Damals im Osten

Motorsport : Zschopaus Titeljäger

1964, Erfurt. Bernd Uhlmann ist im Freudentaumel. Gerade hat er mit seiner Mannschaft, zu der fünf Enduro-Motorradfahrer gehören, die "Six Days-Trophy" gewonnen. Das bis heute wichtigste und härteste Sechstage-Motocross-Rennen der Welt hatte zum ersten Mal in der DDR stattgefunden.

Fahrer scharren mit den Hufen

12.06.1966, 16:00 Uhr | 03:16 min

In Erfurt mit von der Partie ist auch Steve McQueen. Der US-Schauspieler und Hobby-Fahrer ist aber nicht bis zum Ende im Rennen: "Am dritten oder vierten Tag ist es passiert. McQueen hat sich sein Bein gebrochen und das US-Team war raus", erzählt der heute 72-jährige Bernd Uhlmann knapp 50 Jahre später. In Erinnerung geblieben ist ihm auch, wie beeindruckt er zu Beginn des Sechstage-Rennens vom Auftreten der Amerikaner ist: "Die Amerikaner kamen mit einem riesengroßen Truck mit Ladebord-Wand in Erfurt an und dort standen die Maschinen drauf." Uhlmanns Motivation ist an diesem Tag sehr groß.


Denn in Erfurt geht es 1964 um nichts Geringeres als die Titelverteidigung des Trophy-Titels im eigenen Land. Ein Jahr zuvor hatten die sechs Enduro-Fahrer im tschechoslowakischen Špindlerův Mlýn (Spindlermühle) erstmals überhaupt den Titel und damit auch die "Six Days" in die DDR geholt.

Briten fahren auf MZ ab

"Versuchsschlosser" und "Geländefahrer" - das steht zu DDR-Zeiten als Berufsbezeichnung in allen Werksverträgen der Enduro-Fahrer aus den Zschopauer Motorenwerken. Als fahrende Schrauber wissen die Männer genau, was sie den Cross-Zweirädern unter ihren Hintern abverlangen können. Im Zschopauer Motorenwerk ist das die Philosophie, um bestmöglich vorbereitet in internationale Wettbewerbe zu gehen. Während der Arbeitszeit können und dürfen die Fahrer auf der Cross-Strecke direkt am Zschopauer Werk trainieren. Ihre Entwicklungsarbeit fließt auch in die Straßen- und Serienmaschinen ein. Dafür werden die Männer gut bezahlt: "Mit 750 Ostmark Monatslohn waren wir finanziell besser dran als ein Diplom-Ingenieur", erzählt Bernd Uhlmann. Seine Motivation ist Dank der guten Bezahlung und auch aus Liebe zum Rennsport sehr groß, für "seine MZ-Motorräder" und "sein Land" alles zu geben.

Paul Friedrichs im Interview

12.06.1966, 16:00 Uhr | 02:20 min

Als 1964 das Rennen der "Six Days" auf dem Flughafen in Erfurt über die Ziellinie geht,  weiß er: "Unsere Motorräder gingen deutlich besser als die der anderen." Die Mannschaft schafft die Titelverteidigung im eigenen Land. Das nimmt auch Steve McQueen zur Kenntnis. Aber Bernd Uhlmann ist der Hollywood-Star beim Rennen völlig egal: "McQueen war für mich eine Randerscheinung. Wir haben uns auf die Konkurrenz konzentriert: Das waren Tschechen und die Engländer."

Die Briten haben gegen Uhlmanns Mannschaft im Jahr 1964 keine Chance. Aber sie interessieren sich für die Motorräder aus der DDR: "Ich persönlich habe meine 350-er MZ gegen eine britische Triumph 500 getauscht, weil die Engländer unsere Maschinen mal fahren wollten." Uhlmann wollte nach dem Tausch seine MZ zurück.

Titel-Stürmer Harald Sturm

Wie Harald Sturm zum Motorsport kam

03.06.1987, 18:00 Uhr | 02:37 min

Im Jahr des Erfurter Trophy-Rennens ist Harald Sturm gerade mal acht Jahre alt. Noch niemand ahnt, dass er neben dem legendären Dreifach-Weltmeister Paul Friedrichs als Motocross-Star in die Geschichtsbücher eingehen wird.
Sturms Erfolgsgeschichte startet in den Siebzigern.
In Witzschdorf bei Zschopau ist der junge Sturm groß geworden. Die Hügel rund um Zschopau laden zum Motocross ein, das Motorradwerk als Dreh- und Angelpunkt ist in der Nachbarschaft. Fast alle erfolgreichen DDR-Fahrer kommen früher oder später in Kontakt mit Zschopau und den Motorradwerken. Die Motorräder von dort sind im Cross-Sport jahrelang das Maß der Dinge. Der junge Sturm holt mit gerade mal 18 Lebensjahren 1974 den Titel des DDR-Juniorenmeisters, 1978 wird er zum ersten Mal Europameister. Drei weitere EM-Titel folgen. "Aber für jeden Enduristen waren die 'Six Days' das Größte. Ich wollte Einzeltitelträger werden und die Trophy gewinnen", sagt Sturm, der selbst heute beim Volleyball immer noch vom Sieg-Ehrgeiz gepackt wird. "Anfangs wurden wir belächelt, als wir mit unserem B1000-Bus an den Rennorten in Spanien, Italien oder Schweden ankamen. Später wissen alle: 'Oh, die sind schnell'", sagt Sturm stolz.

