Damals im Osten

Lexikon : Interview mit Frau L., Berufsberaterin in der DDR

MDR: Ab wann waren Sie als Berufsberaterin tätig?

FRAU L.: Ich bin seit 1985 Berufsberaterin und war vorher als Lehrerin in der Schule tätig - als Berufsberatungslehrer, wie es sie zu DDR-Zeiten gab.

Welche Aufgaben hatte ein Berufsberater in der DDR?

Es gab Funktionspläne oder Arbeitspläne, in denen unsere Aufgaben für das Jahr festgeschrieben waren. Dieser Plan war als Orientierung gedacht. Als Berufsberater in der DDR hat man genauso wie jetzt mit Schulen zusammengearbeitet, musste die Berufswünsche der Schüler erfassen und organisierte Elternabende. Das wurde damals ab Klasse 7 gemacht.

Unsere Aufgabe war es auch, die Lehrstellenverzeichnisse in die beraterische Praxis umzusetzen. Die Schüler kamen genauso wie jetzt zu uns und haben sich erkundigt, welche Berufe es gibt und welche Inhalte die Berufe haben. Wir mussten uns damals stärker am Bedarf orientieren, der in den Lehrstellenverzeichnissen festgeschrieben war.

Ebenso waren in der Planwirtschaft die Bildungswege genau vorgeschrieben, das heißt 75% aller Jugendlichen wurden Facharbeiter. Für die anderen gab es die Möglichkeit der Erweiterten Oberschule (EOS), Berufsausbildung mit Abitur sowie die medizinischen bzw. pädagogischen Fachschulen. Wer aber gute Noten und Beziehungen hatte, brauchte keine Berufsberatung. Heute muss man erst einmal suchen, um die Vielfalt kennen zu lernen. Das ist mit viel Eigeninitiative verbunden.

Wem unterstanden Sie als Berufsberater?

Wir unterstanden der Abteilung Berufsbildung und Berufsberatung beim Rat des Kreises Leipzig, da ich für das Leipziger Umland zuständig war. Die Kollegen der Stadt unterstanden demzufolge der Stadt Leipzig.

Wann kamen denn die Planzahlen heraus?

Die Planzahlen kamen von der Kreisplankommission, wo jeder Betrieb eine Anzahl von Lehrstellen vorgeschrieben bekam. Diese wurden untergliedert nach Berufsausbildung mit Abitur, 10. Klasse, 8. Klasse und niederer Klasse. Der Betrieb "untersetzte" diese Planzahlen dann mit Berufen. Er legte also fest, welche Berufe er brauchte. Das ganze war außerdem nach männlich und weiblich aufgegliedert – wie das so in der Planwirtschaft üblich war. Der Betrieb sagte uns, worin er ausbildet und daraus wurden dann die Lehrstellenverzeichnisse geschrieben. Die wurden im Frühjahr bzw. Sommer in die Schulen gegeben, so dass sich die Schüler orientieren konnten. Im Oktober mussten sich die Schüler entschieden haben, für welche Berufe sie sich bewerben wollten. Vier Wochen später hatten ungefähr 85% der Jugendlichen ihre Lehrstelle und vor Weihnachten dann fast alle. Für die Lernmotivation in der Schule hatte das manchmal negative Auswirkungen.

Können Sie sich noch daran erinnern, welche Richtungen total überlaufen waren und welche unter chronischem Lehrlingsmangel litten?

Überlaufen waren all die Ausbildungsberufe, die wir als Trinkgeldberufe bezeichneten, was sich heute vielleicht ein Jugendlicher gar nicht mehr so richtig vorstellen kann. Das waren der Friseur oder der Kellner. Auch Fachverkäufer war sehr begehrt, weil das ein Beruf war, der Tauschgeschäfte erleichterte. Auch Damenmaßschneiderin war sehr beliebt, da es modische Bekleidung nicht so gut gab. So war die Denkweise der Jugendlichen. Nicht so gefragt waren Berufe, die die Flexibilität eingeschränkten. Das war zum Beispiel der Facharbeiter für Werkzeugmaschinen, aber auch jeder andere Betrieb, in dem überwiegend monotone Maschinen- oder Schichtarbeit vorherrschte.

Es gab für jeden Schüler eine Lehrstelle, auch wenn es nicht immer der Traumberuf war. Hatten Lehrlinge die Möglichkeit, eine Lehrstelle abzulehnen, wenn diese nicht den Wünschen entsprach und sich dann ein Jahr später noch einmal dafür zu bewerben?

