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Lexikon : Gesellschaft für Sport und Technik und Kampfgruppen

Einen wichtigen Beitrag zur Militärpolitik der DDR leisteten die "Kampfgruppen der Arbeiterklasse" sowie die "Gesellschaft für Sport und Technik" (GST). Beide Gruppierungen machten es sich zur Aufgabe, die Verteidigungsbereitschaft des Landes zu sichern und Wehrerziehung zu leisten.

Mitglieder der GST üben im Jahre 1974 in Eckartsberga im Bezirk Halle am Schießstand für den Militärischen Mehrkampf beim im gleichen Jahr stattfindenden GST-Feldlager "Signal DDR 25"

"Armee im Blaumann" – die Kampfgruppen der Arbeiterklasse

Bereits 1952 wurde in verschiedenen Industriezentren der DDR mit dem allmählichen Aufbau paramilitärischer Kampfgruppen in staatlichen Betrieben und Einrichtungen begonnen. Zunächst kam diesen Einheiten eine rein innerbetriebliche Schutzfunktion zu. Doch nach den Ereignissen des 17. Juni 1953 leitete die SED auf sowohl zentraler als auch regionaler und betrieblicher Ebene eine forcierte Flächen deckende Aufstellung von Kampfgruppen ein. Die 14. ZK-Tagung regte am 21.6.1953 die Schaffung von Arbeiterwehren an, einen Monat später beschloss die 15. ZK-Tagung die Einrichtung und systematische Ausbildung von Kampfgruppen der Arbeiterklasse in VEB, VEG, MTS sowie in staatlichen Verwaltungen und Institutionen.

Für die Ausbildung und Kommandantur der Kampfgruppen auf Kreisebene war seit Juli 1955 die DVP zuständig. Ebenso für die Bewaffnung, Ausrüstung und Verwahrung der Waffen. Nach der Bildung der NVA wurden die Kampfgruppen im Herbst 1959 zu einem Bestandteil der Landesverteidigung. Im Regelfall unterstanden sie der Einsatzleitung der SED, im Verteidigungsfalle der NVA. Die 1955 für die Kampfgruppen eingeführte Uniform bestand zunächst aus blauer Skimütze, blauem Overall und roter Armbinde. Erst als sich die Kampfgruppen 1970 zum ersten Mal an einem Manöver der Streitkräfte des Warschauer Paktes beteiligten - am Manöver der Waffenbrüderschaft - wurde dies geändert: fortan gab es eine steingraue Uniform mit Emblem auf dem linken Ärmel, der Karabiner mit roter Fahne.

Das Mindestalter der Kämpfer betrug 26 Jahre. Ihre Ausbildung erfolgte außerhalb der Arbeitszeit in zum Teil eigenen Ausbildungsstätten, die oftmals von Offizieren der NVA geleitet wurden. In den Betrieben selbst unterstanden die Kampfgruppen den SED-Leitungen. Zwar war der Eintritt in eine Kampfgruppe freiwillig, doch fanden männliche SED-Mitglieder zwischen 26 und 55 Jahren kaum eine Möglichkeit, sich einer Mitgliedschaft zu entziehen ohne ihr Parteibuch aufs Spiel zu setzen. Nicht-SED-Mitglieder hatten es einfacher; waren sie dennoch Mitglied der Kampfgruppen, galten sie zumindest als politisch zuverlässig und als – wenn auch parteilose – Stützen der Belegschaft.

Mobilmachung gegen innere Aufstände

Mit einer Stärke von etwa 400.000 Mann sollten die Kampfgruppen in der Lage sein innere Aufstände zu unterdrücken, im Verteidigungsfall die Operationsfreiheit der Streitkräfte zu sichern und ihnen taktische Unterstützung zu geben: durch die Sicherung der Logistik, die Erschließung von Reserven, die Bekämpfung von Luftlandetruppen sowie den Schutz der Bevölkerung und bedeutender Objekte; auch während der friedlichen Revolution im Herbst 1989 war ihr Einsatz geplant.

Basis der Kampfgruppen war jeweils der Betrieb. Die Hundertschaft war die Grundeinheit, drei Hundertschaften bildeten ein leichtes Bataillon. Daneben existierten schwere Bataillone mit Pak-Geschützen, Granatwerfern, schweren Maschinengewehren und leichter Flak als Bewaffnung. Aufgrund der einheitlichen und regelmäßigen Ausbildung, Ausrüstung und Bewaffnung waren die Kampfgruppeneinheiten wie aktive Truppenverbände untereinander austauschbar und konnten im Kriegsfall als solche eingesetzt werden.

GST – Gesellschaft für Sport und Technik

Eine ganz andere Aufgabe im wehrpolitischen Konzept der SED kam der Gesellschaft für Sport und Technik zu. Hier sollten keine Kampfverbände entstehen, sondern die Jugendlichen auf ihren Einsatz als Soldat vorbereitet und nach dem Wehrdienst aktiv gehalten werden. Die GST wurde am 7.8.1952 auf Vorschlag des ZK der SED gegründet, als eine Massenorganisation für sportlich und technisch Interessierte mit besonderen Aufgaben für die wehrsportliche Erziehung und vormilitärische Ausbildung von Jugendlichen.

