Damals im Osten

Lexikon : Die Deutsche Hochschule für Körperkultur in Leipzig

40 Jahre lang zählte die Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig zu den weltweit erfolgreichsten Sporthochschulen. Nach 1990 galt sie als "eine Hochburg des Dopings" und wurde geschlossen.

von Olivia Sardinas

Einjgang der DHfK in der Jahnallee in Leipzig

Die Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) galt als Keimzelle des sogenannten DDR-Sportwunders. In Leipzig wurden die Fachleute und Sportler ausgebildet, die dazu beitrugen, dass sich das kleine Land zu einer der führenden Sportnationen der Welt entwickeln konnte. "Wir haben trotz knurrendem Magen rechtzeitig erkannt, welche Wege beschritten werden müssen, um erfolgreich zu sein", erinnerte sich stolz der DHfK-Professor Horst Meurer nach den Olympischen Spielen von 1972, als die DDR den dritten Platz in der Medaillenwertung hinter den Supermächten UdSSR und USA erreichte.

Zentrale Ausbildungs- und Wissenschaftseinrichtung

Im Februar 1950 war durch das "Jugendgesetz" der Aufbau der DHfK als "zentrale sportliche Ausbildungs- und Wissenschaftseinrichtung" beschlossen worden. Bereits im Oktober 1950 bezogen die ersten 96 Sportstudenten die noch provisorisch hergerichteten Klassenräume auf dem riesigen Komplex an der Stalin-Allee (der späteren Friedrich-Ludwig-Jahn-Allee). Die Sporthochschule, die aus dem 1925 gegründeten und seinerzeit ersten Institut für Leibesübungen in Deutschland hervorgegangen war, richtete in den folgenden Jahren auch Außenstellen in Rostock, Magdeburg, Dresden, Erfurt, Berlin und Chemnitz ein. Schwerpunktaufgabe war die Ausbildung von Trainern für den Leistungssport.
Vier Jahre später veranlasste Manfred Ewald, damals Vorsitzender des "Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport", dem die Sporthochschule unterstand, den SC DHfK ins Leben zu rufen. "Leistungssportler und ihre Trainer sollen in diesem Sportclub konzentriert und zu sportlichen Höchstleistungen geführt werden", lautete die Anweisung.

Medaillenschmiede DHfK – "Gold war alles"

Gebäude der DHfK
MDR FERNSEHEN

Streifzug durch die DHfK-Geschichte von 1950 bis 1992

22.10.1992, 19:00 Uhr | 04:34 min

Durch die erfolgreiche Teilnahme an internationalen Wettkämpfen, insbesondere an den Olympischen Spielen, wollte die DDR im weltweiten Vergleich glänzen und das Ansehen des sozialistischen Systems stärken. Der SC DHfK hatte die Aufgabe, olympische Sportarten schwerpunktmäßig zu fördern. Dafür wurde er vom Staat großzügig mit finanziellen Mitteln ausgestattet, zum Beispiel für den Bau eigener Sportstätten und die Anschaffung neuer Trainingsgeräte. Zu nennen wären außerdem das "Werferhaus", in dem leichtathletische Wurfdisziplinen trainiert werden konnten, oder ein Bootshaus für die Wassersportarten. Dort gab es einen Ruderkasten, mit dessen Hilfe sich die Kanuten und Ruderer selbst im Winter noch auf Wettkämpfe vorbereiten konnten. Doch auch den Aktiven selbst wurden für Medaillen neben Geldprämien auch Unterstützung beim Hausbau, beim Erwerb eines Autos oder Reisen nach Kuba in Aussicht gestellt.

Bildergalerie: Berühmte Sportler und Trainer der DHfK Leipzig

Olympia 1980: Finn Dinghi-Segler Jochen Schümann  (l-r) Alejandro Casanas aus Kuba (Silber), Thomas Munkelt aus der DDR (Gold) und Alexander Putschkow aus der UdSSR (Bronze). Leichtathletik: Margitta Gummel 1968

Vor 1989 war die Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig eine der weltweit erfolgreichsten Sporthochschulen. In unserer Bildergalerie finden Sie namhafte Sportler und Trainer der DHfK. [Bilder]


Besser, schneller, moderner – Sportgeräte aus der DDR

Im April 1969 fasste der Bundesvorstand des DTSB (Deutscher Turn- und Sportbund) einen weitreichenden Beschluss: "Wir müssen die Orientierung geben, in den Sommersportarten immer zu den vier, fünf führenden Ländern zu gehören. Im Winter, wo unsere Möglichkeiten aufgrund der natürlichen Bedingungen geringer sind, müssen wir sehen, dass wir immer zu den acht, neun Besten gehören." Die staatliche Förderung beschränkte sich fortan auf medaillenträchtige Sportarten, weniger erfolgreiche wie Basketball oder alpiner Skisport wurden aus dem Förderkatalog gestrichen.

