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Sommer 1989 : Erich Honeckers Sturz

Von Thomas Grimm

Im Sommer 1989, in einer der kompliziertesten Situationen in der Geschichte der DDR, war der mächtigste Mann des Landes abwesend. Doch auch die anderen Politbüromitglieder schwiegen, planten aber insgeheim die Absetzung Honeckers.

Im Sommer und auch Anfang Herbst 1989 rätselten nicht nur SED-Mitglieder darüber, wann das Politbüro zur Situation im Lande Stellung nehmen würde.

Seit Erich Honecker am 7. Juli 1989 krank von der Tagung der RGW-Staaten (RGW: Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) in Bukarest zurückgekehrt war, hielt das Schweigen der Führung an. Der Generalsekretär selbst machte zunächst Familienferien, anschließend ging er in den Genesungsurlaub. Fast drei Monate, von Anfang Juli bis September 1989, war Erich Honecker auf Tauchstation. Aber warum schwieg in dieser Zeit auch das gesamte SED-Politbüro?

Alles wartet auf Weisungen des Staatsratsvorsitzenden

Egon Krenz erklärt rückblickend, dass das ganze System in der DDR auf den Staatsratsvorsitzenden und SED-Generalsekretär zugeschnitten war. Und der war nun plötzlich und unerwartet durch Krankheit ausgefallen. Im Politbüro übernahm niemand die Initiative. Man wartete ab und sondierte vorsichtig im Geheimen nach Möglichkeiten, eine Allianz zur Ablösung Honeckers zu schmieden.

Respekt vor Honeckers antifaschistischer Lebensleistung

In kommunistischen Parteien galten strenge Regeln mit harten Strafen für sogenanntes "Sektierertum". Also war höchste Vorsicht geboten, zumal wenn es um die Gewinnung von Mehrheiten zur Absetzung eines Parteichefs ging. Für Krenz, als den sogenannten "Kronprinzen", gab es jedoch noch einen anderen Grund des Zögerns: die antifaschistische Lebensleistung seines Chefs Erich Honecker. Das war wohl das größte Hindernis für den einstigen FDJ-Vorsitzenden, die Absetzung seines Ziehvaters zügig auf die Tagesordnung zu setzen.

Gerhard Schürer
Gerhard Schürer

Es war Politbüromitglied Gerhard Schürer, der ihn während eines geheimen Treffens Anfang September zum Handeln drängte. "Egon, ich sehe keine andere Chance, als dass der Generalsekretär abgesetzt wird", beschwor ihn Schürer. "Und ich möchte mich gern opfern, das zu machen. Ich bin auch bereit zurückzutreten, damit jeder weiß, dass ich es nicht für mich mache, dass ich keinen Posten haben will. Ich will dem Politbüro vorschlagen, den Generalsekretär von allen Funktionen abzulösen." Krenz befreite sich daraufhin von seinen Skrupeln: "Es war nicht mehr das Schicksal von Erich Honecker, das mich bewegte, es ging um das Schicksal der DDR."

Krenz braucht Verbündete

Egon Krenz
Egon Krenz

Doch Krenz wusste natürlich auch: Er braucht für diesen Schritt weitere Verbündete. Verbündete, die auch einen direkten Draht nach Moskau haben. Er gewann - nach etlichen weiteren geheimen Gesprächen - für seine Pläne Ministerpräsident Willy Stoph und Stasi-Chef Erich Mielke unter den alten Genossen und die Chefs der SED Bezirksleitungen von Berlin und Karl-Marx-Stadt Günter Schabowski und Siegfried Lorenz unter den Jüngeren.

Wolfgang Herger
Wolfgang Herger

Am meisten aber wurde Krenz unterstützt von seinem Freund Wolfgang Herger, der die Abteilung für Sicherheitsfragen im Zentralkomitee der SED leitete. "Das Wichtigste an diesem Montag war die unmittelbare Vorbereitung auf die morgige Sitzung des Politbüros", notierte Herger unter dem Datum des 16. Oktober 1989 in sein Tagebuch. "Hoffentlich fällt morgen keiner um. Die Mehrheit ist zunächst knapp genug."

Ich wünsche dem Unternehmen viel Erfolg

Kurz vor dem festgelegten "Tag X", der Sitzung des Politbüros am 17. Oktober 1989, auf der die Ablösung Honeckers beschlossen werden sollte, war der Gewerkschaftsboss Harry Tisch nach Moskau gereist. Dort hatte er Michail Gorbatschow getroffen und ihn von der geplanten Ablösung des greisen und starrsinnigen Honecker unterrichtet. Und der Vorsitzende der KPdSU wünschte dem Unternehmen viel Erfolg. Das Schicksal Erich Honeckers war damit besiegelt ...

Zuletzt aktualisiert: 05. Januar 2010, 17:10 Uhr

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