Damals im Osten

Wie die Stasi Joseph Ratzinger bespitzelte - Teil 2

Viele Stasi-Berichte gelöscht

Auf mehreren hundert Seiten finden sich Informationen der Staatssicherheit zu Joseph Ratzinger, doch sie sind wenig aussagekräftig. Die einzelnen Berichte der Auslandsspionage wurden fast vollständig gelöscht. Überliefert sind lediglich Karteien, die, ähnlich einem Register, nur die grundlegenden Informationen enthalten, wer wann und warum Daten zu Ratzinger gesammelt hat.

Nach Recherchen des MDR THÜRINGEN hat mindestens ein Dutzend inoffizieller Mitarbeiter der Stasi-Auslandsspionage HVA über Ratzinger berichtet. Hinweise auf Informationen aus dem persönlichen Bereich Ratzingers geben die Karteien aber kaum. Zumindest eines verraten sie: die Namen der offiziellen und inoffiziellen Mitarbeiter.

Decknamen "Lichtblick", Gemse, Löwe

Kuppeldächer der Marienkirche in München, davor die goldene Marienskulptur
Auch in der Bundesrepublik fand das MfS Spitzel: Priester, Journalisten, Politiker.

Zwei DDR-Universitätsprofessoren berichteten über Ratzinger. Beide galten dem MfS als zuverlässig: IM Aurora, ein Professor in Jena und Warnemünde, lehrte wissenschaftlichen Atheismus. Hinter IM Lorac versteckte sich ein Theologie-Professor aus Leipzig. Informationen lieferte unter anderem auch IM Georg. Er arbeitete im Leitungsgremium der Berliner Bischofskonferenz und kannte die Interna der katholischen Kirche. Unter den Spitzeln, die die Stasi in der Bundesrepublik führte, war ein Benediktinerpater aus Trier unter dem Decknamen "Lichtblick". Er spitzelte jahrzehntelang für das MfS und berichtete äußerst umfangreich und "zuverlässig" über Ereignisse aus dem Vatikan. Auch der Agent "Antonius" lieferte massenhaft Informationen über Papst, Vatikan und Ratzinger. Antonius wusste Bescheid, schließlich arbeitete er für die katholische Nachrichtenagentur KNA aus Rom. Daneben führte die Stasi in Italien einen IM Bernd, der Informationen zur Außenpolitik des Vatikans lieferte und einen Journalisten in München mit Tarnnamen "Gemse". Besonders prominent in der Reihe der Informanten war ein CSU-Bundestagsabgeodneter, ein einstiger Vertrauter von Franz Josef Strauß, der für die Auslandsspionage der Stasi unter dem Decknamen "Löwe" "vertrauenswürdig" agierte.

Bevorzugte Abfertigung an der Grenze

So war die DDR gut vorbereitet, als Joseph Ratzinger 1987 zum einzigen Katholikentreffen in der DDR nach Dresden reiste. Die Stasi betrieb einen enormen Aufwand bei der Überwachung des Treffens. Ratzinger reiste mit mehreren Bischöfen aus der Bundesrepublik an. Aufschlussreiche Informationen finden sich auch hierzu kaum noch in den Akten. Eher wirkt es so, als hätte die Stasi alles getan, um den Besuch Ratzingers, der als Vertreter des Papstes in die DDR kam, möglichst angenehm zu gestalten, zumindest was die Grenzkontrollen betrifft. Um jegliches Aufsehen zu vermeiden, waren die Sicherheitskräfte angewiesen, den Kardinal höflich und bevorzugt am Grenzübergang abzufertigen. Auch weltliche Übel wie Zollkontrollen oder der für andere Westbesucher übliche Mindestumtausch hatten zu entfallen.

Trotz des großen Aufwands: Nicht alle Details, die die Stasi zu Ratzinger festhielt, waren korrekt. Seinen Geburtsort Marktl nennt das MfS beispielsweise Merkl. Und auch positive Seiten konnte die Stasi Ratzinger abgewinnen: Neben hoher Intelligenz bescheinigt sie ihm: "Obwohl er zunächst auf einen Gesprächspartner etwas scheu wirke, verfüge er über einen gewinnenden Charme."

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2013, 11:40 Uhr

© 2014 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK