Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin geschlossen
Bildrechte: dpa

Die "Ständige Vertretung" "Das weiße Haus" in Ost-Berlin

Es hat Geschichte geschrieben, das Haus in der Hannoverschen Straße 28 in Ost-Berlin. 15 Jahre lang wirkte es wie ein Fenster zum Westen - für manche auch wie ein Tor in die Freiheit.

Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin geschlossen
Bildrechte: dpa

Für die Ost-Berliner war es das "Das weiße Haus", für die Stasi das "Objekt 499" und in der Behördensprache die "StäV" - die "Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR". Die Verwendung des Wörtchens "bei" statt "in" deutet schon auf die diplomatisch verwickelten Bedingungen hin, unter denen die Eröffnung dieser Einrichtung im Frühjahr 1974 beschlossen worden war. Denn Ost-Berlin gehörte streng genommen als Stadt unter Alliierter Kontrolle ebenso wenig zur DDR wie Westberlin zur Bundesrepublik. Dazu kam, dass die Bundesrepublik die DDR zwar als souveränen Staat anerkannte, aber immer von einer deutschen Staatsangehörigkeit ausging. Mit der Formel "Ständige Vertretung" wurde eine Bezeichnung für eine Institution mit der Funktion einer Botschaft gefunden, ohne dadurch die Zweistaatlichkeit zu akzeptieren.

Neue Ostpolitik Brandts - "Wandel durch Annäherung"

"Bisher hatten wir keine Beziehungen, jetzt werden wir schlechte haben, und das ist der Fortschritt", sagte Egon Bahr, der damalige Bundesminister für besondere Aufgaben, nach der Unterzeichnung des Grundlagenvertrages zwischen den beiden deutschen Staaten 1972 - ein erstes Ergebnis der neuen Ostpolitik des Kanzlers Willy Brandt. Mit der Einrichtung der "Ständigen Vertretung" war nun ein amtliches Podium zur Kommunikation zwischen den Regierungen geschaffen worden. Der "Ständige Vertreter" führte Verhandlungen zum Beispiel über Verkehrswege, Reisemöglichkeiten oder Umweltfragen und sorgte für Kulturaustausch zwischen Ost und West.

90 Mitarbeiter versuchten einerseits, die DDR in all ihrer Widersprüchlichkeit zu verstehen, andererseits wollten sie in die DDR hineinwirken, ganz im Sinne des von Egon Bahr angestrebten "Wandels durch Annäherung". So gab es Ausstellungen, Lesungen und Empfänge. "Hier tat sich ein Fenster nach Westeuropa auf", erinnert sich Thomas Krüger, damals in Ost-Berlin in der "Kirche von unten" engagiert. Ihm hätten die Begegnungen, zu denen er in die Vertretung geladen war, "immer viel gegeben", weil sie auch den Gedanken an die gemeinsame Vergangenheit und Zukunft von Ost und West wach gehalten hätten. Der erste "Ständige Vertreter" war Günter Gaus (1974-1981), ihm folgten Klaus Bölling (1981-1982), Hans-Otto Bräutigam (1982-1989) und Franz Bertele (1989-1990).

Erste Botschaftsbesetzungen

Von 1980-1990 war Eberhard Grashoff der Pressesprecher der "StäV". Er erinnert sich: "Wir waren immer stolz darauf, ein offenes Haus zu sein. Deshalb befand sich direkt hinter dem Eingangsbereich ein Wartezimmer, da saßen unsere Besucher aus Ost und West einträchtig nebeneinander und warteten, bis sie aufgerufen wurden, um ihr Anliegen vorzutragen. Im Sommer 1984 hatten wir dann aber ein Problem: Plötzlich kamen mehr als 30 Besucher aus der DDR, die sich weigerten, das Haus wieder zu verlassen. Es waren Ausreisewillige, die von Deutschland nach Deutschland wollten. Wagemutige, Verzweifelte, Menschen, die die Nase gestrichen voll hatten von der DDR. Die manchmal nicht mal eine Zahnbürste bei sich trugen und die sich nicht rausquatschen ließen." Insgesamt 55 Ausreisewillige hatten es geschafft, an den Kontrollen der Volkspolizei vorbei in das "Weiße Haus" zu gelangen und sich dort festzusetzen. Am 26. Juni musste die "Ständige Vertretung" vorübergehend geschlossen werden.

