Damals im Osten

Chancen für "Rote Barone" und Wiedereinrichter : Das Landwirtschafts-Anpassungsgesetz und seine Folgen

Von Madlen Benthin

Der Streit um die Rücknahme der Bodenreform beschäftigte bundesdeutsche Gerichte jahrelang. Aber bei der Privatisierung der genossenschaftlich organisierten LPGs gab es auch andere wichtige Konflikte, die bis heute fortwirken.

ein Traktor auf dem Feld

Oft wird eine zweite Weichenstellung am Anfang der Einheit unterschätzt – das Landwirtschaftsanpassungsgesetz (LwAnpG). Es wurde noch im Juni 1990 von der frei gewählten Volkskammer beschlossen und sollte die Verwerfungen der sozialistischen Agrarpolitik mit ihrer einseitigen Konzentration auf genossenschaftliche und industrielle Wirtschaftsformen korrigieren. Stattdessen wollte man eine vielfältig strukturierte Landwirtschaft fördern, in der sich Genossenschaften und bäuerliche Familienbetriebe ergänzen. Privateigentum und Chancengleichheit aller Betriebsformen sollten damit gesichert werden. LPG-Mitglieder bekamen bei einem Austritt aus der LPG erstmals die Möglichkeit einer Vermögensbewertung.

Sie konnten ihr Land auf Wunsch wieder selbst bestellen, als sogenannte Wiedereinrichter, oder anderen Interessenten verpachten bzw. verkaufen. Die strukturelle Anpassung der ostdeutschen Agrarlandschaft an die soziale Marktwirtschaft ging in der Praxis nicht ohne Reibungen und Ungerechtigkeiten vonstatten. Sie betraf insgesamt 5,8 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche (LN), 850.000 Beschäftigte und über 4000 Betriebe, die durchschnittlich 1300 ha LN bewirtschafteten (Durchschnitt in den alten Bundesländern 35 ha!). Als besonders konfliktreich sollte sich die Umwandlung der LPG in eingetragene Genossenschaften und andere Rechtsformen herausstellen.

Unlautere Mittel im Kampf um das LPG-Erbe

Systematische Bilanzfälschungen standen oft am Anfang der Privatisierung. Der Wert von Maschinen, Gebäuden, Viehbestand und sonstigem Inventar der betreffenden LPG wurde klein gerechnet, die Mitglieder der LPG bekamen nur einen Bruchteil ihres Anteils ausgezahlt, das tatsächliche Vermögen verschwand als Kapitalstock in den Nachfolgegesellschaften. Deren Leitung übernahmen meist ehemalige LPG-Vorsitzende oder DDR-Agrarfunktionäre. Sie wurden "Rote Barone" und "neue Junker" genannt. Ihre gute Ausbildung, ihre enge Vernetzung in Wirtschaft, Verwaltung und Politik, ihr Zugriff auf Herrschaftswissen wie Messtischblätter, Flurpläne etc. verschafften ihnen einen erheblichen Startvorteil. Vier von fünf in der Landwirtschaft Beschäftigten verloren bis 1993 ihren Arbeitsplatz, zugleich stieg die Zahl der Betriebe kontinuierlich an. Auch private mittelständische Landwirtschaftsbetriebe entstanden. Aus Melkern, Tierpflegern und Traktoristen wurden Bauern. Nach 30 Jahren kollektiver und arbeitsteiliger Wirtschaftsweise war das nicht selbstverständlich. Nur wenige ehemalige Genossenschaftsbauern verfügten über umfassende landwirtschaftliche Kenntnisse und wagten den Schritt in die Selbstständigkeit.

Großbetriebe als Erben von Guts- und sozialistischer Großraumwirtschaft

Im traditionell mittelbäuerlich geprägten Sachsen sind die Wiedereinrichter aber mittlerweile gut vertreten. Anders als in Westdeutschland prägen bis heute großbetriebliche Unternehmensformen die ostdeutsche Agrarstruktur, insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Sie sind das produktive Erbe ostelbischer Gutswirtschaft und sozialistischer Großraumwirtschaft. 2010 gab es in den neuen Bundesländern 24.455 Betriebe bei einer durchschnittlichen Größe von 232,4 ha (Gesamtdeutschland: 55,9 ha; Sachsen: 145,2 ha). Eine kleine Gruppe von Betrieben mit mehr als 1000 ha LN (2007 waren es rund 1500) bewirtschaftet allein fast die Hälfte der gesamten LN. Mittelständische Betriebsformen in Familienbesitz und kleinere Landbausysteme fühlen sich bei der Vergabe von Agrarland oft benachteiligt. Dabei ist ihre flexible, kostengünstige und umweltschonende Wirtschaftsweise erwiesen. Die Voraussetzungen und Möglichkeiten des Erwerbs von Agrarflächen in Ostdeutschland begünstigten bisher jedoch die hoch-technisierte Großlandwirtschaft.

Wem gehört das Land?

Der Einigungsvertrag erkannte die Bodenreform von 1945 an, aber die Betroffenen gaben sich damit nicht zufrieden. Warum gingen sie dennoch leer aus? [mehr]


Zuletzt aktualisiert: 17. Dezember 2012, 17:28 Uhr

1. hmo:
Der Artikel verschweigt leider, dass es auch Nachfolgebetriebe der LPG gab, in denen die Invebtarbeiträge nach der Wende in Darlehen umgewandelt und zu 3,25% verzinzt wurden. ein solches Beicpiel kenne ich. Der Betrieb blieb als Argrargenossenschaft e-G_ in den Händen der ehemaligen LPG-Mitglieder, nicht in den Händen einiger weniger oder eines "roten Barons". Zudem wurde die Umwandlung mehrere Male auf Rechtmäßigkeit überprüft. es setzten nicht alle auf "Unlautere Mittel im Kampf um das LPG-Erbe".
12.06.2012
17:43 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen.
Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

Begriffserklärung

Restitution:
Wiederherstellung, Rückerstattung

Wiedereinrichter:
Landwirte in Ostdeutschland, die nach 1989/1990 ihr in die LPG eingebrachtes Land zurück erhalten haben, um als Bauern einen Neuanfang zu beginnen.

© 2014 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK