Humor im Osten

Teil 2: Die letzten Jahre der Lene Voigt : In der DDR lange vergessen

Von 1946 bis zu ihrem Tod 1962 lebte Lene Voigt in einem psychiatrischen Krankenhaus in Leipzig. Ihre Gedichte durften nicht gedruckt werden und die sächsische Dichterin wurde vergessen. Erst 1983 kam es zu einer Wiederentdeckung. Lesen Sie hier den zweiten Teil des Porträts von Wolfgang U. Schütte.

von Wolfgang U. Schütte

Lene Voigt am Klavier
Lene Voigt in einer Aufnahme aus den 1950er-Jahren

Weder in der sowjetisch besetzten Zone, noch in der DDR konnte Lene Voigt publizieren. Der Verlag Rothbarth überlebte 1945 den Bombenangriff auf Leipzig nicht und der Verlag A. Bergmann siedelte bald nach München über. Dort druckte er auf den alten Matritzen 1955 die "Säk'schen Balladen" und die "Säk'schen Glassigger". 1957 erschien "Mir Sachsen", 1958 die "Lindenblieten", 1960 übernahm er die ursprünglich bei Rothbarth verlegte "Sächsische Odyssee". Nur wenige Lene Voigt-Bücher schafften es in die kleinere deutsche Republik.

Vermeintliche Nähe zu Walter Ulbricht

Bis eine Lene Voigt wieder salonfähig war, hatten ausnahmslos alle in Frage kommenden DDR-Belletristik-Verleger mit abenteuerlichen Begründungen abgelehnt, sich der sächsischen Dichterin anzunehmen. Warum es zu diesem beschämenden Boykott kam, lässt sich leicht erklären: Fast alle Verlagschefs lebten in der Annahme, dass Voigtsche Mundart-Texte in Zusammenhang mit dem Sächsisch eines gewissen Walter Ulbricht standen. Nur deshalb bekam sie im Osten Deutschlands keine Chance. Trotz diverser Buchhändler-Empfehlungen an die DDR-Zensoren blieb die Dichterin geächtet.

Ein einziges Gedicht in der "Volkskunst"

Lediglich "Dr bescheidne Liebhawer" brachte sie 1955 in der Zeitschrift "Volkskunst" unter. Es blieb das einzige zu Lebzeiten in der DDR gedruckte Gedicht. Die Redaktion der "Volkskunst" wählte die Überschrift "Ä mal uff sächs'sch" und stellte diese Zeilen voran: "Im neuen Jahr müssen Sie aber auch etwas mehr in Liebe machen, liebe Redaktion, schreibt unsere Leserin Frau Voigt (das entspräche dem neuen Verhältnis der Menschen untereinander, der wachsenden Lebensfreude, dem neuen Kurs und so weiter und so fort) und sie sendet gleichzeitig ein Liebesgedicht ein, das wir wegen seiner verhaltenen Innigkeit unseren Lesern zur Anregung geben." Einfach gesagt: Fast allen DDR-Verlagen fehlte es an Mut und Durchsetzungsvermögen. Derweil aber gingen ihre Mundartdichtungen als namenloses Lied durchs Land.

Leben in der Psychiatrie

Grabstein von Lene Voigt
Grabstein von Lene Voigt auf dem Leipziger Südfriedhof

Die nirgends mehr gedruckte Dichterin, an Schizophrenie erkrankt, wurde 1946 ins Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie Leipzig-Dösen eingewiesen. Auch nach ihrer Heilung wohnte sie weiterhin im Krankenhaus – sie fühlte sich dort gut aufgehoben und musste sich um die Dinge des Alltags nicht mehr selbst kümmern. Von der Klinikleitung wurde sie als Buchhalterin und Botin beschäftigt. In ihrer freien Zeit dichtete Lene Voigt unverdrossen, unter anderem entstanden in diesen Jahren der "Sächsische Kleinkram" und die "1955er Musenkinder". Sie schrieb die Gedichte in kleine Schulhefte, und verschenkte sie an Leute, die sie mochte. "Im Laufe des Jahres 1962", schrieb ihr behandelnder Arzt in der Krankenakte, "wirkte sie müder als in den Jahren zuvor. Am 16. Juli 1962 trat plötzlich der Exitus letalis ein." Lene Voigt war 71 Jahre alt geworden. Ihr Grab befindet sich auf dem Leipziger Südfriedhof, seit 1985 verziert mit einem Grabstein, auf dem die Zeilen aus ihrem Gedicht "Unverwüstlich" stehen: "Was Sachsen sin von echtem Schlach, / die sin nich dod zu griechn."

1983 erscheint erstes Voigt-Buch in der DDR

Der Herausgeber Wolfgang U. Schütte
Wolfgang U. Schütte hat diverse Werke von Lene Voigt herausgegeben.

Es dauerte nach ihrem Tod 20 Jahre, ehe der Leipziger Verlag "Zentralhaus-Publikation" eine erste Auswahl aus ihrem Schaffen herausgab. Das gelang nur, weil er eine eigene Druckgenehmigung vorweisen konnte und niemand in der Berliner Ministeriums-Bürokratie fragen musste. Das erste Lene-Voigt-Buch der DDR hieß "Bargarohle, Bärchschaft un sächs'sches Gindlrblud" und erschien 1983. "Sind die Texte wirklich schon so alt?", fragte sich verwundert eine Kulturredakteurin der "Leipziger Volkszeitung" im April 1983. "Besonders da, wo Lene Voigt Kleinbürgerliches attackiert, scheinen ihre Texte von merkwürdiger Lebendigkeit."

Zuletzt aktualisiert: 28. April 2011, 13:42 Uhr

Kurzvita Wolfgang U. Schütte

Der 1940 geborene Publizist, Herausgeber und Redakteur Wolfgang U. Schütte hat sich dem Leben und Werk Lene Voigts verschrieben. 1983 brachte er das erste Buch der fast vergessenen Dichterin in der DDR heraus: "Bargarohle, Bärchschaft un sächs’sches Ginsdlrblud". Seither erforscht Schütte das Leben Lene Voigts und stöbert immer wieder verschollene Texte der sächsischen Dichterin auf. Wolfgang U. Schütte ist Herausgeber der sechsbändigen Lene-Voigt-Gesamtausgabe.

Buchtipps:

Lene-Voigt-Werkausgabe

Herausgegeben von Monica & Wolfgang U. Schütte und Gabriele Trillhaase im Auftrag der Lene-Voigt Gesellschaft e.V. in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung Peter Hinke

Bandeinteilung der Werkausgabe:
Band 1: "Mir Sachsen". Gedichte und Prosa;
Band 2: "Ich weeß nich, mir isses so gomisch"
Alle säk'schen Balladen und Klassiker;
Band 3: Wird man erst einmal gedruckt;
Band 4: In Sachsen gewachsen;
Band 5: Mal hier, mal dort;
Band 6: Fernes Erinnern, erscheint im April 2011

Das große Lene Voigt Buch

Hrsg.: Monica und Wolfgang U. Schütte; Gebundene Ausgabe: 597 Seiten; Verlag: Sachsenbuch; Auflage: 3. durchgeseh. Aufl. (2010); ISBN-10: 3910148239

Das kleine Lene Voigt Buch

Mit Illustrationen von Phillip Janta. Der kleine, handliche Band versammelt die schönsten Texte von Lene Voigt.

144 Seiten, mit zahlreichen farbigen Illustrationen, schön gebunden; Connewitzer Verlagsbuchhandlung; ISBN 978-3-937799-18-6

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