Rainer Lisiewicz im Interview Spitzenmannschaft ohne Meistertitel

Lok Leipzig war in den 1970er/80er-Jahren eine Spitzenelf: Sie gewann vier Mal den FDGB-Pokal und stand 1987 im Finale des Europacups der Pokalsieger.

Welche Rolle spielte der 1. FC Lokomotive Leipzig in der Oberliga?

Lok war eine feste Größe in der Oberliga. Mitte der 60er-Jahre war man zwar einmal abgestiegen, im darauf folgenden Jahr aber auch gleich wieder aufgestiegen. Seitdem bewegte sich der Verein immer in den oberen Regionen der Tabelle. Ich würde Lok als Spitzenmannschaft der DDR einordnen, obwohl sie nie einen Meistertitel errungen hat.

Woran hat es gefehlt?

In meiner Zeit, also in den 70er-Jahren, war es so, dass mit dem FC Magdeburg und Dynamo Dresden ganz starke Mannschaften in der Oberliga spielten. Die waren hervorragend besetzt, da sind wir nicht rangekommen. Da haben uns Qualität und Konstanz gefehlt, auch hatten wir nicht den breiten Kader, den diese beiden Mannschaften besaßen.

Und in den 80er-Jahren …?

Rainer Lisiewicz
Rainer Lisiewicz, von 2004 bis 2009 Trainer beim VfB Leipzig Bildrechte: 1. FC Lokomotive Leipzig

… dominierte der BFC Dynamo die Oberliga. Wobei man sicher berücksichtigen muss, dass die Überlegenheit des Hauptstadtclubs nicht nur sportliche Ursachen hatte, sondern auch politische. Wir wissen ja, dass Stasi-Chef Mielke seinen Lieblingsverein BFC immer ganz oben sehen wollte. Und so gab es in diesem Jahrzehnt tatsächlich etliche merkwürdige Schiedsrichterentscheidungen - stets zum Vorteil des BFC. Doch darüber zu streiten, ist heute müßig. Sicher ist, dass Lok damals das Zeug hatte, Meister zu werden. Das sieht man auch daran, dass die Mannschaft nicht nur zweimal Vizemeister wurde, sondern dreimal den FDGB-Pokal gewann.     

Darüber hinaus gab es etliche erfolgreiche Auftritte im Europapokal. Nur Dynamo Dresden und der FC Carl Zeiss Jena bestritten mehr internationale Spiele …

Lok konnte international durchaus mitspielen. Das war schon in den 60er-Jahren so, als die Mannschaft zum Beispiel Benfica Lissabon aus dem Rennen warf. Und Benfica war damals das Maß aller Dinge im europäischen Fußball und hatte mit Eusebio den "besten Fußballer der Welt" in seinen Reihen … 1974 kamen wir sogar bis ins Halbfinale des UEFA-Pokals. Diese Spiele waren für unsere Generation die erfolgreichste Zeit mit Lok. Wir konnten den AC Turin, Fortuna Düsseldorf, Ipswich Town und Wolverhampton Wanderers rauskegeln. Damals waren das allesamt Spitzenclubs. In England schrieben die Zeitungen: "Lok Leipzig ist zum Albtraum für den englischen Fußball geworden." Und "La Stampa" prophezeite, "von Lok wird man noch Einiges hören". Leider sind wir dann an den Tottenham Hotspurs gescheitert. 

13 Jahre später, 1987, schaffte es Lok dann aber ins Finale …

Fußballbilder aus dem Tv der DDR
Bildrechte: Fußballpanorama | 1987 Sammelband

Trainer und Stürmer im Interview Im Finale gegen Ajax

Im Finale gegen Ajax

In der 21. Minute schoss Marco van Basten das goldene Tor gegen Lok. Nach dem Spiel zollte er den Leipzigern seinen Respekt: "In der zweiten Halbzeit haben sie besser gespielt."

Mi 13.05.1987 22:24Uhr 04:04 min

https://www.mdr.de/damals/archiv/video91152.html

Rechte: Deutsches Rundfunkarchiv

Video

Athen, Finale im Cup der Pokalsieger gegen Ajax Amsterdam … Da lief dann schon eine neue Spielergeneration auf: Liebers, Kreer, Lindner, Marschall, Zötzsche, René Müller - allesamt Nationalspieler. Ich erinnere mich noch an das Rückspiel im Halbfinale gegen Girondins Bordeaux vor mehr als 120.000 im Zentralstadion. Müller hielt zwei Elfmeter und verwandelt den alles entscheidenden selbst. Das Spiel war schon ein Highlight für den Leipziger Fußball.

Was waren eigentlich die Stärken der Lok-Elf?

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Bildrechte: dra

Vielleicht das schnelle Spiel nach vorn, der Konterfußball. Wir haben uns weit zurückgezogen, gerade in den Partien gegen große Gegner im Europapokal, und dann aber schnell gekontert. Und da hatten wir vor allem mit Wolfram Löwe einen pfeilschnellen Mann. Hatten aber auch Torjäger in unseren Reihen: Henning Frenzel, Hans-Bert Matoul oder später Dieter Kühn. Im Ganzen waren wir eine verschworene Truppe, in die sich auch unsere "Stars" - Henning Frenzel oder Wolfram Löwe zu meiner Zeit - immer eingefügt hatten. Eine Sonderrolle beanspruchte niemand für sich.

Die Gründung des 1. FC Lok Leipzig 1966 war eine sportpolitische Entscheidung. Vollzogen auf dem Leipziger Hauptbahnhof, weil die Deutsche Reichsbahn "Trägerbetrieb" des Clubs war. Was folgte aus der Gründung?

