Damals im Osten

Die DDR gegen die Bundesrepublik : Die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland

Als die beiden deutschen Mannschaften 1974 das erste Mal während einer Fußball-WM aufeinander trafen, war die Favoritenrolle klar geregelt. Doch zunächst lief die WM für den Außenseiter DDR wirklich gut. Am Ende musste sich die DDR jedoch geschlagen geben - und die Bundesrepublik wurde zum zweiten Mal Fußball-Weltmeister.

von Walter Weitz

Franz Beckenbauer überspringt einen Gegenspieler der DDR

Es war ein Samstag, dieser 22. Juni 1974. Im ausverkauften Hamburger Volksparkstadion sollte am Abend das bislang einmalige Duell zwischen den Nationalmannschaften der Bundesrepublik und der DDR angepfiffen werden. Die Männer von Helmut Schön - dem gebürtigen Dresdener - waren als Europameister 1972 klar favorisiert. Namen wie Beckenbauer, Maier, Overath, Netzer oder Heynckes waren auch im Fußball-Osten wesentlich bekannter als umgekehrt Spieler wie Croy, Sparwasser, Lauck oder Bransch im Westen. Der Hallenser Bernd Bransch war es gewesen, der im September 1973 im Qualifikations-Heimspiel im Leipziger Zentralstadion der DDR mit zwei herrlichen Freistößen gegen Rumänien den Sieg bescherte und damit erstmals die Tür zu einer WM-Endrunde aufstieß. Das letzte Gruppenspiel wurde dann in Tirana 4:1 gegen Albanien gewonnen. Freude und Erleichterung waren bei den DDR Fußball-Funktionären riesengroß.

DDR kämpft sich in Runde zwei

Georg Buschner
MDR FERNSEHEN

Die Gretchenfrage an Georg Buschner

02.01.1988, 19:00 Uhr | 01:40 min

Die Weltmeisterschaft auf westdeutschem Boden verlief für die erstmals überhaupt bei einer Endrunde startende DDR glänzend. Gegen Chile gab es ein 1:1, gegen Australien wurde 2:0 gewonnen. Da sich vor dem Spiel in Hamburg Australien und Chile in Westberlin unentschieden 0:0 getrennt hatten, bedeutete das schon die vorzeitige Qualifikation für die zweite Finalrunde. Dieses Spiel der Mannschaft von Trainer Georg Buschner wurde von der DDR Führung zum großen Politikum aufgebauscht. Handverlesene und zumeist linientreue "Fans" wurden mit einem Sonderzug nach Hamburg geschickt. Georg Buschner äußerte 20 Jahre später in einem MDR-Interview Zweifel, ob überhaupt echte Fußballfans in dieser Reisegruppe nach Hamburg gekommen waren.

Sieg gegen den Klassenfeind

Das Spiel wurde zunächst von Beckenbauer und Co. dominiert, die DDR-Mannschaft hielt aber - wohl wissend, dass sie die nächste Runde erreicht hatte - diszipliniert dagegen. Überdies hatte der Zwickauer Torwart Jürgen Croy einige Male Glück. Vor allem der sogenannte "Bomber der Nation", Gerd Müller von den Münchner Bayern, traf das Gehäuse nicht. Dann kam die legendäre 78. Minute. Abwurf von Jürgen Croy, der Ball kam zum Berliner Lauck, der wiederum sah den Magdeburger Sparwasser starten. Der Pass auf "Spari" kam zentimetergenau, der nahm den Ball auf, ging an Beckenbauer, Höttges und Vogts vorbei und ließ Torwart Sepp Maier keine Chance. Später wurde noch Günter Netzer eingewechselt, aber der Einsatz des langhaarigen Blonden aus Mönchengladbach brachte auch dem bundesdeutschen Team auch nichts mehr. Die DDR gewann 1:0 und sorgte damit für die große Sensation. Im DDR-Mannschafts-Hotel in Quickborn wurde kräftig gefeiert, Mannschaftsleiter Willy Boldt nahm stark angetrunken ein unfreiwilliges Bad im See, die "Fans" wurden wieder nach Hause gefahren und die Ostberliner Funktionäre feierten diesen Erfolg als "Sieg gegen den Klassenfeind".

Die heilsame Wirkung einer Niederlage

Beim großen Favoriten begann das Nachkarten. Die Zeitungen kritisierten massiv Mannschaft und Bundestrainer Helmut Schön. Schuldzuweisungen gab es reichlich, bis Franz Beckenbauer lautstark "auf den Tisch klopfte". Eine andere Mannschaft mit einer anderen Einstellung sollte zum ersten Spiel in Runde zwei auf dem Platz stehen. Und so kam es auch. Während sich die DDR trotz des 1:0-Sieges gegen den späteren Weltmeister Bundesrepublik für die schwerere Gruppe mit Titelverteidiger Brasilien, Argentinien und dem späteren Finalisten Niederlande qualifizierte, hatten die Gastgeber gegen Jugoslawien (2:0), Schweden (4:2) und Polen anzutreten. Im "Wasserspiel von Frankfurt" erzielte Gerd Müller das entscheidende Tor gegen Polen, später wurde im Münchner Olympiastadion die Niederlande nach 0:1-Rückstand durch Tore von Rainer Bonhof und Gerd Müller 2:1 geschlagen.

Die DDR hatte in ihrer Gruppe immerhin noch ein unentschieden gegen Argentinien erzielt, aber gegen Brasilien und die Niederlande verloren und schied als unglücklicher Gruppendritter aus der WM aus. Deutschland West wurde zum zweiten Mal nach 1954, dem Wunder von Bern, Weltmeister. Für die DDR war es die erste und einzige Teilnahme an einer Weltmeisterschaft. Es mag ein kleiner Trost gewesen sein, durch den Sieg in Hamburg einig wenig mitgeholfen zu haben, dass es zum zweiten deutschen Titelgewinn reichte.

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Zuletzt aktualisiert: 18. November 2010, 07:30 Uhr

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