Interview mit Klaus Lisiewicz Chemie – der meisterliche "Rest von Leipzig"

Verhöhnt als "Rest von Leipzig" holte Chemie 1964 sensationell die Meisterkrone. Es war der größte Erfolg der Leutzscher und die Spieler der Meisterelf wurden zu Legenden. Eine von ihnen – Linksaußen Klaus Lisiewicz.

"Schäämie", wie die Fans im breitesten Sächsisch skandierten, wurde 1963 als der "Rest von Leipzig" verhöhnt. Warum?  

Klaus Lisiewicz: Damals hatten die Sportfunktionäre des Bezirks versucht, die Qualität des Leipziger Fußballs dadurch zu heben, dass sie die vermeintlich besten Leipziger Spieler zu einem neugegründeten Verein, dem SC Leipzig, aus dem später der FC Lok hervorging, delegierten. Die nicht förderungswürdigen Spieler, den sogenannten "Rest von Leipzig", schickte man zur BSG Chemie nach Leutzsch.  

Sie selbst waren auch zu Chemie abgeschoben worden …

Ja, obwohl ich Juniorennationalspieler war. Aber am Ende stellte es sich als großes Glück für mich heraus, in die Wüste geschickt worden zu sein. Mit Chemie gewann ich Meisterschaft und Pokal und wurde sogar in die Nationalmannschaft berufen, mit der ich 1964 die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Tokio gewann.

Autogrammkarte von Klaus Lisiewicz
Klaus Lisiewicz Bildrechte: Klaus Lisiewicz

Chemie, "der Rest von Leipzig", und die Meisterkrone! Das war eine absurde Vorstellung. Aber 1964 hieß der DDR-Meister tatsächlich Chemie Leipzig …  

Das war für alle eine Sensation. Damit hatte niemand gerechnet, dass eine Mannschaft mit Spielern, die noch ein Jahr zuvor als "nicht förderungswürdig" eingestuft worden waren, einen solchen Erfolg haben könnte. Das war einmalig in der Geschichte der Oberliga.

Was war das Geheimnis des Erfolgs?

Kampfgeist, Einsatzwille und Teamwork, wie man heute sagen würde. Wer nicht spurte, kam nicht rein in die Elf. Auch unsere Spitzenleute stellten sich ganz in den Dienst der Mannschaft. Und ganz wichtig: Die Fans standen hinter Chemie. Das Stadion war immer voll. Die gegnerischen Mannschaften, die bei uns in Leutzsch aufliefen, hatten schon vor dem Anpfiff die Hosen voll und brachten nie die Leistung, um uns gefährden zu können. Und auswärts wurden wir dann immer frecher und selbstbewusster nach den Erfolgen in den Heimspielen.

Fans mit Plakaten.
Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv

War Chemie damals tatsächlich die beste Mannschaft?

Spielerisch sicherlich nicht, da waren uns Empor Rostock, Vorwärts Berlin oder auch der SC Leipzig überlegen. Aber wir hatten mit unserem System halt Erfolg.

Worauf beruhte das System?

Aus einer sicheren Abwehr überfallartige Angriffe zu starten: Schnelles Spiel über die Flügel bis zur Grundlinie und dann scharfe Flanken nach innen. Unsere Konkurrenten in der Oberliga zeigten sich von dieser Spielweise doch sehr überrascht. Und dann hatten wir mit Bauchspieß, Behla und Scherbarth robuste und durchsetzungsfähige Stürmer in unsern Reihen, die die Torchancen auch konsequent ausnutzen konnten.

Als Vater des Erfolgs gilt Alfred Kunze, der Trainer, den man 1962 ebenfalls aussortiert und zum "Rest von Leipzig" geschickt hatte …

Trainerlegende Alfred Kunze umarmt seinen Kicker Manfred Walter
Trainer Alfred Kunze und sein Kapitän "Manner" Walter Bildrechte: DRA

Alfred Kunze gilt völlig zu recht als der Leutzscher Meistermacher. Er hatte die zusammengewürfelte Elf nicht nur formiert und von anderen Betriebssportgemeinschaften gute Spieler wie etwa Bernd Bauchspieß geholt, sondern ihr auch ein Spielsystem verordnet, dass genau zu ihr passte. Er war ja ein großer Liebhaber des englischen Fußballs, und so versuchten wir auch zu spielen. Kunze war kollegial, besprach sich stets mit dem Mannschaftsrat und gab jedem eine Chance. Er konnte auch mit allen, egal ob Medizinstudent oder Arbeiter, wir hatten ja alle möglichen Leute in der Mannschaft.     

Wie war die Reaktion von offizieller Seite  auf den Gewinn der Meisterschaft? 

