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Finanzielle Sorgen und sportliche Pleiten : 20 Jahre Ostfußball - die Dauerkrise

Jedes Jahr aufs Neue stellt sich am Ende der Bundesligasaison die Frage: Wo steht der Ostfußball? Die Antwort ist fast durchgehend deprimierend, und das seit 20 Jahren.

Fußballfans

Die großen Vereine aus DDR-Zeiten, kaum einer hat es gepackt wirklich Fuß zu fassen in der neuen gesamtdeutschen Fußballwelt. Zu den finanziellen Dauersorgen kommen die, von Ausnahmen abgesehen, regelmäßigen sportlichen Pleiten. Was hat zu diesem Niedergang geführt?

"Blutgrätsche" Marktwirtschaft

Am Anfang stand das Missmanagement. Die Vereine, die in die erste und zweite Bundesliga durften, waren hoffnungslos überfordert. Sie hatten die falschen Strukturen, keine finanzielle Basis und keine Ahnung von der Führung eines Millionenunternehmens wie eines Bundesligaclubs.

Bis zum Ende der DDR mussten sich Oberligavereine keine Gedanken über ihre Finanzen machen. Personal für den Geschäftsbetrieb? Im Überfluss vorhanden, bishin zu Chauffeuren und Vereinsköchen. All das wurde ihnen zum Verhängnis, als der alte Geldsegen mit dem Ende der DDR versiegte. Hansa Rostock hatte bis Anfang 1991 den alten Personalbestand von 42 auf 13 reduziert. Zur selben Zeit wurde ein Zweitligaclub wie der FC St. Pauli im Westen von einem Geschäftsführer, einem Manager und zwei Sekretärinnen geführt. Sicher, es gab auch ehrliche Hilfsangebote aus dem Westen. Werder Manager Willi Lemke etwa wollte Hansa Rostock helfen, Gelder aufzutreiben. Nach kurzem Vorfühlen wurde das abgelehnt. Das Misstrauen im Osten war mittlerweile einfach zu groß.

Von Absahnern und Glücksrittern

Schon bald nach dem Mauerfall tauchten sie im Osten auf: "hilfreiche" Herren aus dem Westen mit flottem Auto, im flotten Anzug und mit flotten Sprüchen. Verzweifelte Vereine konnten ihnen oft nicht widerstehen, zumal ihnen versprochen wurde: Wir zeigen euch, wie Profifußball im Kapitalismus richtig funktioniert. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer: "Ein Grundsatzproblem bleibt, dass einige Vereine nach der Wende kaputt gemacht wurden. Von Leuten, die sich profilieren wollten und nur eigene Ziele hatten."

Mal dienten sich Geschäftsleute aus dem Westen mit ein wenig Geld in der Tasche als Retter in der Not an, zeigten aber bald, dass es ihnen nur um den eigenen Gewinn bzw. das eigene Prestige ging. Mal waren es dubiose Spielervermittler, die gegen viel Geld vermeintliche Topspieler anboten. Oder Spielerberater, die eher darauf abzielten den Profineulingen kostspielige Lebensversicherungen anzudienen. Bis heute haben hochklassige Ost-Vereine immer wieder Insolvenzen angemeldet. In Leipzig traf es die beiden einheimischen Konkurrenten bereits stolze vier Mal. Die meisten Vereine sind verglichen mit den Bundesligisten aus dem Westen nicht auf Rosen gebettet.

In der finanziellen Abseitsfalle

Vereine wie Dresden konnten sich zumindest kurzfristig durch den Verkauf ihrer Stars sanieren. Bei den meisten Clubs ging es aber gleich ans Eingemachte. Sie steckten in der Falle: hohe Ausgaben – denn die meisten Spieler wollten sich gleich ordentlich in DM bezahlen lassen – sinkende Einnahmen. Der Westen lockte mit hohen Gehältern und bot etwas für Manchen noch viel Wertvolleres als Zusatzleistung an: Jobs oder Ausbildungsplätze für junge Spieler und vor allem Jobs für die Eltern. Großzügig bemessene Wohnungen selbstverständlich inklusive. Westvereine konnten sich allemal auf die Unterstützung ihrer Sponsoren verlassen. Im Osten waren die möglichen Sponsoren, sprich Kombinate, zumeist in Auflösung.

Den DTSB, der bis dato den gesamten Spielbetrieb finanziert hatte, gab es nicht mehr, die Kommunen waren nicht willens oder nicht in der Lage, in die Bresche zu springen. Und Kredite bei den Banken? Allein die Frage führte zu einem müden Lächeln, konnten die Vereine doch in der Regel keine kommunalen Bürgschaften vorweisen. Von Vermögen wie Grundstücken oder Häusern ganz zu schweigen. Die meisten Kommunen zuckten nur mit den Schultern, als die Traditionsvereine nach Unterstützung für den Gang in den Profifußball suchten.

Es gab aber auch Ausnahmen, wie Uwe Leonhardt vom FC Erzgebirge Aue berichtet: "Wir haben hier einen Konsens gefunden mit den politisch Verantwortlichen des Landkreises Aue-Schwarzenberg, die mit Anschubfinanzierungen sehr vernünftig agiert haben." Viele Vereine verloren die finanzielle Gesundung vor lauter sportlichen Ambitionen aus den Augen.

Ein kapitaler Fehler, wie Energie Cottbus Präsident Ulrich Lepsch schon 2007 feststellte: "Die Vereine mussten lernen, die wirtschaftliche Solidität über den sportlichen Erfolg zu stellen." (TAZ, 02.08.07) Und das fällt heute noch vielen schwer. Insolvenzen im Ostfußball: leider keine Ausnahme. Gerade erst hat es den Regionalligisten Sachsen Leipzig wieder einmal erwischt, das zweite Mal nach 2001, trotz millionenschwerer Unterstützung durch Filmrechtehändler Michael Kölmel in den letzten Jahren.

Zuletzt aktualisiert: 01. November 2010, 15:24 Uhr

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