Die besten Spieler müssen zu Lok, das war die klare Devise damals. Sie sollten konzentriert werden in Probstheida. Die anderen, schwächeren mussten rüber zu Chemie, höhnisch hieß es: "Der Rest von Leipzig". Und Lok hat sich natürlich auch später immer wieder die hoffnungsvollsten Talente von Chemie geholt. Wobei man als junger Spieler natürlich zu dem Verein gehen wollte, bei dem man die Chance hatte, auch mal ins Ausland zu kommen. Das war zum Beispiel auch für mich ein Grund, 1968 von Chemie zu Lok zu wechseln.    

Die Fronten zwischen Lok und Chemie waren immer verhärtet, bei Lokalderbys schenkten die beiden Mannschaften sich nichts. Für Sie war es aber auch eine Art Familientreffen, denn Ihr Neffe Klaus Lisiewicz stürmte für Chemie. Wie haben Sie diese Spiele erlebt?

Bei den Lokalderbys wurde gehauen, getreten und gestochen. Chemie musste sich mit viel Härte und Einsatz wehren, denn spielerisch hatten sie uns nur wenig entgegenzusetzen. Also wenn da der "Manner" Walter (Libero und Kapitän von Chemie Leipzig – Anm. d. Red.) angestürmt kam, da war eine große Staubwolke um ihn rum - das war schon höchst gefährlich, dem in die Quere zu kommen. Alles in allem war der fußballerische Gehalt dieser Lokal-Derbys meistens sehr dünn. Klaus und ich sind uns auf dem Spielfeld immer aus dem Weg gegangen. Ging auch ganz gut, wir waren ja beide Stürmer.

Nach dem Ende der DDR spielte Lok in der 2. Bundesliga und wurde 1991 umbenannt. Erinnern Sie sich noch?

Da gab es eine große Versammlung und viele haben gedacht, es beginnt nun eine neue große Zeit. Wobei ich überhaupt nicht nachvollziehen konnte, warum der FC Lokomotive Leipzig unbedingt in VfB Leipzig umbenannt werden musste. Es war schon recht deutlich, das mit der Vergangenheit rigoros gebrochen werden sollte.  

Nach einer ernüchternden Saison in der Bundesliga 1993/94 ging es mit dem VfB bergab – sportlich wie finanziell. Teure Spieler, geltungssüchtige Vereinsbosse aus dem Westen, die falschen Trainer … 2004 musste der VfB schließlich Insolvenz anmelden …

Damals wurde der VfB beerdigt. Und da gab's Leute, die sagten, jetzt fangen wir wieder mit Lok an. Und die alte "Loksche" nahm tatsächlich Fahrt auf, wenn auch nur in der 11. Liga, der untersten Spielklasse. Und ich wurde gefragt, ob ich die Mannschaft trainieren würde. Ich sagte: Warum nicht, als ehemaliger Lok-Spieler ... Und so ist das Projekt angelaufen. Da war vieles unorganisiert, spontan. Und es war ein Verein, der sich mit den Fans identifizierte, obwohl ich nicht verhehlen will, dass es etliche "Rechtsaußen" gab, die da mitmischen wollten. Aber im Großen und Ganzen ist es wunderbar gelaufen, und wir sind bis 2008 jedes Jahr aufgestiegen.

Auch etliche Lok-Legenden beteiligten sich an der Reanimation des Clubs: Frenzel, Löwe, Kühn …

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Bildrechte: Fußballpanorama | 13.02. - 11.09.1977

Zu unseren Spielen kamen immer so um die 3.000 Fans – wohlgemerkt in der Kreisklasse, 11. Liga -, die kamen sogar mit dem Kremser angefahren. Und da sagten wir uns, bei den Heimspielen müssen wir uns was Spektakuläres einfallen lassen, damit wir die Leute bei Laune halten. Denn das wir in jedem Spiel 10 bis 15 Tore schießen, wird mit der Zeit auch zur Normalität. Und da haben wir die alten Kämpen gefragt, ob sie nicht Lust hätten, noch mal die Stiefel anzuziehen. Und alle haben zugesagt. Ich erinnere mich noch an das Spiel 2004, bei dem Henning Frenzel, damals immerhin schon 62, mitgespielt hat. Er köpfte das 17. Tor und wurde gefeiert wie 1973 im Europokal.   

Sportlich stagniert Lok seit 2009 und die finanzielle Lage ist seit geraumer Zeit schon wieder katastrophal. Welche Perspektive sehen Sie für den FC Lok?

Was die letzten Jahre in Probstheida passiert ist, ist schon sehr traurig. Sportlich und vor allem: finanziell. Ich kann nur hoffen, dass der FC Lok nicht noch mal Insolvenz anmelden muss. Das wäre vermutlich das endgültige Aus. Ein gutes Gefühl habe ich aber nicht. Weil die Erfahrung mir sagt, es kann eigentlich gar nicht gut gehen.

(Das Interview wurde zuerst veröffentlicht am 06.02.2013.)

Biografie Rainer Lisiewicz Rainer Lisiewicz wurde 1949 in Dahlen geboren. Von 1968 bis 1978 spielte er als Rechtsaußen für den 1. FC Lok Leipzig. Seine größten Erfolge mit der "Loksche": das Erreichen des Halbfinales des UEFA-Pokals 1973 sowie der FDGB-Pokal 1976. Nach dem Ende seiner Karriere arbeitete Rainer Lisiewicz als Trainer, unter anderem von 2004 bis 2009 bei seinem alten Verein.

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Zuletzt aktualisiert: 21. April 2017, 14:37 Uhr