Damals im Osten

Große Spiele, kaum Zuschauer : Die Geisterspiele von Berlin und Düsseldorf

1959 kam es gleich zu zwei deutsch-deutschen Fußball-Begegnungen. Es ging um die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rom ein Jahr später. Beide Partien sorgten für Unmut bei den Fans des Rasensports, denn Spielort und Anstoßzeit wurden erst am Spieltag bekannt gegeben.

von Walter Weitz

Der DDR - Stürmer Bereni Klodt (l) im Zweikampf mit dem polnischen Abwehrspieler Wozniak

Was Bundestrainer Sepp Herberger vor den Olympischen Spielen 1956 im australischen Melbourne noch mit Geschick und einigen Tricks hatte verhindern können, dass es nämlich entweder zu einer gemeinsamen deutschen Mannschaft kommen oder dass sich eines der beiden Teams qualifizieren würde - drei Jahre später war es geschehen. Speziell die DDR-Oberen mit SED-Chef Walter Ulbricht an der Spitze pochten auf Souveränität ihres Landes. Einer gemeinsamen Mannschaft wollten sie nicht zustimmen. Die Fußball-Funktionäre beider Seiten riefen darauf hin ihre beiden Nationalen Olympischen Komitees um Vermittlung an. Was dann jedoch auf der Wartburg bei Eisenach als Ergebnis herauskam, war ein fauler Kompromiss. Die Ostdeutschen bekamen ihre Qualifikation, "Sichtungsspiele" genannt. Den Westdeutschen wurde das Prinzip der Nicht-Öffentlichkeit zugestanden - nur Medienvertreter sollten den Ereignissen beiwohnen.

200 Zeitzeugen statt 70.000 Zuschauer

Am 16. September kam es im Ostberliner Walter-Ulbricht-Stadion zum ersten von zwei Ausscheidungsspielen zwischen den Olympia-Mannschaften der DDR und der Bundesrepublik. Um nichts dem Zufall zu überlassen, waren erst am Spieltag selbst Ort und Anstoßzeit der Begegung bekanntgegeben worden. So kam, was kommen musste und auch so geplant war: Statt der 70.000 möglichen Zuschauer verirrten sich im weiten Rund geschätzte 200 Personen: Balljungen, Fotografen und Kameraleute, die dieses einmalige Ereignis festhalten sollten. Dazu einige Funktionäre und Journalisten auf den Stadiontribünen. Der damalige Berliner Abwehrspieler Wermer Heine vom SC Dynamo Berlin sollte später sagen: "Die Spiele gehören zu den ungewöhnlichsten meiner Laufbahn." Und Bringfried Müller, der Ehemann der später weltweit bekannten Eiskunstlauf-Trainerin Jutta Müller, erinnerte sich: "Es gab vor, während und nach dem Spiel keinerlei Kontakte mit den westdeutschen Spielern."

SED-Chef "fußball-verärgert"

Im ersten "Geisterspiel" in Ostberlin hatte die DDR-Mannschaft ihre Nerven nicht im Griff und unterlag 0:2. Erst unterlief Fischer ein Eigentor, kurz vor dem Ende markierte Charly Dörfel vom Hamburger SV das 2:0. Eine Woche später - am 23. September 1959 - kam es im Düsseldorfer Rhein-Stadion zur zweiten deutsch-deutschen Olympiaqualifikation. Die DDR ging nach 14 Minuten durch einen von "Moppel" Schröter von Dynamo Berlin verwandelten Handelfmeter sogar in Führung. Noch vor dem Wechsel drehten Timm und Wilkening den Spieß um. Das Spiel endete 2:1 für die Mannschaft aus dem Westen. Es mag für die DDR-Oberen später eine gewisse Genugtuung gewesen sein, dass sich die westdeutschen Mannschaft ebenfalls nicht für Rom qualifizieren konnten, denn sie scheiterte später an Polen und Finnland. Dass im Westen speziell nach dem Spiel in Düsseldorf die Häme über die beiden DDR-Niederlagen riesig war, verwunderte in der damaligen politisch frostigen Zeit kaum. Die West-Berliner Presse höhnte, SED-Chef Walter Ulbricht sei "fußball-verärgert". Tatsächlich hatte Ulbrichts Frau Lotte der DDR-Zeitschrift " Wochenpost " mitgeteilt, ihr Mann komme "vom Fußball in der letzten Zeit manchmal recht missgestimmt nach Hause."

Dritter Anlauf brachte dem DDR-Fußball den Erfolg

Vier Jahre später blieb der Modus der Ausscheidungsspiele zwischen Ost- und Westdeutschland bestehen, allerdings wurde die Unsinnigkeit der "Geisterspiele" begraben. In zwei Duellen 1963 setzte sich die DDR-Mannschaft durch. In Karl-Marx-Stadt wurde 3:0 gewonnen, die 1:2 -Niederlage in Hannover konnte die Qualifikation für Olympia in Tokio 1964 nicht "verhindern". Im fernen Japan feierte die DDR-Mannschaft mit noch heute im Osten bekannten Kickern wie Bernd Bauchspieß, Horst Weigang, Manfred Geisler (Leipzig), Rainer Nachtigall (Ostberlin), Klaus Urbanczyk (Halle) oder Peter Rock (Jena) mit dem Gewinn der Bronzemedaille ihren ersten großen Erfolg. Nur die erstmalige Teilnahme an der Weltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik und der Gewinn der Olympischen Goldmedaille 1976 wurden höher eingeschätzt.

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Zuletzt aktualisiert: 18. November 2010, 10:51 Uhr

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