Damals im Osten

Lexikon : Porträt von Karl-Heinz Fräsdorff

Fräsdorff und Gewürze waren 120 Jahre lang bekannt in Magdeburg. Über Wirtschaftskrisen und Kriege hinweg existierte das Unternehmen mit Schlitzohrigkeit und Überlebenskunst. In der DDR bewies der letzte Inhaber Karl-Heinz Fräsdorff davon ein gerüttelt Maß. Mit Pfiffigkeit blieb sich der heute weit über 70-Jährige trotz Planwirtschaft und sozialistischer Reglementierung immer selbst treu.

Zufällig am 17. Juni 1953 in eine Streikdemo geraten, verurteilte ihn ein Gericht als "Rädelsführer" zu eineinhalb Jahren Zuchthaus. Der junge Mann gab nicht auf, verschob notgedrungen seine geplante Hochzeit und ließ die Firma per Vollmacht vom Vater leiten. Bis 1972 war die Gewürzfabrik in privater Hand. Doch dann kam das Unternehmen bei der großen Enteignungswelle unter den Hammer.

"Wir mussten für 'nen Appel und ´n Ei verkaufen", sagt der zum VEB-Werkleiter gemachte "Ex-Kapitalist". Für die Gewürzfertigung schlug das Aus. Nun wurde Natron abgefüllt und Brausepulver produziert. Letzteres gehörte zur Bückware in der DDR. Kurz nach der Verstaatlichung warf Fräsdorff das Handtuch, wollte wieder selbstständig sein. Mühsam bastelte er an der neuen Existenz. 1977 eröffnete der Unermüdliche einen Tante-Emma-Laden. Hier kauften die Leute gern ein, die staatlichen Stellen gaben klein bei und erteilten die Genehmigungen dafür nachträglich.

Fräsdorff bewies in politischen Dingen Schwejksche Dreistigkeit. Bei einer Wahl saß er den ganzen Tag treu im Wahlvorstand und gab selbst seine Stimme nicht ab. Im "Hinterstübchen" des eigenen Geschäfts wurde eine neue Gewürzproduktion vorbereitet. Die Tüten der einstigen Familienfirma waren als Startkapital vor der Papiermühle gerettet worden. Als die DDR-Planwirtschaft Lücken in der Versorgung der Bevölkerung mit Gewürzen feststellte, konnte Fräsdorff als "rettender Engel" auf den Plan treten.

"1978 war ich wieder auf dem Markt". Von Null auf Hundert wurde er zum größten Majoranabfüller des Landes. Meist aber kam das Gewürz aus Ungarn oder Ägypten, denn was auf heimischen Feldern in besserer Qualität wuchs, wurde für Devisen in den Westen verkauft. Schließlich ein stiller Triumph: 1989, noch vor der Wende, erhielt Fräsdorff seinen ersten Betrieb wieder, der VEB hatte versagt.

Mit der Marktwirtschaft versuchte Fräsdorff gegen die Konkurrenz zu bestehen. Trotz zweier eigener Kaufhallen und bei sinkendem Gewürzabsatz kam 1993 das Aus. Die alten Anlagen kamen nicht auf den Schrott, sondern ins Magdeburger Technikmuseum, original und komplett, wie sie bis zum letzten Tag funktionierten.

Erstveröffentlichung 1999

Zuletzt aktualisiert: 17. September 2004, 11:34 Uhr

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