Damals im Osten

Anekdote : Mein 17. Juni 1953

Heinz Sonntag erlebt als 17jähriger Maurerlehrlin den 17. Juni 1953. An dem Tag wird überall in der DDR gestreikt. Nur eine kleine Baubrigade zwischen Magdeburg und Schönebeck sorgt sich um ein frisches Fundament und arbeitet weiter... Zeitzeuge Heinz Sonntag erzählt:

von Heinz Sonntag

Im Frühjahr 1953 hatte ich vorzeitig meine Maurerlehre im KWU-Baubetrieb Magdeburg abgeschlossen. Meine erste Baustelle als Junggeselle wurde der Bau einer Sendeanlage des Fernsehens auf den Frohser Bergen zwischen Magdeburg und Schönebeck.

Obwohl ich erst 17 Jahre alt war, wählte mich meine Maurerbrigade zum Gewerkschaftsvertrauensmann. Das schien mir etwas verwunderlich, denn unsere Brigade bestand aus 20 Altgesellen, die Krieg und Gefangenschaft hinter sich hatten. Ein älterer Handlanger murmelte: "Wenn der junge Bursche mal auf unsere Kosten studieren will, soll er auch was für uns tun."

Auch unser alter Polier Jordan aus Colbitz stand hinter mir. Er war ein alter Baulöwe, der seine Meriten beim Autobahnbau erworben hatte. Mit Beton konnte er zaubern, was ihm überall Respekt einbrachte.

Irgendwann musste ich an einer Anleitung durch die Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL) teilnehmen, in der Betriebszentrale. Der BGL-er erklärte uns, alle Brigaden müssten freiwillig ihre Normen um 5 Prozent erhöhen. Das diene dem Sozialismus und wäre so in Berlin beschlossen worden. Es gab keinen Widerspruch, obwohl wir mit 1,72 Mark Stundenlohn nicht gerade zu den Reichen gehörten. In Westberlin verdienten Putzer über 7 D-Mark.

Nun musste ich dies in der Mittagspause meiner Brigade beibringen und erntete einen Sturm der Entrüstung, der mich fortzuwehen drohte. Ich suchte die Hilfe meines Poliers, der erstmal auf Freiwilligkeit setzte und auf die Zeit nach dem Betonieren. Das Fundament für einen Sendeturm war eingeschalt worden, ein Würfel von sechs mal sechs Metern, vier Meter tief.

Am 17. Juni konnte das Betonieren mit einem Mischer vor Ort abgeschlossen werden, nach einer Quälerei von einer Woche harter Arbeit. Am Mittag kam aber unsere "Budenfee" vom Einkauf aus Buckau zurück und berichtete über Ungeheuerliches: "Überall in Magdeburg wird gestreikt, ein Gefängnis sei gestürmt worden, es habe Tote gegeben, Ulbricht in Berlin sei geflüchtet, russische Panzer rollen in der Altstadt."

Von unserem Berg sahen wir nur, dass zwischen Magdeburg und Schönebeck keine Züge mehr fuhren. Also musste wirklich etwas Ungewöhnliches passiert sein. Ein alter Handlanger schlug vor: "Wir wollen doch keine Streikbrecher sein, wir stellen die Schippe in die Ecke und gehen nach Hause."

Unser Polier sah sein schönes Fundament in Gefahr und rief alle zusammen, appellierte an ihre Maurerehre, machte auf den Schaden aufmerksam, bat um Freiwillige, die den Abschluss herstellen konnten: "Außerdem macht Streik im Sozialismus keinen Sinn, wir streiken ja gegen uns selbst."

Ich meldete mich als erster freiwillig zur Weiterarbeit, erst folgten einige, dann alle, allerdings unter großem Gemurre. Das Fundament wurde noch am Abend fertig, mit allen Ankern und Widerlagern.

Nach wenigen Tagen hatte sich die Lage beruhigt, in Berlin und auch in Magdeburg. Im Betrieb erzählte man viele Storys. Auf der Baustelle am Zentralen Platz hatte man den BGL-Vorsitzenden aufhängen wollen. Uns erschien das alles unwirklich, denn wir hatten wohl als einzige Brigade durchgearbeitet, was später nie erwähnt oder gar gewürdigt wurde.

Etwas später wurde ich von meiner Brigade zur Arbeiter-und-Bauern-Fakultät nach Weimar zum Studium delegiert. Unser Polier Jordan ist mir bis heute als Vorbild lebendig geblieben.

Zuletzt aktualisiert: 15. Dezember 2004, 17:00 Uhr

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