Bildergalerie:

Ein Sportflugzeug des Typs Zlin Z-42 mit der Kennung "DDR-WMW" auf dem Gelände der Fliegerschule Jahnsdorf der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) Ein Mann lenkt einen Militärjeep. Mitglieder der GST betätigen sich im Ruderkutter.


Bereits bestehende wehrsportliche Interessengemeinschaften der FDJ wurden nun in die neue einheitliche Organisation der GST überführt. Zwar war die GST formal eine selbständige Organisation, doch übernahm hinsichtlich der Aufgabenstellung für die vormilitärische Ausbildung zunächst das MdI die Anleitung und Koordination, später, mit der Bildung der NVA im Jahr 1956, das MfNV.

Eine Mitgliedschaft in der GST war ab dem Alter von 14 Jahren möglich (in Ausnahmefällen mit Genehmigung der Erziehungsberechtigten auch früher). In der GST konnte man sich in unterschiedlichen Sektionen in verschiedenen Sportarten betätigen, wozu dann auch einzelne Sportverbände mit erweiterter Eigenverantwortung gegründet wurden. Folgende Sportarten (Wehrsportarten) wurden angeboten: Militärischer Mehrkampf, Wehrkampfsport, Sportschießen, Motorsport (hier legten viele den Führerschein für Moped oder Motorrad ab), Nachrichtensport, Seesport, Tauchsport, Flugsport, Fallschirmsport, Flug-, Schiffs- und Automodellsport.

Das Angebot entsprach den Erfordernissen der zweijährigen vormilitärischen Laufbahnausbildung, die von der GST seit 1982/83 durchgeführt wurde und auf NVA-Berufe wie Motorschütze, Militärkraftfahrer, Funker, Fernschreiber, Matrose, Militärflieger, Fallschirmspringer oder Taucher vorbereiten sollte. Damit kam die GST ihrer Hauptaufgabe nach, der vormilitärischen Ausbildung der 16- bis 18-Jährigen.

Vormilitärische Ausbildung bei der GST

Zum sportlichen Leistungsvergleich veranstaltete die GST ab 1970 regelmäßige Wehrspartakiaden: jährlich auf Kreisebene, alle zwei Jahre auf Bezirksebene und alle fünf Jahre auf Landesebene. Seit mit dem Schuljahr 1978/79 der Wehrkundeunterricht als Pflichtfach an den Oberschulen eingeführt worden war, wurde auch die vormilitärische Ausbildung durch die GST fester Bestandteil der Lehrpläne an den EOS, den Unis, Hoch- und Fachschulen sowie für Lehrlinge.

Diese Ausbildung fand sowohl während des Unterrichts als auch in der Freizeit statt, meist an einem bestimmten Tag im Monat, dem so genannten Wehrsporttag. Darüber hinaus wurden länger andauernde Lehrgänge in speziellen Ausbildungslagern der GST (u.a. für Jungen in der 9. und 11. Klasse) durchgeführt. Die Mädchen erhielten eine Ausbildung in Zivilverteidigung (Sanitätsdienste), konnten auf Wunsch aber auch an den Ausbildungsprogrammen der Jungen teilnehmen. Diese umfassten wehrpolitische Bildung, Gelände- und Schießausbildung, Körperertüchtigung, Exerzier-, Schutz- und Sanitätsausbildung, Dienstvorschriften und Abschlussübungen.

Die im Vordergrund stehende physische Ertüchtigung der Jungen glich sich im Laufe der Zeit immer mehr den Anforderungen der Grundausbildung der NVA an und musste zum Ende eines Lehrgangs im so genannten "Achtertest" bestätigt werden.

Für viele war die vormilitärische Ausbildung eine lästige Pflicht. Allerdings war man durch die Pionierorganisation und die FDJ bereits vielfältig mit Theorie und Praxis der Militärpolitik und des Militärdienstes vertraut gemacht worden, so dass eine gewisse Gewöhnung zu diesem Zeitpunkt schon lange erfolgt war.

Attraktive Freizeitgestaltung durch die GST

Viele der Angebote der GST besaßen für die Jugendlichen der DDR eine gewisse Attraktivität: Abenteuerlust wurde durch Kampfsportarten und den Umgang mit kriegstechnischem Gerät befriedigt und es bestanden preiswerte Möglichkeiten ohne längere Wartezeiten Berechtigungsnachweise wie den Führer-, Segel- oder Flugschein zu erlangen.

Durch die geschickte Mischung von Pflichten und Verlockungen konnte die GST der NVA gezielt zuarbeiten. 1988 zählte sie 670.000 Mitglieder. Mehr als 90 Prozent der Jugendlichen begannen ihren Wehrdienst mit abgeschlossener vormilitärischer Ausbildung, was für die Streitkräfte letztlich eine große Zeitersparnis bedeutete. Außerdem wurde durch diese Art der Gewöhnung die Schwelle der Abneigung gegenüber militärischen Übungen und kriegerischem Denken gesenkt und häufig die unreflektierte Übernahme eines überzeichneten Feindbildes und einer unterbewussten Militanz erreicht.

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2010, 11:13 Uhr

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