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Nebenwirkungen des Abzugs : Schwarzer Handel mit Rotem Stern

Beim Abzug der sowjetischen Streitkräfte "verschwanden" massenweise Militärgüter - von der Bettwäsche bis zum Panzer.

Ein russischer Soldat schraubt den Roten Stern von einem rostigen Tor

Sie standen an den Toren der Garnisonen, auf Flohmärkten, an den alten Grenzübergangsstellen in Berlin: Soldaten der sowjetischen Streitkräfte besserten sich in den Wirren der Nachwendezeit mit illegalem Handel ihren kargen Sold auf. Dabei reichte das Angebot von Offiziersmützen über Stiefel und Uniformteile bis hin zu Ausrüstungsgegenständen und Orden – allesamt gern gekaufte kuriose Mitbringsel für Deutschlandtouristen aus aller Welt. Wer es darauf abgesehen hatte, konnte aber auch in großem Stil Fahrzeuge, Benzin und sogar Waffen und Munition erwerben.

Russenmafia etabliert sich in Deutschland

Die Ware stammte nicht immer aus den Beständen der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte. Seit 1990 hatte sich - auch durch die gelockerten Grenzkontrollen - die Russenmafia in Deutschland etabliert. Bei den in der ehemaligen DDR stationierten Soldaten fand die Mafia etliche Verbündete, bis hinein in das Offizierskorps gab es genügend kriminelle Energie. Im Januar 1994 etwa wurde ein Oberstleutnant festgenommen, als er einen Lkw mit insgesamt 9.810 Neun-Millimeter-Pistolen vom Typ "Makarow" verhehlen wollte. In Magdeburg geriet ein Oberst ins Visier der Ermittler, weil er in großem Stil am Zigarettenschmuggel beteiligt war. Waggonweise soll damals unversteuerte Ware aus Osteuropa verschoben worden sein.

Krumme Geschäfte bei der Westgruppe

Aber der Import-Export-Handel lief auch in die andere Richtung. Offiziere versuchten, sich mittels abgezweigter Gelder aus dem Kauf von westlichen Konsumgütern eine Existenz für die Zeit nach dem Abzug aufzubauen. Beispielsweise kauften sie auf Armeekosten massenweise überteuerte und veraltete Fernseher und Videorekorder aus Österreich. Der gesamte Bestand wurde nach Polen verbracht und dort über "kommerzielle Strukturen" umgerubelt. Von gehorteten Konsumgütern im Gesamtwert von 31 Millionen Mark war später die Rede.

An einen unbekannten Adressaten schickte die Truppe per Eisenbahn zwei Anlagen zur Produktion von Pflanzenöl nach Stawropol, als Geschenk. Nach Warschau gingen - als Militärgut deklariert und damit zollfrei und per Luftfracht - 17.000 Liter Alkohol, die als Telefonapparate gekennzeichnet waren.

Beamte der Militär-Handelsabteilung beschafften in Indien 800.000 Garnituren Bettwäsche, angeblich für die Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte. Der größte Teil der Ware, die um 40 Prozent teurer als der Weltmarktpreis war, tauchte nie beim Empfänger auf.

Die Garnisonen wurden von krummen Geschäftemachern regelrecht belagert. Der Generaloberst und Befehlshaber der Westgruppe Burlakow stöhnte: "Der Ring wird immer enger." Mehrfach kam es zu Schusswechseln unter den Kriminellen. Zu den Methoden der Mafia beim Kampf um ihre "Märkte" und Einflusszonen gehörten auch brutale Morde. Kein Wunder, ging es doch in vielen Fällen nicht nur um "Peanuts", sondern oft um brisantes Material, bis hin zu kasachischem Rauschgift.

Schwunghafter Waffenhandel

Ein besonderes Kapitel sind die Waffenlieferungen aus den Beständen der Sowjets. Hunderte Flak-Raketen und Schützenpanzerwagen gingen über die Ukraine in die Krisengebiete des Balkans. Serbenführer Karadzic konnte sich über 1000 russische Panzerbüchsen und Panzerabwehrraketen freuen, später bekam er Granatwerfer und funkmessgesteuerte Flugabwehr-Selbstfahrlafetten vom Typ "Schilka".

Unbekannt ist die Zahl der Handfeuerwaffen, die beim Abzug der Sowjets in Deutschland verhökert wurde. Einige Kalaschnikows, Makarows und Handgranaten tauchten auf, als später Waffenlager von Rechtsextremisten ausgehoben wurden.

Mindestens 100 Millionen Mark Schaden

Dem sowjetischen Staatsinspektor Jurij Boldyrew blieben die Unstimmigkeiten beim Abzug der Truppen vom Territorium der ehemaligen DDR nicht verborgen. Es sei zu "groben Verletzungen bei der Veräußerung von Militäreigentum" gekommen, räumte er ein. Der Staat habe einen Schaden von mindestens 100 Millionen Mark erlitten.

Zuletzt aktualisiert: 28. April 2011, 11:47 Uhr

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