Damals im Osten

Bericht : Dem Glauben und der Kirche abschwören

von Renate Wolf

Im Jahre 1952 beendete ich meine Grundschulzeit. Da mein Vater zur Arbeiterklasse gehörte und ich sehr gute Noten vorweisen konnte, bot man mir an, die Oberschule zu besuchen. Diese Möglichkeit nahm ich gern wahr, weil ich die Absicht hatte zu studieren. Im Herbst 1952 wurde ich in die Goethe-Oberschule aufgenommen. Nun muss ich anfügen, dass ich nach meiner Konfirmation in St. Pauli-Kreuz der Jungen Gemeinde angehörte.

In diesem Jugendkreis fühlte ich mich wohl, denn man konnte dort über alles reden; die persönliche Freiheit wurde geachtet (im Gegensatz zu Veranstaltungen der JP und der FDJ, wo nur die Linie der SED zählte). Mein Weltbild – besonders hinsichtlich Ethik, Moral, Sinn des Lebens und mein Selbstverständnis fand ich in der christlichen Lehre, nicht im Kampf auf allen Gebieten/ Klassenkampf. Mir war auch bekannt, dass der Stalinismus brutal vorging, was viele an Leib und Leben zu spüren bekamen (z.B. Stalins Lager).

Da IM's überall "am Werk" waren, wusste auch die Leitung der Oberschule schnell, dass ich die Junge Gemeinde besuchte und dort aktiv war. Von da an hatte ich täglich mit Schikanen zu rechnen. Besonders im Fach Gegenwartskunde versuchte der Direktor der Schule, mich immer wieder zu demütigen. In der 10. Klasse sprach mich der Direktor eines Tages in der Pause im Klassenzimmer an und sagte sinngemäß, er hätte die Absicht, eine Schulvollversammlung (Teilnahme aller Schüler und Lehrer) einzuberufen und ich solle dort meinem Glauben und der Kirche "abschwören" und mich öffentlich zum Marxismus/Leninismus/Stalinismus bekennen.

Wenn ich das tun würde, garantiere er mir ein Studium meiner Wahl (sogar in Moskau). Darauf antwortete ich wörtlich: "Ich brauche keine Bedenkzeit; ich werde nicht abschwören." Damit war der Fall sozusagen klar. Ich durfte noch die Mittlere Reifeprüfung ablegen und musste dann die Oberschule verlassen. Der Direktor meinte aber, er würde auf dem Zeugnis vermerken, dass ich die Oberschule auf eigenen Wunsch hin verlassen habe. So geschah es auch.

Ich erlernte dann erst einmal einen Beruf (Drogist) und holte mein Abitur an der Abendoberschule nach. Mein Wunsch, gleich anschließend ein Fernstudium an der Handelshochschule Leipzig (HHS) beginnen zu können, ging allerdings nicht in Erfüllung. Trotz "sehr gut" auf dem Abi-Zeugnis schickte mir die HHS eine Ablehnung, denn ich war nach wie vor keine Genossin.

So nahm ich ein Fernstudium an der Fachschule für Binnenhandel auf und schloss dieses nach vier Jahren erfolgreich ab. Ich bemühte mich aber weiter darum, einen akademischen Abschluss zu erlangen. Erst im Alter von 36 Jahren war es mir vergönnt, ein Fernstudium an der HHS zu beginnen (ohne Parteibuch) und dieses nach vier Jahren und dem anschließenden Diplomverfahren mit "sehr gut" abzuschließen.

Mein Direktor stellte allerdings klar, dass ich keine leitende Funktion übernehmen könne – ich war als wissenschaftliche Mitarbeiterin für Prozessorganisation in der Zentralen Leitung der Warenhausvereinigung "Konsument" tätig – weil mir die "ideologische Reife" fehle und ich deshalb kein sozialistisches Kollektiv erziehen könne.

Zuletzt aktualisiert: 03. April 2007, 10:58 Uhr

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