Heinz Quermann mit einem Nachwuchstalent
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Herzklopfen kostenlos" Quermanns große Talentshow

Talente aus dem Volk entdecken und mit deren Auftritten die Werktätigen erfreuen – das war die Mission von "Herzklopfen kostenlos", der langlebigsten Talentshow des deutschen Fernsehens.

Heinz Quermann mit einem Nachwuchstalent
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"'Herzklopfen kostenlos' war in der Bevölkerung richtig verankert, es war eine Sendung für ein Millionenpublikum. Es war interessant, weil aus Werktätigen plötzlich Stars wurden, die auf der Bühne standen und tolle Darbietungen brachten", erinnert sich Ekkehard Göpelt, selbst ein "Werktätiger", der 1969 in der Talentshow des DDR-Fernsehens als Schlagersänger auf der Bühne gestanden hatte. "Ich war ganz stolz gewesen. Meine Mutter war da und auch die Mutter von Frank Schöbel, meine Gesangslehrerin. Und die beiden haben mir die Daumen gedrückt."

Neue Gesichter fürs Fernsehpublikum

1958 war "Herzklopfen kostenlos" von Heinz Quermann erfunden worden. Im Westfernsehen gab es allerdings bereits seit 1953 eine ähnliche Sendung: Peter Frankenfelds "Wer will, der kann. Die große Talentprobe für jedermann", von der sich Quermann durchaus inspirieren ließ. Heinz Quermann galt als der "Unterhaltungspate" der DDR - im Radio präsentierte er jeden Montag die legendäre "Schlagerrevue" und im Fernsehen lief damals schon seine erfolgreiche Show "Da lacht der Bär".

Eigentlich hatte Quermann mit seiner neuen Sendung nur ein paar neue Gesichter für das Fernsehpublikum entdecken wollen, doch die Parade der jungen Talente wurde schnell populärer als alle anderen Unterhaltungssendungen des DDR-Fernsehens und bekam alsbald einen der begehrten Sendeplätze am Samstagabend. Quermann, der sich in seiner Rolle als leutseliger Talentvater sehr gefiel, gab in seiner neuen Show Laienkünstlern aller Art eine Bühne – Schlagersängern, Kabarettisten, Rezitatoren, Instrumentalisten und Schauspielern. Hauptsache, sie hatten etwas Unterhaltsames zu bieten. Und das Publikum fieberte mit, wenn zwei Schlosser waghalsige artistische Nummern boten, ein Siebenjähriger Brahms spielte, eine Kellnerin sich als Kabarettistin versuchte, Soldaten im Chor sangen und Lehrlinge einer LPG mit Gartengeräten jonglierten.

Auf dem "Bitterfelder Weg"

Kulturpolitisch wandelte Quermann mit seinem "Herzklopfen kostenlos" auf dem "Bitterfelder Weg". 1959 hatte SED-Chef Walter Ulbricht auf einer Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlags in Bitterfeld die Werktätigen der DDR dazu aufgefordert, die Höhen der Kultur zu stürmen. Das Motto der Konferenz gab der Schriftsteller Werner Bräunig vor: "Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische Nationalkultur braucht dich!" Ulbricht, selbst ein großer Freund der heiteren Muße, hatte sich Heinz Quermann als Hauptredner gewünscht. Und der glänzte prompt mit seiner Talentshow.

"Ein schöner Schritt nach vorn"

Heinz Quermann stieg nach der Konferenz in Bitterfeld gewissermaßen zum obersten Talentförderer in Sachen Unterhaltung auf. In allen Bezirken und Kreisen der DDR suchten hauptamtliche Kulturarbeiter nach geeigneten Kandidaten für seine Sendung. In den mehr als 1.000 Kulturhäusern der Republik trafen sie gemeinsam mit Vertretern von FDJ, Kulturbehörden und dem FDGB eine Vorauswahl. Quermann selbst tourte mit seinem Stab rastlos durch's Land und sichtete – nur die Besten sollten schließlich eine Chance in "Herzklopfen kostenlos" bekommen.

Viele junge Talente beweisen heute, dass sie den gestiegenen Ansprüchen gerecht werden. Wenn ich an die ersten Leistungsvergleiche denke, dann kann man wirklich sagen, eijeijeij, ein schöner Schritt nach vorn.

Heinz Quermann, 1967

Selbst Nina Hagen war bei Quermann

Und tatsächlich: Quermann entging in diesen Jahren kaum ein junges Talent. Fast alle, die in den 1970er- und 1980er-Jahren zur Prominenz der DDR-Unterhaltung gehören sollten, waren von ihm entdeckt worden: Frank Schöbel, Chris Doerk, Monika Hauff und Klaus-Dieter Henkler, Regina Thoss, Monika Herz, Roland Neudert, Wolfgang Ziegler, Michael Hansen oder Dagmar Frederic. Auch Veronika Fischer hatte ihren ersten Fernsehauftritt in "Herzklopfen kostenlos". Und selbst Punklady Nina Hagen pries im Jahr 2000 den Talentvater Heinz Quermann als ihren "Entdecker".

