Damals im Osten

Keine Lust auf Bitterfeld

"Die wollten gar nicht hierher", erinnert sich Manfred Kressin, der Bürgermeister Thalheims, an den ersten Kontakt mit den Berliner Unternehmensgründern. "Am liebsten hätten sie ihre Solarzellenfabrik in Kreuzberg gebaut." Doch das Land Berlin hatte eine finanzielle Unterstützung abgelehnt. Das Wirtschaftsministerium von Sachsen-Anhalt stellte hingegen eine üppige Förderung in Aussicht. Einzige Bedingung: Die Fabrik muss im Raum Bitterfeld entstehen. Und Kressin konnte weitere Angebote machen: Ein unschlagbar niedriger Steuerhebesatz, Tausende arbeitslose Arbeiter, die einst bei ORWO Techniken erlernt hatten, wie sie ähnlich auch in der Solarzellenfertigung gefragt sind. Und auch Schicht- und Sonntagsarbeit seien hier kein Problem. Kressins Angebote wogen die Abneigung der Unternehmensgründer gegen das in ihren Augen triste Dorf auf. Sie blieben. Am 6. Januar 2001 begannen die Bauarbeiten und bereits ein halbes Jahr später wurde die erste Solarzelle produziert. Er wünsche Q-Cells einen ähnlichen Erfolg wie ihn die Fotofabrik Agfa hier in Bitterfeld-Wolfen einst hatte, sagte Manfred Kressin in seiner Rede bei der Einweihung des Werkes. Damals haben alle gelacht, erinnert sich Kressin.      

Größter Solarzellenhersteller der Welt

"Daumen hoch" zeigt Anton Milner (M), Vorstandsvorsitzender des Solarzellenherstellers Q-Cells AG, am 05.10.2005 nach dem Börsengang des Unternehmens. Neben ihm stehen Finanzvorstand Hartmut Schüning (l) und Technikvorstand Reiner Lemoine (r).
Anton Milner (M), Hartmut Schüning (l) und Reiner Lemoine am 05.10.2005 am Tag des Börsengangs

Nur einige Jahre später lachte niemand mehr. Vom ersten Jahr an konnte Q-Cells die Produktionskapazitäten alle zwölf Monate verdoppeln, auch dank eines Gesetzes, dass die rot-grüne Bundesregierung 2000 erließ: dem "Erneuerbare Energie-Gesetz", das die Förderung grünen Stroms vorsah. Jeder, der sich seither eine Photovoltaikanlage aufs Dach stellt, bekommt eine sogenannte Einspeisevergütung. Milliarden flossen über die Jahre somit in die Förderung der Solarenergie. Q-Cells stieg 2007 zum größten Solarzellenhersteller der Welt auf und wurde zum Aushängeschild der deutschen Öko-Wirtschaft. 

Solar Valley in Thalheim

Blick auf den Stein der Thalheimer und die Romanische Dorfkirche am Ernst-Thälmann-Platz in Thalheim.
Blick auf die Romanische Dorfkirche in Thalheim.

Nachdem sich Q-Cells in Thalheim angesiedelt hatte, zogen auch weitere Solarzellenhersteller in das kleine anhaltische Dorf. Thalheim wurde zum Zentrum des "Solar Valley". Es waren Jahre eines geradezu märchenhaften Booms. Dank der Q-Cells-Steuermillionen war Thalheim ab 2005 seine Schulden los und Bürgermeister Kressin konnte nach Lust und Laune Geld für die Verschönerung seiner Gemeinde ausgeben: Straßen, Gehwege, die Schule und die Feuerwache wurden aufwendig saniert. Der Sportplatz wurde mit Kunstrasen, Tribüne und Flutlichtanlage ausgestattet und der Fußballverein Rot-Weiß Thalheim großzügig vom Solarzellenhersteller gesponsert. Und selbst 300.000 Euro für die Restaurierung des baufälligen Kirchturms waren dank Q-Cells kein Problem.     

Literaturhinweis:

Monika Maron, Bitterfelder Bogen. Ein Bericht. S. Fischer Verlag 2009.

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