Damals im Osten

Gefährliche Spiele vom Klassenfeind : "Monopoly" in Heimarbeit

Viele Spiele-Klassiker aus dem Westen waren in der DDR nicht erhältlich. Sie galten als dekadent: "Monopoly", "Alaska", "Kuhhandel". Doch Mangel macht bekanntlich erfinderisch: Die DDR-Bürger bauten sich diese Spiele einfach nach.

Damals im Osten: Spiele aus der DDR

Ein Spielbrett aus Spanplatten, das Geld aus einem Kinder-Kaufmannsladen, Hotels und Häuser aus Brennholz gebastelt und die Ereigniskarten handgeschrieben auf grauen Karteikärtchen – so sah das "Monopoly" eines 15- und eines 11-jährigen Mädchens aus dem Erzgebirge aus, das beide sich 1987 in mühsamer Kleinarbeit in ihrem Kinderzimmer selbst gebastelt hatten. Ihre Bastelei hatte einen einfachen Grund: Das Spiel gab es in der DDR nicht und Exemplare in Westpaketen wurden für gewöhnlich konfisziert. "Monopoly" galt im sozialistischen deutschen Staat als Ausdruck der kapitalistischen Gewinnmaximierung und mithin als gefährlich und systemfeindlich. Ein originales "Monopoly" hatten die beiden Mädchen übrigens damals nicht zu Gesicht bekommen – ihr nachgebasteltes Spiel war die Kopie einer Kopie.  

Bildergalerie: "Monopoly" made in GDR

Monopoly Monopoly Monopoly

"Monopoly" - ein Spiel, das es in der DDR nicht zu kaufen gab. Trotzem fand es seinen Weg in die Kinderzimmer, wie diese Bildergalerie zeigt. Zwei Schülerinnen fertigten ihr Spiel 1987 anhand einer anderen Kopie an. [Bilder]


Ein "Geheimagent" im "Monopoly"

"Monopoly" - großzügig und mit Liebe zum Detail

14.12.2011, 20:15 Uhr | 03:21 min

Natürlich gab es in der DDR sämtliche Spiele-Klassiker aus dem Westen wie etwa "Monopoly", "Alaska", "Sagaland", "Kuhhandel" oder "Malefiz" auch im Original. Sie waren von Westverwandten über die Grenze geschmuggelt worden oder die DDR-Bürger hatten sie sich während des Sommerurlaubs aus Ungarn mitgebracht. Eifrig wurden sie dann von Freunden, Verwandten oder Arbeitskollegen mit Filzstift, Schere, Suralin und Buntpapier nachgebaut. Nicht selten waren die Kopien aus den volkseigenen Bastelstuben sogar kreativer als die Originale. Oftmals passten die Bastler auch Ereignisse aus ihrem Leben in die Spiele ein. "Du wirst krank, gehe in die Liebigstraße und setze einmal aus", stand auf einer Ereigniskarte im "Monopoly"-Spiel einer 14-jährigen Leipzigerin, die sich ihre Version des Spiele-Klassikers Mitte der 1980er-Jahre angefertigt hatte. Und in seine Version des "Monopoly" führte ein Zwickauer Bastler die Figur eines "Geheimagenten" mit Schlapphut und Trenchcoat ein ...

Langweilige Ostspiele   

Ein fantastischer Märchenwald

14.12.2011, 20:15 Uhr | 03:35 min

Aber woher rührte das Interesse an den Spielen aus dem Westen? "Sie waren in der DDR nicht erhältlich und genau aus diesem Grund populär", meint der Ostberliner Richard Geis, dem seine Mutter Anfang der 1980er-Jahre das Spiel "Sagaland" gebastelt hatte und der heute die nachgebauten Spiele aus einem untergegangenen Land sammelt. Freilich gibt es noch eine andere Erklärung für das Interesse der DDR-Bürger an den West-Spielen. "In der DDR gab es praktisch keine komplexen Spiele", schreibt der Gründer des "Deutschen Spielemuseums" in Chemnitz, J. Peter Lemcke, in einem Aufsatz.

"Zum Spiel gehört das Unangepasste, das quer Liegende. Dabei sind Abweichungen vom Üblichen, die Unordnung, die Unsicherheit und die Umkehrfunktion von Spielen oft eine latente Bedrohung von vorherrschender Ordnung. Spiel stellt die Mächtigen in Frage."

J. Peter Lemcke

Das Nachbauen war Teil des Spielens

Dabei waren es keineswegs nur renitente DDR-Bürger, die sich Westspiele nachbauten. Spiele-Sammler Richard Geis erinnert sich an einen Offizier der Nationalen Volksarmee, der sich ein "Monopoly" bastelte, um sich mit seinen Kameraden die oftmals langweilige Arbeitszeit zu vertreiben. Die Spielunterlage hatte er auf die Rückseite eines Bildes gezeichnet, das über seinem Schreibtisch hing. Das Kopieren von Westspielen war in den 1980er-Jahren in der DDR längst zu einer Art Volkssport geworden.  

"Wenn man sich all die phantasievoll nachgebauten Spiele ansieht, bekommt man ein Gefühl dafür, was Mangel ist und dass der Mangel aber nicht unbedingt etwas Schreckliches sein muss", konstatiert Richard Geis mit einem Blick über seine kleine Sammlung. Denn der Mangel, so Geis, kann eben auch allerlei Positives befördern: Kreativität, Findigkeit und Geschicklichkeit. Und nicht zuletzt war für viele DDR-Bürger schon das allabendliche gemeinsame Nachbauen ein Teil des vergnüglichen Spielens. 

"Manche Spiel-Kopie besser als das West-Original"

Weil die Auswahl an Gesellschaftsspielen in der DDR nicht groß war, wurden West-Spiele nachgebaut. Manche waren sogar besser als das Original, findet Sammler Richard Geis.

14.12.2011, 20:15 Uhr | 01:28 min

Zuletzt aktualisiert: 05. November 2013, 08:31 Uhr

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