Honeckers Unterhändler für humanitäre Fragen war der Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. Er kontaktierte die Ausreisewilligen - und tatsächlich wurde ihnen Straffreiheit und eine "wohlwollende Prüfung ihres Übersiedlungsersuchens" zugesichert. Im Gegenzug mussten sie die Besetzung beenden und an ihre Wohnorte zurückkehren, um von dort aus den offiziellen Weg der Ausreise zu gehen. Am 31. Juli 1984 öffnete die "StäV" erneut ihre Pforten - inzwischen waren unter anderem die Fenster des Treppenhauses vergittert worden. Der Vorfall von 1984 wirkt wie ein Vorspiel zu den Ereignissen vom Sommer 1989.

1989 - ein Teil des Flüchtlingsdramas

Im Frühjahr 1989 kam es erneut zu Besetzungen. Schnell schwoll die Zahl der Zufluchtsuchenden auf über 130 an - sie campierten auf 400 Quadratmeter und blockierten durch ihre Anwesenheit den "normalen" Botschaftsbetrieb. Am 8. August musste die "StäV" erneut geschlossen werden - ein Mitarbeiter teilte den DDR-Bürgern, die Einlass begehrten, mit: "Wir haben geschlossen bis auf Weiteres. Informieren sie sich, wann wir wieder aufmachen, und wenn es dringend ist, schreiben Sie uns." Die Bundesregierung wendete sich mit Appellen an die Ausreisewilligen und erklärte, dass der Weg über die diplomatischen Vertretungen nicht der richtige sei, die Entscheidung über eine Ausreisegenehmigung läge ausschließlich bei der DDR. Und die verschärfte die Gangart: Zwar bekamen die Besetzer weiterhin Straffreiheit zugesichert, aber nicht mehr die "wohlwollende Prüfung" ihres Ausreiseantrages. Am 8. September verließen nach zähen Verhandlungen alle Besetzer das Haus in der Hannoverschen Straße - mit der Aussicht auf Ausreisegenehmigung. Als am 10. November die Ständige Vertretung wieder geöffnet wurde, war die Berliner Mauer bereits gefallen.

Die Einheit kommt – die Ständige Vertretung geht

Die letzten Monate ihrer Existenz enden am 2. Oktober 1990 mit einem Empfang des letzten Ständigen Vertreters Franz Bertele. Als Gäste kommen unter anderem das Staatsoberhaupt der DDR, Sabine Bergmann-Pohl und der Ministerpräsident Lothar de Maizière. "Die Deutsche Einheit kommt – die Ständige Vertretung geht" stand auf den Einladungskarten. Im Abschlussbericht über die Arbeit dieser Institution schrieb Bertele damals: "Die Bundesregierung hat den Prozess der deutschen Einheit zielbewusst vorangetrieben, aber ein bisschen Fortune haben die Deutschen dabei durch den Ausfall Honeckers in entscheidender Zeit auch gehabt". Denn Bertele war sich sicher: Ein Erich Honecker im Vollbesitz seiner Kräfte hätte sich mit aller Macht gegen die politische Wende gestellt.

Heute hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung seinen Dienstsitz in dem historischen Gebäude in der Hannoverschen Straße.

Ständige Vertretung Im Artikel 8 des deutsch-deutschen Grundlagenvertrag war festlegt worden, dass anstelle einer Botschaft am jeweiligen Regierungssitz eine "Ständige Vertretung" eingerichtet wird. Am 2. Mai 1974 nahmen die Vertretungen in Bonn und Ostberlin ihre Arbeit auf.

Buchtipp: Hans Otto Bräutigam:
"Ständige Vertretung"
Hoffmann und Campe Verlag, 2009
ISBN: 10 3455500994

Als Mitarbeiter und Leiter der "Ständigen Vertretung" in Ostberlin erinnert sich Hans Otto Bräutigam in seinen Memoiren an Erlebnisse, Begegnungen und Geschichten, an denen deutsche Zeitgeschichte zwischen 1974 und 1989 lebendig wird.

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2011, 13:44 Uhr