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Hintergrund : Das Geheimtreffen auf Schloss Gymnich

Mit der Grenzöffnung 1989 hatte Ungarn die Nachkriegsordnung unterlaufen und den Grundstein für den Fall des "Eisernen Vorhangs" gelegt. Eine materielle Gegenleistung hat es dafür wider Erwarten nicht gefordert.

Schloss Gymnich

Am 25. August 1989 flogen Miklos Nemeth, Ministerpräsident der Volksrepublik Ungarn, und sein Außenminister Gyula Horn nach Bonn zu Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Das Geheimtreffen fand im Gästehaus der Bundesregierung auf Schloss Gymnich statt. Helmut Kohl seien die Tränen gekommen, als die Ungarn die Grenzöffnung für den September 1989 ankündigten, berichtete später der ungarische Außenminister Horn. Der Bundeskanzler selbst bestätigt dies in seinen Memoiren. Überwältigt von dem historischen Moment habe er die Ungarn gefragt, was sie im Gegenzug dafür haben wollen. Einer der wenigen Zeugen des Gespräches war Dieter Kastrup, ein enger Mitarbeiter Genschers im Außenministerium.

"Ungarn verkauft keine Menschen"

Bundeskanzler Helmut Kohl begrüßt am 28.04.1998 den ungarischen Ministerpräsidenten Gyula Horn
Gyula Horn und Helmut Kohl

Kastrup erinnert sich: "Es ist in der späteren Diskussion oft gefragt worden, was hat die Bundesrepublik Deutschland denn dafür gegeben, was war der Deal, um es in der heutigen politischen Terminologie auszudrücken. Ich glaube, die Ungarn waren viel zu stolz und selbstbewusst, um sich auf so etwas von vornherein einzulassen." Aus den Gesprächen wird berichtet, dass der ungarische Ministerpräsident mehrfach dem Bundeskanzler erwidert haben soll: "Ungarn verkauft keine Menschen!" Doch Dieter Kastrup ist überzeugt: "Dennoch stand bei dieser Begegnung die Erwartung im Hintergrund, dass wir ihm behilflich sein würden. Was wir auch getan haben."Welche konkreten Zusagen die Bundesrepublik machte, lässt sich in einem Telegramm des Kanzlers an Ministerpräsident Nemeth vom 4. Oktober 1989 nachlesen:

Das Telegramm des Bundeskanzlers

"Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
Für die Bundesregierung und für mich persönlich war es von Anfang an erklärte Politik, die von Ihrem Land eingeleiteten historischen Reformen hin zu mehr Menschenrechten, zu politischem und gesellschaftlichem Pluralismus, zu Rechtsstaatlichkeit, zu Marktwirtschaft und Privatinitiative nachdrücklich zu unterstützen. Heute kann ich Ihnen mitteilen, dass die Bundesregierung grundsätzlich bereit ist, die Garantie für den Kredit aus 1987 um 500 Millionen DM aufzustocken. Damit kann Ihre Regierung zusammen mit der parallelen Kreditaktion der Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg mit einem deutschen Beitrag in Höhe von einer Milliarde DM rechnen.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Helmut Kohl"

Ab dem 11. September konnten DDR-Bürger ungehindert aus Ungarn in den Westen ausreisen. Helmut Kohl fand dafür die Formulierung, Ungarn habe den ersten Stein aus der Mauer gestoßen.

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Zuletzt aktualisiert: 26. August 2010, 15:03 Uhr

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