Talente, aus denen Stars wurden

Der Schlagersänger Frank Schoebel bei einem Auftritt im August 1972
1958 rief Heinz Quermann die Castingshow "Herzklopfen kostenlos" ins Leben. Frank Schöbel stand hier zum ersten Mal auf der Bühne. Bildrechte: dpa
Der Schlagersänger Frank Schoebel bei einem Auftritt im August 1972
1958 rief Heinz Quermann die Castingshow "Herzklopfen kostenlos" ins Leben. Frank Schöbel stand hier zum ersten Mal auf der Bühne. Bildrechte: dpa
Die Schlagersängerin Veronika Fischer
In der Bewertung des Talents von Veronika Fischer lag Heinz Quermann völlig daneben: nicht "übermäßig begabt", lautete sein Urteil. Auswirkungen hatte das Verdikt des Talentschmieds für die 1951 geborene Sängerin allerdings keine. 1970 sang sie bei der "Stern Combo Meißen", ab 1971 bei der legendären Band "Panta Rhei". Von 1974 an war Veronika Fischer mit ihrer eigenen Band unterwegs, bis sie 1981, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, die DDR verließ. Ihre Songs aus diesen produktiven sieben Jahren wie etwa "Dass ich eine Schneeflocke wär", "Auf der Wiese" oder "Klavier am Fluss" gehören längst zu den Klassikern der DDR-Rockmusik. Bildrechte: Herzklopfen kostenlos/DRA
1974, Musikerin Nina Hagen
Anfang der siebziger Jahre trat auch Nina Hagen, Stieftochter des Liedermachers Wolf Biermann, in "Herzklopfen kostenlos" auf. Als Heinz Quermann im Jahr 2000 für sein Lebenswerk die "Goldene Henne" verliehen bekam, kniete Nina Hagen vor ihrem "Entdecker" nieder und sang für ihn ihren Kulthit "Du hast den Farbfilm vergessen". Bildrechte: IMAGO
Die Schlagersängerin Christ Doerk
Mit "Summertime", einer Arie aus George Gershwins Oper "Porgy and Bess", trat 1963 die Gebrauchswerberin Chris Doerk in "Herzklopfen kostenlos" auf. 1967 bekam sie den "Berufsausweis" als Schlagersängerin. Es war der Beginn einer rasanten Karriere: Noch im selben Jahr gewann sie gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann Frank Schöbel den "Schlagerwettbewerb der DDR"; ein Jahr danach waren die beiden Hauptdarsteller im Defa-Kultfilm "Heißer Sommer" und galten seitdem als das Traumpaar der DDR-Unterhaltung. Nach der Scheidung von Frank Schöbel trat Chris Doerk nur noch gelegentlich auf und zog sich Mitte der siebziger Jahre schließlich ganz aus dem Unterhaltungsgeschäft zurück. Bis heute arbeitet sie als freie Fotografin und Malerin. Bildrechte: Lieder aus dem fahrenden Zug/DRA
Die Schlagersängerin Dagmar Frederic bei Herzklopfen kostenlos
1966 trat die damals 21-jährige Dagmar Frederic in "Herzklopfen kostenlos" auf. Von einer Karriere in der leichten Muse riet Heinz Quermann der gelernten Apothekenhelferin und Studentin an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" aber ab. Sie solle lieber klassische Musik machen, gab er ihr mit auf den Weg, schließlich könne sie doch "richtig singen". Nur ein Jahr später erhielt Dagmar Frederic ein Engagement am Berliner "Friedrichstadtpalast", 1973 entdeckte das Fernsehen die Sängerin und Entertainerin. In den folgenden Jahren moderierte sie etliche Unterhaltungssendungen, darunter die Samstagabendgala "Ein Kessel Buntes". Dagmar Frederic, die "Caterina Valente des Ostens", wurde oft auf "persönlichen Wunsch" ihres großen Verehrers Erich Honecker besetzt. Bildrechte: Herzklopfen kostenlos/DRA
Die Sängerin Regina Thoss
Auch die Schlagersängerin Regina Thoss war eine Entdeckung von Heinz Quermann. 1964 lud er die 16-Jährige, die damals noch Volkslieder sang und das Konservatorium "Robert Schumann" in ihrer Heimatstadt Zwickau besuchte, in seine Talentshow ein. Zwei Jahre später gewann sie bereits das "Internationale Schlagerfestival der Ostseeländer" in Rostock und war fortan einer der beliebtesten Schlagerstars der DDR. Bildrechte: Da liegt Musike drin/DRA
Die Schlagersängerin Monika Herz bei
Während ihrer Lehre als Gebrauchswerberin im Stahlwerk Eisenhüttenstadt war Monika Herz Mitte der sechziger Jahre Gesangssolistin des betriebseigenen Volkskunstensembles, mit dem sie zu Arbeiterfestspielen reiste und einmal auch bei "Herzklopfen kostenlos" auftrat. Nach diesem Auftritt bekam sie Kontakt zu Komponisten und Textern, die sich bereit fanden, für das junge Talent Lieder zu schreiben. 1972 veröffentlichte Monika Herz schließlich ihre erste Single – "Zärtlich sollst du bleiben". Von da an gehörte sie zu den Dauergästen der Schlagerparaden in der DDR. Bildrechte: Rund F Nr. 3/DRA
Der Schlagersänger Roland Neudert bei Herzklopfen kostenlos
Roland Neudert war ein typisches Kind des "Bitterfelder Weges": 1960 wurde der 1939 geborene Maschinenbauschlosser aus Thüringen, der nach Feierabend die Volksmusikschule in Sonneberg besuchte, Sieger beim "Heiteren Finale" der Talentshow "Herzklopfen kostenlos". Zwei Jahre später bekam er seinen "Berufsausweis" und trällerte nun landauf- landab See- und Fernfahrermelodien. Obwohl er einige Hits in der "Schlagerrevue" landen konnte, erschien erst 1980 seine erste LP – "Guten Morgen, schönes Kind". Nach dem Ende der DDR war Neudert zunächst beschäftigungslos, von 1995 bis 2003 moderierte er beim MDR gemeinsam mit seiner Frau Petra Kusch-Lück die "Musikantenscheune". Bildrechte: Schlager '67/DRA
Der Schlagersänger Wolfgang Ziegler bei Herzklopfen kostlos
Der 1943 in Rostock geborene Sänger, Keyborder, Komponist und Produzent Wolfgang Ziegler gab 1970 bei Heinz Quermann sein Fernsehdebüt. Auf der Bühne stand er aber schon jahrelang mit seiner besonders im Norden der Republik bekannten Beatgruppe "Baltics". Nach einem Studium an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" gründete er 1972 die Band "Wir", mit der er bis 1986 auftrat. Seinen größten Erfolg feierte Ziegler als Solist 1988 mit dem Schlager "Verdammt, und dann stehst du im Regen", mit dem er über die Grenzen der DDR hinaus bekannt wurde. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Quermann bestimmt, wer auf die Bühne darf

