Basisgruppen organisiert haben, in allen Städten der Republik ein Ritual ernst, das ansonsten kaum noch einen DDR-Bürger interessiert: die Wahlen. Sie haben sich kein geringeres Ziel gesetzt, als die SED des Wahlbetrugs zu überführen und der Lächerlichkeit preiszugeben.

"Endlich beweisen, dass wir betrogen werden"

"Es war uns klar gewesen, dass diese Wahl wieder so ablaufen wird wie jedes Jahr: Wahlbeteiligung von 99,8 Prozent und davon haben 99,7 Prozent die 'Einheitsliste der Nationalen Front' gewählt. Und wir wussten ja, dass das nicht so ist." Uwe Schwabe ist 1989 Mitglied einer oppositionellen Gruppierung in Leipzig. Er ist Mitte Zwanzig und arbeitet als Krankenpfleger in einer psychiatrischen Klinik. "Jeder hatte im Bekanntenkreis viele Leute, die entweder gar nicht zur Wahl gegangen sind oder gegen diese Einheitsliste gestimmt haben. Aber das konnte man nicht beweisen. Und um dieses endlich beweisen zu können, haben wir gesagt: Wir nehmen jetzt an der Stimmenauszählung teil."

Boykott und Kontrolle

Auf Flugblättern rufen die Bürgerrechtler zum Boykott der Kommunalwahlen 1989 auf und kündigen an, die Auszählung der Stimmen flächendeckend zu kontrollieren. Es ist ein ganz legales Vorhaben, denn im Wahlgesetz der DDR heißt es: "Die Stimmauszählung ist öffentlich." Bereits Anfang April laufen die Vorbereitungen dafür an. Rolf Michael Turek, damals Pfarrer der Leipziger "Markus-Gemeinde", ist einer der Organisatoren: "Es war ja eine ganze Menge zu organisieren. Es war ja daran gedacht, dass in allen Wahllokalen Menschen dabei sind, die die Auszählung begleiten und die Ergebnisse dann zusammenführen. Es musste organisiert werden, dass die Ergebnisse der einzelnen Wahllokale gesammelt, zusammengefasst und ausgewertet werden. Und das bedurfte schon einer erheblichen Koordination."

Tobias Hollitzer, der Vereinsvorsitzende des Bürgerkomitee Leipzig e.V., steht in der ehemaligen Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig.
Tobias Hollitzer, Leiter der BStU-Zweigstelle Leipzig Bildrechte: dpa

Die Staatssicherheit ist von Anfang an über alle Vorhaben und Schritte der Bürgerrechtler informiert. Aber sie beobachtet nur und greift nicht ein. "Ich glaube, dass die Stasi nicht begriffen hat, was diese Wahlauszählung bedeuten würde", sagt der damalige Bürgerrechtler und heutige Chef der Leipziger Zweigstelle der "Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit" Tobias Hollitzer. "Sie hat ihre Beobachtungen aufgeschrieben und an die SED weitergeleitet. Aber dort hat man das auch nicht ernst genommen. So gesehen hat man die Gefahr, die in einer solchen Auszählung steckt, sicher unterschätzt."

Kontrolle der Stimmenauszählung

Als die Wahllokale am 7. Mai 1989 um 18 Uhr schließen, finden sich dort hunderte Freiwillige ein, um die Auszählung der Stimmen zu kontrollieren. Tobias Hollitzer ist einer von ihnen: "Ich bin um 18 Uhr in das Wahllokal. Da gab's den Wahlvorstand, der natürlich ein sichtliches Problem damit hatte, dass Leute dabei waren, von denen sie sich kontrolliert fühlten. Dann wurden die Wahlurnen geöffnet und es wurde ausgezählt, ganz regulär. Dort gab es ja keine Chance einer Manipulation."

Tobias Hollitzer im Inteview
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stimmenauszählung an geheimen Orten

Die Ergebnisse der Stimmenauszählung werden über Mittelsmänner an geheim gehaltene Orte gebracht, an denen die Auswertung vorgenommen werden soll. In Leipzig gibt es ein halbes Dutzend solcher Stützpunkte. Die Ergebnisse der einzelnen Stützpunkte werden nun zu Rolf-Michael Turek weitergeleitet. Bei Turek laufen aber auch die Ergebnisse der kontrollierten Stimmauszählung aus allen Bezirken der DDR ein. Drei Stunden später liegt das von den Bürgerrechtlern ermittelte Wahlergebnis vor. Danach haben etwa sieben Prozent der DDR-Bürger gegen die SED gestimmt. Für die Staatspartei ein verheerendes Ergebnis. Die Frage ist jetzt nur: Wird sie das auch zugeben?

Schlechtestes Wahlergebnis seit Republikgründung

Die Überraschung bleibt jedoch aus. Zwar verkündet Wahlleiter Egon Krenz in der "Aktuellen Kamera" das schlechteste Ergebnis für die SED seit Gründung der DDR, doch das Ergebnis kann sich für die SED immer noch sehen lassen: knapp 98 Prozent Ja-Stimmen. Die Bürgerrechtler haben nun den Beweis. All die Mühe hat sich gelohnt. Erstmals ist an Hand von Zahlen nachweisbar, dass die SED die Wahlen gefälscht hat.

"Vorher habe ich von vielen immer gehört: Es hat doch keinen Zweck, die machen doch sowieso, was sie wollen. Aber diesmal hat es funktioniert! Wir haben es geschafft, indem wir uns alle eingebracht haben", resümiert der Pfarrer Rolf-Michael Turek. "Und das hat dann den Mut gegeben, zu sagen: Leute, lasst uns auch noch andre Dinge angehen. Denn wenn wir das mit der Wahl geschafft haben, dann kriegen wir auch noch andre Dinge gebacken."

Zuletzt aktualisiert: 02. Mai 2011, 09:09 Uhr