Ein Fernsehbeitrag rüttelt auf "Bitteres aus Bitterfeld"

Umweltsünden in der DDR konnte man riechen, schmecken, sehen. Und doch versuchten Regierung und Stasi gemeinsam, das tatsächliche Ausmaß der Zerstörung zu verbergen. 1988 gelang einer Gruppe von Umweltaktivisten das scheinbar Unmögliche: Sie drehten ein Video über die katastrophale Umweltsituation der Region Bitterfeld und veröffentlichten es sogar im Westfernsehen.

Ökologisches Katastrophengebiet Bitterfeld-Wolfen

Die Industrieregion um Bitterfeld-Wolfen war von der chemischen Industrie mit den beiden zentralen Teilen VEB Filmfabrik ORWO und VEB Chemisches Kombinat Bitterfeld (CKB) geprägt. Da die Industrieanlagen immer mehr "auf Verschleiß" gefahren und Umweltschutzgesichtspunkte nachrangig behandelt wurden, wuchs die Belastung von Luft, Boden und Grundwasser stetig an.

Es gab hier eine Straße, die fing an in Bitterfeld, Richtung Wolfen. Wir nannten sie die Straße der 1000 Düfte. Da ging man entlang der Werkshalle Nord, an der Filmfabrik und dann an der Farbfabrik vorbei. Da roch es alle 100 Meter anders. Mal nach Phenol, mal nach Azeton, mal nach Farbstoffen, mal nach diesem oder jenem, es war Wahnsinn, was hier an Düften zusammenkam.

Hans Zimmermann, in den 1980er-Jahren Umweltaktivist in Bitterfeld

Und es war gesundheitsgefährdend. Im November 1990, unmittelbar nach der Deutschen Einheit, stellte das Bundesumweltministerium fest: "Im Raum Bitterfeld – charakterisiert durch eine extreme Belastung der Luft, des Wassers und des Bodens – bestehen bei Kindern eine überdurchschnittliche Behandlungsbedürftigkeit bei chronischer Bronchitis und asthmatischen Erkrankungen und deutlich schlechtere Lungenfunktionswerte als bei Kindern in Vergleichsgebieten. Auffällig ist auch eine hohe Säuglingssterblichkeit wegen Missbildungen die 1989 5,5/1000 gegenüber dem langjährigen Mittel von 2,3/1000 betrug."

Bitteres aus Bitterfeld: Ein ARD-Fernsehbeitrag rüttelt auf

Am 27. September 1988 strahlte das ARD-Magazin Kontraste einen Beitrag über die verheerende Umweltsituation im Raum Bitterfeld aus. Die Bilder vom sogenannten "Silbersee" - einer alten Tagebaugrube mitten im Siedlungsgebiet - und von der Giftmülldeponie "Freiheit III" zeigten den Fernsehzuschauern das Ausmaß der Umweltkatastrophe im Raum Bitterfeld.

Sie wurden am 25. Juni gedreht, dem Tag des Finales der Fußball-Europameisterschaft 1988. Das Datum war von einer kleinen Gruppe um die Umweltaktivisten Hans Zimmermann aus Bitterfeld, Ulrich Neumann aus Ost-Berlin sowie dem West-Berliner Filmemacher Rainer Hällfritsch mit Bedacht ausgewählt worden.
Sie gingen davon aus, dass auch Stasi und Polizei - wie die meisten anderen – das Fußballspiel sehen würden. Und die Aktivisten blieben bei den Filmaufnahmen tatsächlich ungestört.

Hans Zimmermann hatte die Drehorte ausgewählt, Neumann als Vertreter des grünen Netzwerks "Arche" die Kontakte zu West-Berliner Journalisten hergestellt. Alles lief wie geplant, aber es war sehr riskant, wie sich Zimmermann erinnert: "Wenn sie uns erwischt hätten, wären wir für 15 Jahre nach Bautzen gegangen."

Hektische Aktivitäten der DDR-Organe

Die Ausstrahlung im Westfernsehen rüttelte auch die Menschen in der Region Bitterfeld wach. Der Kontraste-Beitrag war allgemeiner Gesprächsstoff in den Betrieben und bei der Bevölkerung, was die Politiker bis zum Zentralkomitee der SED alarmierte. Politbüromitglied Günter Mittag erteilte den Auftrag, den Beitrag auszuwerten und Maßnahmen vorzuschlagen. Dieser Auftrag wurde bis nach ganz unten zum Rat des Kreises Bitterfeld "durchgestellt".

Am 9. November 1988 schlug dieser in einem Schreiben an den Rat des Bezirkes Halle eine lange Liste von Argumentationshilfen gegen den Fernsehbeitrag vor. So wurde anhand ausgewählter Daten über Schadstoffemissionen behauptet, dass die Belastungen im Raum Bitterfeld bereits deutlich zurückgeführt worden seien. Aber es gab auch ideologische Argumentationshilfen: "Deponien gibt es in allen Ländern der Welt, das beweisen die Skandale in der BRD, wo unkontrolliert Giftstoffe deponiert werden und wo sogar Deponien als Bauland für Eigenheime vergeben werden." (Quelle: Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abtlg. Merseburg)

Was verschwiegen wurde: Rund um Bitterfeld wurde die Umwelt letztlich mit Genehmigung der Regierung vergiftet, da Umweltauflagen außer Kraft gesetzt worden waren, um die Produktion nicht einschränken zu müssen. Dies war in der DDR gängiges Mittel. Die Produktion hatte stets Vorrang.

Zuletzt aktualisiert: 30. Juni 2010, 13:33 Uhr