Dass nicht jeder Berufswunsch in Erfüllung geht, ist heute auch noch so. Nur damals hatten wir noch Lehrstellen. Heute sagt ein Jugendlicher "Ich will das nicht" und obwohl sich die Berufsberater bemühen, ihm eine Ausbildung zu vermitteln, braucht er sie nicht anzunehmen. Damals wurde das eben verfolgt. Es gab Listen, in denen alles festgehalten wurde und auch die Schule war einbezogen. So wusste man, wer noch keine Lehrstelle hatte. Da hieß es: "Dort oder in jenem Betrieb sind noch Lehrstellen frei, guck dir das an". Diejenigen, die nicht ganz ihren Traumberuf erreicht haben, konnten trotzdem erst einmal ihren Facharbeiter realisieren. Es bestand später die Möglichkeit, über die Erwachsenenqualifizierung einen anderen Abschluss anzustreben oder innerbetrieblichen Qualifizierungsmöglichkeiten wahrzunehmen. Auch der Betrieb musste seinen Fortbildungsplan erfüllen.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemand ein Jahr aussetzen konnte. Die Planzahlen waren so ausgerichtet, dass für jeden Schüler eine Lehrstelle da war. Sicher ist es möglich gewesen, auch nach dem Abitur keinen Studienplatz anzunehmen, aber dann wurde sehr darauf geachtet, dass sich eine Ausbildung anschloss und nicht erst Jobben oder Überbrücken in irgendeiner Art ohne Ausbildung notwendig war.

Sind die Schüler selber in die Betriebe gegangen und haben sich informiert oder führte der erste Weg zunächst zu Ihnen?

Durch die Organisation hatten wir erfasst, wer sich für welche Berufe interessiert und haben dann dazu Interessentenveranstaltungen angeboten. Damals haben wir diese Veranstaltungen auch in den Betrieben durchgeführt. Das macht heute kaum noch ein Betrieb mit. Es wurden Rundgänge organisiert und die Berufe vor Ort durch die verantwortlichen Ausbilder und Lehrverantwortlichen erläutert. Es wurden meistens nicht nur die Berufe vorgestellt, die im Bereich der Produktion lagen - dort gab es das größte Angebot - es wurden eigentlich alle Berufe gleichermaßen umrissen. In den Berufen, wo es viele Angebote gab oder zu viele Bewerber da waren, musste man sich genauso umorientieren wie heute.

Wie ging eine Bewerbung vor sich?

Die individuelle Information über Ausbildungsberufe in den Betrieben ging genauso vor sich wie heute. In den Herbstferien bekamen alle Schüler eine Bewerberkarte. Mit dieser Bewerberkarte durfte man sich in einem Beruf, in einem Betrieb bewerben. Das geschah in der ganzen DDR zum gleichen Zeitpunkt. Innerhalb von vier Wochen mussten sich die Betriebe dann entscheiden, wen sie nehmen wollten. Es gab richtige Kommissionen, an denen auch wir teilnahmen. Für welchen Lehrling sich die Betriebe entschieden, war genauso wie jetzt zum Teil von Zensuren zum Teil individuell abhängig, da es natürlich auch Vorstellungsgespräche gab. Danach wurden Zusagen und Absagen erteilt. Und wenn der Jugendliche eine Absage bekam, erhielt er seine Bewerberkarte mit seinen Unterlagen zurück und bewarb sich im nächsten Betrieb. Dadurch wussten wir auch, welche Ausbildung in welchem Betrieb noch möglich war.

Wie war bei einer Ausbildung das Verhältnis von Theorie und Praxis?

Das kann ich nicht im Detail sagen. Im Friseurberuf war es zum Beispiel so, dass die Lehrlinge drei Tage Praxis hatten und zwei Tage Berufsschule - so wie heute. Nur dass die Ausbildung lediglich zwei Jahre dauerte, der Unterrichtsstoff nicht mit allgemeinen Wiederholungen begann, sondern gleich mit der Fachausbildung angefangen wurde.

Wie viel Lehrlingsgeld bekamen die Auszubildenden?

Das Lehrlingsgeld war für alle Berufe einheitlich festgelegt: Im ersten Halbjahr waren das 120 Mark, im zweiten 130 Mark, im dritten Lehrjahr betrug das Lehrlingsgeld 150 Mark und im vierten schließlich 180 Mark.

(Erstveröffentlichung 1999)

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2004, 19:47 Uhr

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