Interview Michael Diel: "Lernen durch Sammeln"

Der gebürtige Schwarzwälder Michael Diel kam 1994 nach Leipzig. Seit fünf Jahren sammelt er Gebrauchsgegenstände aus der DDR. Rund 800 Exponate umfasst seine Sammlung inzwischen, vom "Multiboy" bis zum Eierträger.

Wie kamen Sie zu Ihrer Leidenschaft – dem Sammeln von DDR-Gebrauchsgegenständen?

Michael Diel: Gesammelt habe ich schon immer, hauptsächlich Keramik aus Baden-Württemberg. Schon zu Hause stöberte ich auf Flohmärkten nach interessanten Teilen. Und als ich nach der Wende in den Osten kam, packte mich auch hier das Trödelfieber ...

Warum?

Michael Diel
Michael Diel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einerseits hatte ich den Eindruck, dass sich viele Menschen im Osten von der DDR-Vergangenheit durch das Wegwerfen von Alltagsgegenständen zusätzlich befreien wollten. Andererseits war da diese Unwissenheit der West-Leute über die Ost-Gegenstände. Oft wurden diese als Schund und Schrott bezeichnet. Dabei hatten viele im Westen in Katalogen bestellt oder in schwedischen Möbelhäusern Waren "Made in DDR" gekauft – Geithainer Emaille oder Lampen aus Halle, freilich ohne es zu wissen. Minderwertig waren diese Sachen nicht: sie hatten ein funktionelles Design, waren von Gebrauchsgestaltern durchdacht und entworfen. Ich habe das Gefühl, das ist immer noch nicht so bekannt.

Können Sie die DDR-Bürger verstehen, die sich 1989 von ihren Möbeln und Gebrauchsgegenständen getrennt haben?

Das kann ich zum Teil schon nachvollziehen, da es in den 1960er-Jahren im Westen genau so war: Man trennte sich von Vielem, mit dem schlechte Erinnerungen verbunden waren oder verstaute es im Keller. So war es im Prinzip auch nach der Wende im Osten: Man wollte das Neue aus dem Westen haben, stellte jedoch recht schnell fest, dass es ist nicht immer besser, dafür oft teurer war.

Was ist für Sie das Typische an den DDR-Gebrauchsgegenständen?

Einfache Formen, klare Linienführung und gleichzeitig die ausgefeilte Funktionalität – das macht die Sachen so interessant und faszinierend. Die Technik war nicht die ausgefeilteste, aber sie war leicht zu bedienen und langlebig. Viele Alltagsgeräte der DDR-Zeit können mit den heutigen immer noch mithalten. Bestes Beispiel ist der "Multiboy", den ich selbst benutze.

Verwenden Sie noch andere DDR-Gegenstände in Ihrem Haushalt?

Ja, Edelstahl-Besteck von "ABS" (Auener-Besteck- und Silberwaren), Porzellan aus Colditz oder eines der vielen "Stern"-Radios, derzeit den "Stern Elite 2000".

Was reizt Sie am Sammelobjekt DDR-Haushaltsgegenstand?

Das Besondere ist: Die DDR ist ein abgeschlossenes Sammelgebiet und definitiv Anfang der 90er Jahre beendet. Da kommt nichts mehr hinzu. Die Gegenstände gibt es noch zu vernünftigen Preisen, weil dieses Sammelgebiet noch nicht so verbreitet ist. Aber ich denke, so in zehn Jahren werden die Preise für manche Sachen langsam steigen.

Wo stöbern Sie die "Multiboys" und "Erikas" eigentlich auf?

Hauptsächlich auf Flohmärkten, aber auch bei Umzugsfirmen, die Wohnungen ausräumen und Lagerverkäufe anbieten, teilweise über Mundpropaganda mit der Bitte: Werft eure DDR-Sachen nicht weg, bringt sie lieber zu mir, um sie der Nachwelt zu erhalten.

Wonach suchten Sie bisher vergeblich?

Eine der sogenannten Pusteblumenlampen hätte ich schon gerne in meiner Sammlung. Soweit ich weiß, hing dieses Modell im "Palast der Republik" und in der Leipziger Oper hängt es bis heute. Bisher scheiterte die Anschaffung an zu hohen Preisvorstellungen der Anbieter.

Die sollen um die 400 Euro kosten ... Und was ist mit Möbeln?

Die "Z-Stühle", bekannt als "der kackende Mann", habe ich lange gesucht. Die waren mir aber immer zu teuer. Neulich konnte ich aber gleich drei "Z-Stühle" zu einem akzeptablen Preis kaufen. Sammeln ist eben oft eine Frage des Geldbeutels, was man bezahlen möchte oder kann.

Wie (un)vollständig ist Ihre Sammlung inzwischen?

Genau genommen fehlt mir noch vieles in meiner Sammlung. Von vielen Sachen weiß ich vielleicht auch gar nicht, dass es sie überhaupt gibt, weil ich sie noch nie gesehen habe. Und so ist das Sammeln eben ein dauerndes Dazu-lernen und das macht Spaß.

Zuletzt aktualisiert: 20. Juli 2010, 11:33 Uhr