Interview Rudolf Kuhr – der Mahner aus dem Westen

Rudolf Kuhr, der 1937 in Halberstadt geboren wurde und schon in den Fünfzigern in den Westen ging, hat seine alte Heimatstadt nie vergessen. Er bemühte sich zusammen mit dem "Verein zur Förderung der Gemeinschaft der Halberstädter" die kleine Stadt auch im öffentlichen Bewusstsein in Westdeutschland zu halten.

1984 startete Rudolf Kuhr einen "Aufruf zur Rettung der Altstadt von Halberstadt", den er dort auch selber bei Besuchen vorsichtig unters Volk zu bringen versuchte. Allerdings wurde er dabei genau von der Staatssicherheit beobachtet, die seine Aktivitäten 1985 akribisch dokumentierte. Was den Herren der Stasi aber besonders böse aufstieß war folgende Bewertung Kuhrs: "Weiterhin habe neben der Zerstörung der Altstadt im Krieg das politisch-wirtschaftliche System und die Behinderung der persönlichen Entfaltung zum Verfall beigetragen."

Welches Interesse hatten ehemalige Halberstädter, die in den Westen gegangen waren, an ihrer alten Heimatstadt jenseits familiärer Bindungen?

Rudolf Kuhr: Bei den mir bekannten ehemaligen Halberstädtern war das Interesse sehr groß. Es gab ja hier in der BRD einen Verein mit der monatlichen Zeitschrift "Heimatfreund" und jährliche Treffen der Mitglieder in Osterode/Harz.

Herr Kuhr, Sie haben 1984 einen "Aufruf zur Erhaltung der Altstadt von Halberstadt" gestartet. Diesen haben Sie bei Besuchen in Ihrer alten Heimatstadt auch selbst unter die Menschen gebracht. Wie waren die Reaktionen damals vor Ort?

Sehr unterschiedlich: einige waren beeindruckt, bei nicht wenigen - darunter auch bei meinen Eltern - wurden durch meine Aktivitäten eher Ängste geweckt, weil diese privaten Bemühungen illegal waren und nicht der offiziellen Linie entsprachen.

Haben Sie in Halberstadt für Ihr Engagement von irgendeiner Seite Unterstützung erfahren?

Leider nicht, auch nicht von denen, die seinerzeit offiziell für Denkmalpflege zuständig waren, die hätten ja schon allein durch diese "Westkontakte" Schwierigkeiten befürchten müssen.

Wie war eigentlich das Verhältnis der Halberstädter zu ihrer mittelalterlichen Stadt und der alten Bausubstanz in den 80er-Jahren?

Es gab leider nur wenig Interesse, weder von Privatleuten noch von städtischer Seite. Halberstadt war nicht für Denkmalpflege im Plan vorgesehen. Man wohnte persönlich auch lieber im Plattenbau mit Bad und Zentralheizung und erfreute sich gelegentlich an alter Bausubstanz in Nachbarstädten wie Wernigerode, Quedlinburg oder Osterwiek.

Sie haben sich auch immer wieder bemüht, das Thema "Verfall von Halberstadt" in den Westmedien zu platzieren. Warum war es so schwierig, darauf aufmerksam zu machen und darüber Fernsehbilder zu sehen?

Entweder gab es keine Drehgenehmigungen seitens der DDR für Halberstadt oder zu wenig Interesse bei den eigenen Redaktionen.

Wie bewerten Sie, was in Halberstadt seit der Friedlichen Revolution von 1989 erreicht wurde?

Es wurde verhältnismäßig viel erreicht, es hätte aber noch wesentlich mehr getan werden können. Es fehlte nicht nur an Geld, sondern vor allem an Interesse an der historischen Bausubstanz.

Ist aus Ihrer Sicht an irgendeiner Stelle ein grundsätzlicher Fehler bei der Sanierung von Halberstadt gemacht worden?

Im Allgemeinen wurde zu wenig darauf geachtet, so zu bauen, dass die Neubauten sich an historische Formen anlehnen (Kaufhaus am Holzmarkt, Rathaus am Fischmarkt, Anbau am Gleimhaus, Archiv und Altenheim am Domplatz).

Zuletzt aktualisiert: 23. Februar 2010, 13:05 Uhr