Buchstäblich bis zum letzten Spieltag hatte offenbar keiner der Offiziellen des Fußballverbandes damit gerechnet, dass wir Meister werden würden, obwohl wir einen Punkt Vorsprung vor Empor Rostock hatten. Den Meisterpokal hatten die Funktionäre nach Rostock geschafft, weil sie glaubten, dort würde mit Empor der neue Meister gekürt werden. Irgendein Vertreter des Verbands sagte uns dann in der Kabine nach dem Spiel, dass uns der Meisterpokal später überreicht würde, vor einem Länderspiel gegen die UdSSR im Zentralstadion. Mehr war nicht.

Gab es eine Meisterprämie?

2.000 Mark - für die gesamte Mannschaft. Das Geld wurde aufgeteilt. Viel blieb für den Einzelnen nicht übrig. Aber so war das damals.

An die Erfolge von 1964 und 1966, als Chemie den FDGB-Pokal gewann, konnte die Mannschaft später nie wieder anknüpfen. Woran lag es?

Weil wir als BSG zum Beispiel keine guten Spieler bekamen, die wurden sämtlich in den Clubs organisiert. Andererseits wurden unsere besten Spieler stets zum FC Lokomotive delegiert. Ohne Ausgleichszahlung - das muss man sich mal vorstellen! - die wurden einfach wegdelegiert. Wir waren zum Abstieg verurteilt. Und pendelten ab den 1970er-Jahren tatsächlich zwischen Liga und Oberliga hin und her.

Wenn Chemie gerade wieder einmal im Oberhaus spielte, kam es zu den mittlerweile legendären Lokalderbys. Erinnern Sie sich noch …?

Peter Gießner (li) Dieter Scherbarth Lokalsderby 60er Jahre Lok/Chemie
Lok-Kapitän Peter Gießner (li) gegen Chemies Torjäger Dieter Scherbarth Bildrechte: Dieter Scherbarth

Die Lokalderbys waren immer sehr brisant. Die Zuschauer standen mehr hinter uns, weil wir die Underdogs waren, die es den Funktionären damals gezeigt hatten ... Aber wir hatten keine Chance mehr zu gewinnen. Lok war uns ab den 70er-Jahren eindeutig überlegen. Wir mussten schon froh sein, wenn wir nicht allzu hoch verloren.

1990 gab es etliche Stimmen, die sich für eine Bündelung der Kräfte aussprachen, konkret: für ein Zusammengehen der beiden Leipziger Traditionsvereine. War das auch Ihre Überzeugung?

Eine Fusion mit dem FC Lok wäre tatsächlich das Beste gewesen. Man hätte sich im Interesse des Leipziger Fußballs zusammenfinden müssen. Aber die Vereinsfunktionäre fürchteten wohl um ihre Pfründe und die Fans waren auch mehrheitlich gegen eine gemeinsame Leipziger Mannschaft.

Heute verkörpert vor allem der RB Leipzig die Hoffnung des Leipziger Fußballs. Wie stehen Sie zu dem sogenannten "Retortenverein"?

Ich drücke heute auch dem RB Leipzig die Daumen. Ich denke nicht mehr so sehr an Chemie oder Lok, sondern denke eher an den Leipziger Fußball insgesamt, dass der wieder zum Erfolg kommt. Und wenn RB Leipzig es geschickt anstellt, müsste es in absehbarer Zeit doch gelingen, eine Leipziger Mannschaft wenigstens in der 2. Bundesliga zu etablieren.

transparent

... erinnert sich Bernd Bauchspieß an die Begegnungen mit dem Rivalen Lok Leipzig.

MDR FERNSEHEN So 07.03.2004 17:30Uhr 00:20 min

https://www.mdr.de/damals/archiv/video108174.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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... erinnert sich Bernd Bauchspieß an die Begegnungen mit dem Rivalen Lok Leipzig.

MDR FERNSEHEN So 07.03.2004 17:30Uhr 00:20 min

https://www.mdr.de/damals/archiv/video108174.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Biografie Klaus Lisiewicz Der 1943 geborene Klaus Lisiewicz spielte zunächst für Rotation Leipzig in der Oberliga. Nach der Neuordnung des Leipziger Fußballs 1963 zählte er allerdings zu den "nicht mehr förderungswürdigen Spielern" und wurde zur zweitrangigen BSG Chemie Leipzig "abgeschoben". Mit Chemie feierte er allerdings seine größten Erfolge: die Meisterschaft 1964 und den FDGB-Pokalsieg 1966.
1972 bestritt Klaus Lisiewicz sein letztes Spiel für Chemie - ausgerechnet gegen den FC Lok Leipzig, in dessen Mannschaft mittlerweile sein Neffe Rainer Lisiewicz spielte. Lisiewicz studierte anschließend Sportwissenschaften und war als Lehrer an der DHfK Leipzig beschäftigt. 1988 siedelte er im Rahmen einer "Familienzusammenführung" in die Bundesrepublik über. Er ließ sich in Bad Sachsa im Harz nieder und arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Sportlehrer.

Zuletzt aktualisiert: 04. Januar 2016, 18:47 Uhr