Jeden Tag drängeln sich die Antragssteller in den Warteräumen der Gauck-Außenstelle in der Oderstadt, um Anträge auf Einsicht in die Stasi-Akten abzugeben.
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Ein Geheimdienst und seine Hinterlassenschaft Die Stasiakten - unheimliches Erbe der DDR

Es war ein historisches Datum, als am 2. Januar 1992 die Stasi-Akten geöffnet wurden. Die DDR-Bürger hatten nun die Möglichkeit, die Akten einzusehen, die Mielkes geheimes Imperium über sie angelegt hatte.

Jeden Tag drängeln sich die Antragssteller in den Warteräumen der Gauck-Außenstelle in der Oderstadt, um Anträge auf Einsicht in die Stasi-Akten abzugeben.
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Am 2. Januar 1992, morgens um 7:00 Uhr, öffnete eine neue deutsche Behörde in Berlin ihre Pforten - die "Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU)", nach ihrem damaligen Chef Joachim Gauck kurz die "Gauck-Behörde" genannt.

Es war ein historisches Ereignis, denn zum ersten Mal war Bürgern von diesem Tag an die Möglichkeit gegeben, die Unterlagen einzusehen, die ein Geheimdienst über sie angelegt hatte. Jeder konnte jetzt erfahren, wer ihn bespitzelt, verraten oder gar ins Gefängnis gebracht hatte. So etwas war bis dahin noch niemals auf der Welt möglich gewesen. Den rechtlichen Rahmen für diesen Vorgang hatte der Deutsche Bundestag mit dem im Dezember 1991 verabschiedeten "Stasi-Unterlagengesetz" gegeben, das die diversen Formen der Akteneinsicht regelte. Vor allem sollten Personen, die mutmaßlich von der Staatssicherheit ausgespäht worden waren, Einsicht in ihre Akten beantragen können.

Wer ist "IM Hölderlin?"

Zu den ersten, die an jenem 2. Januar 1992 ihre Stasi-Akten durchblättern durften, gehörten DDR-Bürgerrechtler, die sich der ungeteilten Aufmerksamkeit von Mielkes Mannen stets sicher sein durften: Bärbel Bohley, Ulrike und Gerd Poppe, Lutz Rathenow und die Dichterin Sarah Kirsch. In ihren voluminösen Akten fanden sich Observationsfotos, Beobachtungsprotokolle, Charaktereinschätzungen, Maßnahmepläne und vor allem Spitzelberichte zahlloser auf sie angesetzter sogenannter "Informeller Mitarbeiter" (IM). "Ein 'IM' von mir ist 'Hölderlin'. Und welches Schwein sich hinter 'Hölderlin' verbirgt, das möchte ich wissen!", sagte Sarah Kirsch nach einem ersten Blick in ihre Akten.   

Qualvolle Reisen in die Vergangenheit

Die Stasi hatte in ihrer Sammelwut Akten angehäuft, die, aneinandergereiht, von Berlin bis nach Leipzig reichen würden: insgesamt knapp 180 Kilometer. Eine unheimliche Hinterlassenschaft. In ihnen verbergen sich die Schicksale von Opfern wie von Tätern. 

Porträt Manfred Smolka
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Hunderttausende hatten schon kurz nach der Gründung der "Gauckbehörde" einen Antrag auf Akteneinsicht gestellt. Bei vielen von ihnen geschah dies aus purer Neugier. "Ich möchte mal sehen, ob mich vielleicht einer angemeuert hat, zu Deutsch gesagt, ob ich drin stehe und kriege dann so 'ne Augen", begründete damals eine Frau ihre Antragstellung. Doch bei der überwiegenden Mehrheit der Antragsteller fand sich nichts in den Akten oder lediglich eine Anhäufung von Belanglosigkeiten. Etliche DDR-Bürger - wie etwa die Bürgerrechtler Ulrike und Gerd Poppe - mussten aber erfahren, dass sie jahrzehntelang von Dutzenden Spitzeln auf Schritt und Tritt verfolgt worden waren.

"Häufig ist es gar kein politischer Schaden, sondern das missbrauchte Vertrauen ist das Schlimmere, was weh tut", sagte Ulrike Poppe nach einer ersten Einsicht in ihre Akten. Für einige wenige wurde die Akteneinsicht allerdings zu einer qualvollen Reise ins Herz der Finsternis - wie für Ursula Franz, die anhand der Akten das Schicksal ihres 1960 spurlos verschwundenen Vaters zu ergründen versuchte und erfahren musste, dass er nur wenige Monate nach seinem Verschwinden wegen angeblichen Hochverrats hingerichtet worden war. "Es gab immer wieder die Hoffnung, dass er leben könnte, dass er vielleicht irgendwo eingesperrt ist…" Nach der Akteneinsicht hatte Ursula Franz grausige Gewissheit - es gab keine Hoffnung mehr.  

Wie viele DDR-Bürger wurden von der Stasi bespitzelt?

Die genaue Zahl der Menschen, die von der Staatssicherheit ausspioniert wurden, lässt sich nach Angaben der Stasiunterlagen-Behörde nur schwer feststellen. Die Materie sei zu komplex, heißt es. Erkenntnisse, die sich in Zahlen ausdrücken lassen, lägen für die 1980er Jahre vor. Im letzten Jahrzehnt der DDR seien pro Jahr zwischen 4.000 und 5.000 sogenannte Operative Vorgänge (OV) oder auch Zentrale Operative Vorgänge (ZOV) durchgeführt wurden. 2.000 dieser Ermittlungen habe das MfS jährlich abgeschlossen. Die meisten Ermittlungsverfahren sind nach Angaben von Dagmar Hovestädt, Pressesprecherin der Stasiunterlagen-Behörde, allerdings wegen "versuchter Republikflucht" ohne OV durchgeführt worden. Im Visier seien aber nicht nur Systemgegner gewesen, sondern auch DDR-Bürger, die in sicherheitsrelevanten Bereichen arbeiteten, eine Reiseerlaubnis hatten oder Westkontakte.

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2015, 12:49 Uhr