Schwedens König beim Reifenwechsel

Draufgängerisch & wagemutig: Harald Sturm

03.06.1987, 18:00 Uhr | 02:59 min

Vier Tage ist der Barkas mitunter bis zum Rennort gerollt - und ringsherum beäugte die Westpresse genau, was geschieht: "Durch das Foto eines Westfotografen habe ich erfahren, dass mir der schwedische König bei den 'Six Days' 1978 beim Reifenwechsel über die Schulter geschaut hat", sagt Harald Sturm und muss heute noch darüber lachen, dass das Treffen mit dem König nicht zustande gekommen ist.

Damals wie heute ist seine Besessenheit für den Motocross-Sport groß. In den Siebzigern hat Harald Sturm nichts anderes als Enduros im Kopf: "Es hat zu unserer Zeit neben dem Sport nicht viel Ablenkung gegeben. Die Leute kamen in Massen an die Strecken und wir waren auch die Besten zu DDR-Zeiten", sagt Sturm ohne Zurückhaltung. Sein Ehrgeiz zahlt sich 1987 aus, als auch er die Team-Trophy der "Six Days" in Polen gewinnt.

Harald Sturm: "Jungen Fahrern fehlt Biss"

Heute vermisst Harald Sturm manchmal den Biss beim Motocross-Nachwuchs: "Mensch und Maschine müssen eine Einheit sein. Man muss da richtig mitgehen und nicht nur drauf sitzen und Gas geben. Aber heute kommt kein Guter mehr raus." Das sagt ein Harald Sturm, der heute ein 40-köpfiges Team mit 20 Fahrern leitet und ein Motorradgeschäft hat. Und noch etwas schiebt er hinterher: "Mich macht es sehr traurig, was mit den Motorradwerken in Zschopau passiert. Ich wollte noch mal eine schöne neue MZ verkaufen, aber das wird wohl nichts." MZ-Motorräder haben inzwischen viel Konkurrenz bekommen, die Insolvenz droht.

Enduro-Sport heute und damals

Bis 1989 hat auch Uwe Weber nicht groß darüber nachgedacht, umzusatteln. Mit MZ-Motorrädern fährt er mehrfach DDR-Meister und Vizemeister-Titel ein. Weber ist 1982 Mitglied der Silbervasen-Siegermannschaft der "Six Days", gewinnt also die Weltmeisterschaft der Nachwuchsfahrer. 1987 holt er gemeinsam mit Harald Sturm auch den großen Pokal der "Six Days".

Uwe Weber dominiert "Rund um Zschopau"

06.05.1987, 18:00 Uhr | 01:06 min

Für Weber ist der Schlüssel zum Erfolg das Team: "Wir haben die ganze Woche über zusammen gearbeitet und zusammen trainiert. Außerdem war Motorsport damals einfacher zu betreiben, denn es gab nicht so viele Umweltauflagen und Beschränkungen wie heute." Mit den politischen Umbrüchen 1989/90 kommt es auch zu Webers Bruch mit der Ostmarke MZ. Deutscher Meister und Vizeweltmeister wird er zwei Mal auf einer österreichischen KTM. Was früher Webers Beruf war, ist heute für viele Fahrer aus der Region um Zschopau ein relativ teures, nebenberufliches Hobby geworden: "Siege und Erfolge müssten wieder her, dann würde die Popularität und die Lobby des Motocross wieder wachsen", hofft Weber auf den Nachwuchs. Zu dem gehört vielleicht bald sein Sohn Chris (16), der in Papas Fußstapfen will. Ob das gelingt, das weiß Gerüstbau-Unternehmer Uwe Weber heute noch nicht.

Zuletzt aktualisiert: 28. Juni 2013, 13:00 Uhr

Hintergrund Six Days Enduro

Die International Six Days Enduro (ISDE) werden auch Internationale Sechstagefahrt genannt. Die Motorsportveranstaltung ist heute die wichtigste im Endurosport und wird vom internationalen Motorradverband Fédération Internationale de Motocyclisme (FIM) ausgetragen. Die Six Days Enduro sind ein Mannschaftswettbewerb und gelten seit 1970 offiziell als Weltmeisterschaften für Nationalmannschaften. Die erste internationale Sechstagefahrt wurde im Jahr 1913 in Carlisle (England) ausgetragen und ging aus einer Reihe von Wettbewerben im Vereinigten Königreich hervor, in denen die zuverlässigsten Motorräder gesucht wurden. 2012 finden die ISDE erstmals seit 23 Jahren wieder in Deutschland statt. Über 480 Fahrer aus aller Welt absolvieren an sechs Veranstaltungstagen einen Kurs von über 1.400 Kilometern in Mittel- und Westsachsen.

© 2014 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK