Wasunger Bürgermeister im Interview Karneval auf Kontingent

Als Manfred Koch 1980 als Bürgermeister der thüringischen Kleinstadt Wasungen eingesetzt wurde, musste er sich als "Zugereister" an die Tradition des Straßenkarnevals erst gewöhnen.

Wasungen galt als die Karnevalshochburg der DDR. Alljährlich fanden sich mehr als 30.000 Karnevalisten zum großen Umzug in der Stadt ein. Manfred Koch war damals erst 30 Jahre alt und einer der jüngsten Bürgermeister in der Republik. Mit 18 war er in die SED eingetreten, hatte in Leipzig Gesellschaftswissenschaften studiert und seine Arbeit in Wasungen mit großen Idealen begonnen: Bürgernähe, sozialistische Demokratie ... 1989 trat er aus der SED aus und ein Jahr später von seinem Posten zurück. 1994 wurde er von den Wasungern wieder zum Bürgermeister gewählt und ist bis heute im Amt. Inzwischen ist er selbst Karnevalist und wundert sich nicht mehr über das Ritual, jedes Jahr am 11.11. die Rathausschlüssel abgeben zu müssen.

Welche Themen wurden beim großen Karnevalsumzug in Wasungen zu DDR-Zeiten dargestellt?

Manfred Koch: Einmal bildeten Umzugsgruppen Schlangen, die sich über die Straße schlängelten – das sollten die Warteschlangen vor den Geschäften sein. Ein anderes Mal schleppten sie einen riesigen Hut durch die Straße, in dem steckten, aus Pappmaché gefertigt, ein Kulturhaus, ein Jugendklub und ein Schwimmbad. Also alles das, was die Bürger Wasungens gerne gehabt hätten. Und an mich, den Bürgermeister, gewandt, hieß das: Wer den Hut aufhat, der soll sich gefälligst auch darum kümmern. Also man hat versucht, den Bürgermeister zu animieren, was zu tun, und das auf humoristische Weise.

Der Karnevalsumzug also als eine Art kritischer Staatsratseingaben?

Es ging damals tatsächlich eher um die kleinen, alltäglichen Sorgen und Nöte des DDR-Bürgers in seiner Kommune, die während des Karnevals zur Sprache kamen. Ich habe das schon als Hinweis der Bürger gesehen, wo der Schuh drückt. Und habe versucht, mit den Mitteln, die zur Verfügung standen, auch das eine oder andere zu ändern.

Wie stand es um die Versorgung während des Karnevals? In einem Beschluss des Rat des Bezirkes von 1987 hieß es, "es ist dafür zu sorgen, dass ein stabiles Angebot an Waren der Mundproduktion gewährleistet ist."

Wir wissen ja, wie es damals in der DDR mit Sekt und Wein aussah. Manchmal mussten wir sogar den Schnaps über den Ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung in Suhl bestellen, damit wir genug hatten. Stellen Sie sich mal vor, es ist Karneval und der Schnaps ist alle … Und so wurde eben auch über diese Strecken – über Rat des Kreises, Rat des Bezirkes, Abteilung Handel und Versorgung, oder eben über die SED – versucht, alles heranzuschaffen, was das Karnevalistenherz begehrte. Und Wasungen hat zum Karneval immer recht gute Kontingente bekommen. Manchmal haben die das ganze Jahr gereicht.

Wurden denn die Umzugswagen und die Themen vorher abgenommen?

Eine Abnahme in dem Sinn, dass da nun irgendwelche Parteileute in die Scheunen der Karnevalisten sind und geguckt haben, was die da so basteln, das hat’s nicht gegeben. Ich meine, machen wir uns nichts vor: Der gesetzliche Rahmen war da, es gab bestimmte Sachen, die im Gesetzbuch festgehalten waren.

Welche waren das zum Beispiel?

Stasiakte
Stasiakte Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Mönchskutten gehüllt, mischte sich die Stasi unter die Wasunger Narren und selbst im Elferrat saßen IMs, wie der Journalist Hans-Joachim Föller recherchiert hat.

Do 25.11.1999 22:00Uhr 06:19 min

https://www.mdr.de/damals/archiv/videowand/avobjekt1090.html

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Video

Die Politiker des Landes beim Karnevalsumzug auf die Schippe zu nehmen, das war in der DDR nicht so ausgeprägt, um es mal freundlich zu formulieren. Auch waren Entscheidungen des Politbüros kein Thema für den Karneval. Da waren die Gesetze in der DDR recht eindeutig. Darüber hinaus wurden vom Rat des Kreises und der SED auch jedes Jahr inhaltliche Vorgaben erarbeitet, die dann mit dem Elferrat abgestimmt wurden. Es sollte beim Karneval eben eine klassenbezogene, humorvolle Auseinandersetzung mit Mängeln und Fehlverhalten – also zum Beispiel der Vergeudung von Arbeitszeit und Material - geführt werden. Und auch die Büttenredner wurden dahingehend orientiert.

Erinnern Sie sich an "problematische" Umzugswagen?

Es hat Mitte der achtziger Jahre mal Probleme gegeben mit der sogenannten "Biene Maja". Das war ein Umzugswagen, auf dem zwei große Fernseher standen. Auf dem einen Fernseher war das DDR-Fernsehen, auf dem anderen das Westfernsehen. Und im DDR-Programm waren natürlich nur schaffende Arbeiter zu sehen. Und im Westfernsehen gab’s die bunten Sendungen, "Am laufenden Band" oder die "Biene Maja". Und der Wagen hatte beim 1. SED-Kreissekretär Probleme hervorgerufen. Es gab große Diskussionen, ob der Wagen fahren darf. Am Ende hieß es aber: War doch in Ordnung, war doch schön bunt!

Aber Verbote gab es doch wohl auch?

Als die DDR die ersten VW Golf importierte, die zunächst nur für verdienstvolle Genossen und hervorragende Kunstschaffende bestimmt waren, hatten Karnevalisten einen Umzugswagen gebaut mit einem Spruchband: "Der Große kauft sich den Golf, der Kleine läuft sich den Wolf". Und der ist von der SED-Kreisleitung verboten worden. Ich erinnere mich noch an einen anderen Umzugswagen: Damals wurde viel Holz aus dem Thüringer Wald in den Westen verkauft, um an Devisen heranzukommen. Und da hatte eine Umzugsgruppe einen kleinen Wagen gebastelt mit einer Tanne darauf, an dem ein schwarzgerändertes Schild angebracht war. Darauf stand: "Die letzte Tanne vom Thüringer Wald". Und der Wagen durfte auch nicht fahren.

Quelle:

Karneval auf Kontingent, Feature, MDR 1998.

Zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2010, 14:15 Uhr