1973 wurde "Herzklopfen kostenlos" einer Modernisierung unterzogen: Die Sendung hieß fortan "Heitere Premiere" und Heinz Quermann war nicht mehr der Moderator. Im Hintergrund hielt er aber bis zur letzten Sendung 1990 alle Fäden in der Hand – er schrieb die Drehbücher und bestimmte, wer auf die Bühne durfte. Turnende Schlosser und jonglierende LPG-Lehrlinge galten nun allerdings auch nicht mehr als der letzte Schrei – der "Bitterfelder Weg" war längst Geschichte. In der DDR gab es jetzt genügend junge, talentierte Sangeskünstler, die das Publikum mit mehr oder weniger professionellen Darbietungen fesseln konnten.

Traumhafte Arbeitsbedingungen

Ekkehard Göpelt, der 1969 bei "Herzklopfen kostenlos" als junges Talent einen Schlager hatte trällern dürfen, war zu dieser Zeit bereits Schlagersänger mit "Berufsausweis". Für ihn war "Herzklopfen kostenlos" ein Sprungbrett gewesen, um sich seinen Traum von einem Sängerdasein erfüllen zu können - auch wenn es letztlich nicht zur ganz großen Karriere gereicht hatte. Göpelt tingelte mit seinem Programm durch Kulturhäuser, Ferienheime und Betriebskantinen. Das allerdings zu Traumbedingungen: Der Kalender war das ganze Jahr voll und pro Auftritt gab es 400 Mark. Von solchen Gehältern konnten selbst Generaldirektoren und Ärzte nur träumen.

(Zitat Ekkehard Göpelt aus: Knut Benzner, Herzklopfen kostenlos, Deutschlandradio 2009)

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Der "Heinzelmann" war einer der besten DDR-Entertainer. Sehen Sie hier einen seiner Sketche zusammen mit Herbert Köfer und Gustav Müller.

MDR FERNSEHEN Di 18.08.2015 17:14Uhr 02:35 min

http://www.mdr.de/damals/archiv/video291190.html

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Zuletzt aktualisiert: 14. Oktober 2016, 09:34 Uhr