Prof. Pfeifer
MDR FERNSEHEN

Potenzial des Forschungsinstituts liegt brach

30.09.1991, 21:00 Uhr | 04:54 min

Mit dem DTSB-Beschluss wurde aber auch die Arbeit der Entwicklungsabteilung für Sportgeräte der DHfK intensiviert, die bereits seit 1962 existierte. Enorme Geldsummen flossen in die Entwicklung von hochmodernen Sportgeräten. 180 Wissenschaftler versuchten, neue Erfolgsstrategien zu entwickeln. Aus Angst, die ausländische Konkurrenz könne entdecken, was in Leipzig entwickelt wird, wurden die Erkenntnisse der Material- und Trainingsforschung zur Geheimsache erklärt. Anlagen, wie zum Beispiel der erste Strömungskanal, waren nur für einen kleinen Personenkreis zugänglich. Die Gegenströmung des Kanals sollte das Schwimmen erschweren und die Ausdauer beziehungsweise Kraft des Sportlers verbessern. Für Skiläufer wurde ein spezielles kippbares Laufband entwickelt, das ihre Schnelligkeit trainieren sollte. Höhenverstellbare Laufbänder waren damals eine Weltneuheit.

Der Plan des DTSB, "zu den vier, fünf führenden Ländern zu gehören" und jedenfalls stets "eine Platzierung vor der Bundesrepublik zu erreichen", ging schon drei Jahre später auf: Die DDR bestimmte seit den Olympischen Spielen von München 1972 bis 1990 in etlichen Sportarten das Weltniveau und lag im Medaillenspiegel tatsächlich immer vor der Bundesrepublik.

Internationale Trainerkurse an der DHfK

Die zahlreichen Medaillengewinne der Leipziger Sportler führten nun auch dazu, dass die DHfK auch für ausländische Studenten immer attraktiver wurde. Die Einladungen zu internationalen Trainerkursen in Leipzig wurden bald zu einem bedeutungsvollen Instrument der Außenpolitik der DDR. In den Jahren bis zum Mauerfall absolvierten insgesamt 4.000 Trainer aus aller Welt Kurse, darunter auch heute noch einflussreiche Sportfunktionäre wie der Präsident der Internationalen Handball-Föderation Hasan Mustafa und Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Doping und das Ende

Injektion
MDR FERNSEHEN

Der Medaillenproduktionskonzern

29.09.1991, 23:01 Uhr | 07:46 min

Die erfolgreichen Bemühungen, die Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit der Sportler durch geeignetere Sportgeräte und medizinische Betreuung zu verbessern, führten bald an natürliche Grenzen. Von 1968 bis 1972 versuchte man deshalb, im Geheimen einen neuen Weg zur Leistungssteigerung zu testen. Im Zuge einer Pilotstudie wurden mit den Leistungssportlern des SC DHfK erste Versuche zur Wirkung von sogenannten Anabolika unternommen. Die "Wundermittel" schlugen bei einigen Athleten an und setzten sich als Dopingmittel in der Sportmedizin der DDR durch. Die Einnahmen solcher Substanzen wurden sowohl von der Regierung als auch von den Sportfunktionären geheim gehalten. Auch die Athleten in Leipzig wussten nicht immer, welche Pillen ihnen Sportärzten und Trainern verabreichten. Der Einsatz von Dopingmitteln führte über die Jahre bei vielen Sportlern jedoch zu schweren Nebenwirkungen und gesundheitlichen Schädigungen. Reden durfte darüber niemand. Erst nach dem Mauerfall begannen Nachforschungen über die Doping-Praktiken der DDR. Immer neue Vorwürfe kamen ans Licht. Die DHfK wurde von manchen sogar als "Hochburg der Anabolika" bezeichnet. Die Dopingvorwürfe führten letztlich am 11. Dezember 1990 auch zur Schließung der Hochschule. 1.050 Mitarbeiter verloren ihren Job, darunter auch jene 20 Wissenschaftler, die sich ausschließlich mit dem Thema Doping befasst hatten.

Der Neuanfang 1993

Am 8. Dezember 1993 wurde nach langen Diskussionen eine sportwissenschaftliche Fakultät der Universität Leipzig gegründet, die auch einige ehemalige Angestellte und die Infrastruktur der DHfK übernahm. Heute ist das Lehrangebot wesentlich breiter gefächert als zu DDR-Zeiten und orientiert sich nicht mehr nur an der Förderung olympischer Sportarten. Der SC DHfK existiert bis zum heutigen Tag und gilt mit seinen 113 olympischen Medaillen und 348 Weltmeistertiteln, die seine Aktiven seit 1950 gewonnen haben, als weltweit erfolgreichster Sportclub aller Zeiten. Was aus DHfK-Tagen ebenfalls überlebt hat, sind die internationalen Trainingskurse. Das Bundesaußenministerium hatte schnell erkannt, dass auch das vereinigte Deutschland von den Ausbildungskursen der Leipziger Sporthochschule profitieren könnte. Seit 1990 finanziert es deshalb Trainingskurse für jährlich etwa 100 ausländische Studenten.

Von der Abwicklung bis zum Neubeginn

Staatsnähe war Programm an der DHfK - einer der Gründe, warum die sächsische Landesregierung die Leipziger Sporthochschule am 11. Dezember 1990 abwickelte. MDR, 14.10.2000.

14.10.2000, 19:00 Uhr | 03:54 min

Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2010, 18:38 Uhr

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