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Der Wandel in Ostdeutschland: Beispiel Görlitz : Die Altstadtmillion

Jahr für Jahr überweist ein anonymer Spender der Stadt Görlitz 500.000 Euro für die Sanierung der historischen Altstadt. Ohne die großzügigen Spenden wären viele Gebäude nicht zu retten gewesen.

Görlitz

Im Winter 1995 meldete sich bei der Görlitzer Stadtverwaltung ein Rechtsanwalt aus München und sagte, dass er im Auftrag seines Mandanten der Stadt Geld schenken möchte. Nur zwei Bedingungen waren an die Schenkung geknüpft: Der Name des Spenders müsse geheim bleiben und das Geld dürfe ausschließlich für die Sanierung der historischen Altstadt verwendet werden. Als Zeichen dafür, dass er es ernst meine, würde er sofort 100.000 Mark überweisen. Die Görlitzer Beamten glaubten zunächst an einen Scherz. Doch einige Tage später ging der genannte Betrag tatsächlich ein.

Die erste Million

Der anonyme Millionenspender von Görlitz

17.02.1999, 19:00 Uhr | 03:01 min

Die Görlitzer Stadtväter gründeten umgehend, so wie es der Münchner Anwalt angeregt hatte, eine "Altstadtstiftung", die die Spendengelder verwalten sollte. Die Stiftung hatte sich kaum konstituiert, da kamen auf dem Konto der Stadt auch schon eine Million Mark an - "Zuwendung für Stiftung". Mit der ersten Million wurde der Brunnen auf dem Postplatz, den manche für den schönsten Schlesiens halten, saniert, der Meridianstein erneuert und auch für das "Heilige Grab" - eine Nachbildung des Grabes Jesu in Jerusalem - war noch Geld vorhanden.

Jedes Jahr eine Überraschung

Unter den Görlitzer Bürgern hieß die mysteriöse Spende die "Altstadtmillion". Ob es noch eine weitere geben würde, wusste niemand zu sagen. "Wir dachten zunächst, das ist einmalig", erinnert sich der Leiter der Denkmalbehörde Peter Mitsching. Umso größer war die Freude, als auch im nächsten und im übernächsten und in allen weiteren Jahren pünktlich eine Million Mark (später 511.500 Euro) dem Konto der Stadt Görlitz gutgeschrieben wurden. Der Spender bekam alljährlich eine Mappe mit Fotos der sanierten Objekte und eine Dokumentation der geleisteten Arbeiten zugeschickt. Und was er da sah, schien ihn zu überzeugen.

Bildergalerie: Impressionen aus Görlitz - damals und heute

Damals - heute: Augustastraße 28 Damals - heute: Augustastraße 32 Damals - heute: Bautzener Straße 1

Durch die sogenannte "Altstadtmillion" konnten seit 1995 zahlreiche Gebäude in Görlitz saniert werden. Hier finden Sie ausgewählte Ansichten von damals und heute. [Bilder]


Wer ist der Spender?

Natürlich wurde immer gerätselt, wer der Millionenspender sein könnte. Ein reicher jüdischer Emigrant, der Sehnsucht nach seiner Heimat hat? Der Schauspieler Nicolas Cage, bei dem eine große Tageszeitung Görlitzer Wurzeln vermutete? Oder der Schokoladenerbe Thomas Sprengel? Keiner von ihnen sei es, erfolgte das energische Dementi aus dem Rathaus. Im übrigen würde man sich an derlei Spekulationen aus nachvollziehbaren Gründen aber nicht beteiligen. "Ich möchte es auch gar nicht wissen", sagt Birgit Schneider von der Görlitzer Stadtkämmerei. "Denjenigen verbindet etwas mit Görlitz und er tritt ganz bewusst in den Hintergrund", das müsse man respektieren.

Mehr als 500 Objekte saniert

Plakette für Häuser, die mit Mitteln der Altstadt-Stiftung saniert wurden
Plakette für Häuser, die mit Mitteln der Altstadt-Stiftung saniert wurden

Die heilsame Kraft der gespendeten Millionen lässt mittlerweile gut in der Görlitzer Altstadt erkennen. Mehr als 500 Objekte konnten seit 1995 saniert werden: der Görlitzer Schönhof, das älteste Renaissance-Rathaus Deutschlands, die Synagoge und etliche Bürgerhäuser. Doch nicht nur kommunaler Besitz wird von der "Altstadtstiftung" bedacht. Zu 50 Prozent geht das Geld an Privatleute, die damit ihre denkmalgeschützten Häuser sanieren können und an kirchliche Einrichtungen, die die Stiftungsgelder als Eigenmittel deklarieren, die eine öffentliche Förderung erst möglich machen. Ohne die Millionenspende hätten es schon einige Totalverluste unter den Altstadtgebäuden gegeben, betonen Görlitz' Denkmalschützer. Und so ist es kein Wunder, dass die Stadt den edlen Spender gern zum "Ehrenbürger" erklären würde. Aber wie, ohne seinen Namen zu kennen ...?

Der Spender droht mit Rückzug

Im Februar 2010 meldete sich der Spender über seinen Anwalt zu Wort. Er sei zutiefst verärgert darüber, dass die Stadt plane, ihre Denkmalschutzbehörde an den Landkreis abzugeben, um Kosten zu sparen. Damit wäre seiner Ansicht nach der Schutz der Altstadt nicht mehr in gebotenem Umfang gewährleistet. "Wenn befürchtet werden müsste, dass die Fördersummen nicht mehr ihren gedachten Zweck erreichen und deren Einsatz nicht mehr qualitätvoll begleitet würde, dann ergäbe sich eine neue Lage", hieß es in dem Schreiben. Im Klartext: Er würde seine Zahlungen einstellen. Görlitz’ Bürgermeister Joachim Paulick hat die Befürchtungen des großzügigen Gönners durchaus ernst genommen, denn durch den Verlust der Spendengelder würde für die Stadt ein irreparabler Schaden entstehen.

Inzwischen hat sich die Lage entspannt: "Das Thema ist vom Tisch. Die Denkmalschutzbehörde bleibt bei der Stadt. Wir werden die Sanierungen weiter fachmännisch begleiten. Ich denke, das ist auch im Sinne des Spenders", erklärt Bürgermeister Paulick Mitte Juli auf Anfrage. Das Geld wird also weiter fließen – zum Glück, denn zu sanieren gibt es in Görlitz noch immer jede Menge.

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Zuletzt aktualisiert: 18. August 2010, 08:36 Uhr

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