Damals im Osten

Zeitzeuge Teil 5 : Gerald Wahrlich

Gerald Wahrlich gründete in Wiederstedt eine Art Bürgerinitiative, um ein altes Schloss zu retten, das nach dem Willen der SED abgerissen werden sollte.

Mitte der 80er-Jahre in Wiederstedt, einer kleinen Gemeinde nahe Eisleben. Die letzte Gastwirtschaft hat 1985 dicht gemacht. Vereine und Chor suchen Versammlungs- und Probenräume. Mitten im Dorf steht das baufällige Schloss, früher im Besitz der Familie von Hardenberg. 1772 wurde der Dichter Novalis hier geboren. Nach 1945 wird die Familie enteignet, bis 1981 wird das Gebäude als Altenheim genutzt. Nun verfällt es und soll nach dem Willen der Kreisverwaltung Hettstedt 1987 abgerissen werden. Eine Handvoll Wiederstedter widersetzt sich aber und verhindert den Abriss.

Die Gruppe um Gerald Wahrlich beginnt das alte Gemäuer auf eigene Faust wieder aufzubauen. Hier soll das neue Gemeindezentrum entstehen – ein verwegener Plan angesichts der Tatsache, dass das Schloss von der Denkmalliste gestrichen wurde und angesichts des Materialmangels, der in der DDR herrscht. Gerald Wahrlich und seine Mitstreiter werden Mitglieder des Kulturbundes und bilden die "Interessengemeinschaft Novalis" in der Ortsgruppe Wiederstedt.

Nach unzähligen Auseinandersetzungen gelingt es ihnen auf der Grundlage neuer Gutachten durchzusetzen, dass für den Abriss vorgesehene Mittel für die Sanierung verwendet werden. Von nun an treffen sich regelmäßig rund fünfundzwanzig Helfer, darunter viele Jugendliche aus dem Ort. Sie leisten hier tausende freiwilliger, unentgeltlicher Arbeitsstunden: nachmittags, am Wochenende, in jeder freien Minute. Gerald Wahrlich beschafft das Baumaterial.

Der Protagonist Wahrlich
Gerald Wahrlich

Der Wiederaufbau macht Fortschritte und ruft die SED-Obrigkeit auf den Plan: "Musste zur Partei- Kontrollkommission der SED-Kreisleitung Hettstedt. Wollten mich aus der Partei schmeißen, habe ihnen gesagt: Ich bin freiwillig rein und gehe auch freiwillig wieder raus", notiert Gerald Wahrlich im Februar 1989.

Am Ende gelingt der große Plan: Das Schloss wird als Kulturzentrum Novalis aufgebaut. Aus der "IG Novalis" geht Anfang 1990 das unabhängige Kuratorium Geburtshaus Schloss Oberwiederstedt e. V. hervor, das schließlich die entscheidenden Impulse für eine Forschungsstätte der Frühromantik, Novalis-Museum und die Internationale Novalis-Gesellschaft gibt. Rückblickend meint Gerald Wahrlich: "Wenn wir unsere Gaststätten noch gehabt hätten, wir hätten uns um das Schloss nicht gekümmert."

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2011, 16:03 Uhr

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