Damals im Osten

Rückblick auf das "Jahr 1" des Festivals : Die 1. Leipziger Kultur- und Dokumentarfilmwoche 1955

von Fred Gehler

Im Katalog von 2002 blickte Fred Gehler, Direktor des 45. Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm, zurück auf das erste, noch deutsch-deutsche Festival, begründet von den Dokumentaristen Annelie Thorndike (Babelsberg), Karl Gass und Reinhart Stier (Berlin), Hans Appeldorn und Walter Knoop (Hamburg) sowie Ludwig Thomé (Heidelberg).

Wir lesen in einem Schreiben des ZK der SED, Abteilung Kultur, vom 31.08.1955:

"Die Abteilung Kultur und schöne Literatur beim ZK der SED hat den Club der Filmschaffenden in Verbindung mit den DEFA-Studios für Dokumentar- und Populärwissenschaftlichen Film beauftragt, im Anschluss an die diesjährige Herbstmesse eine gesamtdeutsche Kultur- und Dokumentarfilmwoche in Leipzig durchzuführen. Der Rat der Stadt Leipzig hat beschlossen, daß das Festival zu einer ständigen Einrichtung, jeweils im Anschluss an die Leipziger Herbstmesse, gemacht werden soll."

Mit dieser quasi "Geburtsstunde" des Leipziger Festivals entstand ein paradoxes Phänomen der deutsch-deutschen Kulturszene. Der außenpolitische Background schimmert hindurch: die damalige Erklärung der Sowjetunion zur Deutschlandfrage. Wilhelm Pieck hatte das Jahr 1955 zum "Jahr der Verständigung über die friedliche Wiedervereinigung" deklariert.

Sowohl Vorbereitung und das konkrete Erscheinungsbild der 1. Leipziger Kultur- und Dokumentarfilmwoche, als auch die vielstimmige Nachbereitung tragen höchst widersprüchliche Züge: auffällig das Mit- und Durcheinander von ideologischer Instrumentalisierung und handfestem Pragmatismus, von filmischen Visionen und bizarren praktischen Details.

Der gesamtdeutsche Aspekt ist wahrscheinlich keine bloße Hülle oder gar eine listige Tarnkappe. Es gibt auf der westdeutschen Seite organisatorische Zuarbeit nach Kräften. Das am Ende gezeigte Programm reflektiert repräsentativ den Niveaupegel der damaligen deutschen Filmszene in Ost und West (im dokumentaren, im Kulturfilm- oder Animationsfilmgenre).

Die Jury war paritätisch besetzt: Nach einigen kurzfristigen Absagen, u.a. von Heinz Sielmann, stehen am Ende für die Deutsche Bundesrepublik die Namen: Walter Knoop (Hamburg), Ludwig Thomé (Heidelberg) und Hans Appeldorn (Hamburg), für die Deutsche Demokratische Republik: Andrew Thorndike (Babelsberg), Reinhard Stier ( Berlin) und Karl Gass (Berlin).

Die Kostenplanung geht von einem Gesamtetat in Höhe von 40.000 DM aus. Der Abschlußbericht zählt 123 Gäste auf, von denen 37 aus der Bundesrepublik kamen. Den "großen Preis" des Oberbürgermeisters der Stadt Leipzig erhält am 17. September 1955 der Film: "Coup d'Europe" von Walter Knoop.

Die Stimmung nach diesem ersten Festival ist nach Aktenlage euphorisch. Erst nach dem Jahr 2 (1956) wird die Kritik übermächtig und gipfelt in dem Vorwurf, die Woche "offenbarte die Tendenz des deutschen Kultur- und Dokumentarfilms, im Meer der Mittelmäßigkeit zu versinken" (Horst Knietzsch im "Neuen Deutschland"). Da sich auch die nationale und internationale Großwetterlage entscheidend verschoben, war das Aus folgerichtig.

Die 1960er Wiederkehr als Internationales Festival unter anderen Vorzeichen ist dann schon das Kapitel 2, und mit Sicherheit das entscheidende für die Leipziger Festivalgeschichte und -tradition. Trotzdem: Das Jahr 1 ist uns schon einer Reminiszenz gut und teuer.

Vielleicht gäbe es uns heute, unseren 45. Jahrgang, sonst nicht!

Zuletzt aktualisiert: 29. September 2005, 09:41 Uhr

© 2014 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK