DEFA-Interview mit Ralf Schenk "Wer das Kino liebt, muss diese Filme kennen"

"Wer sich heute mit dem Leben in der DDR in vielen seiner Facetten befassen will, kommt an DEFA-Filmen nicht vorbei", sagt Ralf Schenk. Der DEFA-Vorstand im Interview über Lieblingsfilme, Visionäre, Politik - und den MDR.

DEFA-Filme sind etwas Besonderes, sagen viele Filmkenner. Dies gilt auch für jüngere Menschen, die mit DEFA-Filmen nicht aufgewachsen sind. Worin sehen Sie den besonderen Geist und wie erklären Sie sich, dass DEFA-Filme auch heute noch eine besondere Kraft entfalten?

Ralf Schenk, Vorstand der DEFA-Stiftung in Berlin
Ralf Schenk, Vorstand der DEFA-Stiftung in Berlin Bildrechte: DEFA-Stftung

Ralf Schenk: Die Filme der 1946 gegründeten DEFA, der einzigen Filmgesellschaft der DDR, waren immer eng mit den politischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen des Landes verbunden. Vom Staat finanziell gefördert, sollten sie die Entwicklungen des Landes kommentierend, auch unterstützend begleiten. Doch unterhalb dieses offiziellen Auftrags gab es oft die Möglichkeit, das Leben, den Alltag, auf authentische, wahrhaftige Weise zu erfassen und künstlerisch zu verdichten, die deutsche Geschichte nach ihrem Woher und Wohin zu befragen. Die DEFA war stets mehr als nur ein Propagandainstitut. Sie war in ihren besten Zeiten und Filmen ein Seismograph der Wirklichkeit. Wer sich heute mit dem Leben in der DDR in vielen seiner Facetten befassen will, kommt an ihnen nicht vorbei ... – Im Übrigen gibt es auch viele DEFA-Genrefilme, die bis heute viel Spaß machen: Farbenprächtige Märchen, Indianerfilme, Musicals, Science-fiction, Komödien, Satiren: Da ist noch einiges zu entdecken. Gar nicht zu reden von starken Dokumentar- oder Trickfilmen.

Worin sehen Sie die wichtigste Rolle der DEFA-Stiftung als Bewahrerin des Erbes?

Ralf Schenk: Die 1998 gegründete DEFA-Stiftung sorgt dafür, dass der rund 12.000 Produktionen umfassende DEFA-Filmstock als wesentlicher Teil des deutschen Filmerbes erhalten bleibt und so umfänglich wie möglich ausgewertet wird – im Kino, im Fernsehen, auf DVD und Bluray oder als Stream. Dafür gibt es bewährte Partner wie Progress, die Deutsche Kinemathek und Icestorm. Um diese umfassende Auswertung zu gewährleisten, steckt die DEFA-Stiftung derzeit sehr viel Arbeit und Geld in die Digitalisierung und die damit verbundene Restaurierung des Filmstocks. Denn unsere guten alten 35-mm-Kopien haben (leider) weitgehend ausgedient, die Filme müssen hochwertig digital vorliegen, um noch gezeigt werden zu können. Wenn Sie bedenken, dass die Digitalisierung eines einzigen Spielfilms vom Originalnegativ rund 15.000 bis 20.000 Euro kostet, dann ahnen Sie, welche Herkulesaufgabe vor der Stiftung steht. Ohne Förderungen durch den Bund wäre das nicht möglich. Daneben sorgt sich die DEFA-Stiftung um enge Partnerbeziehungen zu nationalen und internationalen Filmfestivals, veranstaltet Filmreihen, unterstützt Retrospektiven, gibt Bücher zur DEFA-Geschichte heraus, restauriert verbotene oder verschollene und wiedergefundenen Filme und verleiht Preise zur Förderung des aktuellen deutschen Films – unter anderem bei den Festivals in Leipzig, Dresden und Chemnitz und auf der Berlinale.

Wenn Sie Menschen, die die DEFA nicht kennen, erklären müssen, wo Sie arbeiten – wie erklären Sie das?

Ich arbeite bei einer Institution, die sich um einen spannenden Teil deutscher Kultur- und Filmgeschichte kümmert – einen Teil, bei dem Politik und Kunst eng miteinander korrespondieren und auch 25 Jahre nach dem Ende der DEFA immer wieder etwas zu entdecken ist. Hinzu kommt, dass wir den vielen einst bei der DEFA, im Filmstudio Babelsberg beschäftigten Künstlern, also den Regisseuren, Autoren und Schauspielern, Kostümbildnern oder Kameramännern mehr als nur das Gefühl vermitteln, dass ihre Arbeit, ihr Lebenswerk geschätzt und gepflegt wird. Und dass es immer noch ein großes, interessiertes Publikum dafür gibt. In Deutschland, aber auch im Ausland, was sich daran ablesen lässt, dass wir allein in diesem Jahr Retrospektiven und DEFA-Werkschauen in Griechenland, den USA, Japan, der Schweiz, Österreich oder Italien betreuen, und vieles andere mehr.

Der MDR spielt als Sender für das Bewahren der DEFA-Produktionen eine besondere Rolle. Können Sie diese Rolle aus Ihrer Sicht kurz umschreiben?

Der MDR hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder darum verdient gemacht, DEFA-Klassiker, aber auch unbekanntere Filme aus den Studios der DEFA zu zeigen – für Kinder wie für Erwachsene. Uns freut, dass die Redakteure mit ihrem filmhistorischen Wissen und vor allem mit dem Wissen um das, was die Zuschauer gern sehen möchten, eine regelmäßige und kluge Auswahl aus unserem Filmerbe treffen. Für uns ist der MDR ein wichtiger Partner im Senderverbund der ARD, nicht zuletzt im vergangenen Jahr, als es darum ging, an den 60. Geburtstag des DEFA-Studios für Trickfilme in Dresden  zu erinnern und viele der dort gedrehten Filme zu digitalisieren. Dabei half der MDR mit Rat und Tat mit.

Der MDR hat zum Gründungsjubiläum 2016 eine ganzjährige Programmreihe aufgesetzt, die vielfältige Produktionen in den Fokus rückt. Welche Filme aus der MDR-Reihe DEFA 70 sind für Sie persönlich besonders wichtig oder spannend – und warum?  

Bildhauer Kemmel (Kurt Böwe) modelliert ein Denkmal für den Sportplatz seines thüringischen Heimatdorfes
"Der nackte Mann auf dem Sportplatz", im März im MDR FERNSEHEN: Bildhauer Kemmel (Kurt Böwe) modelliert ein Denkmal für den Sportplatz seines thüringischen Heimatdorfes. Bildrechte: MDR/Progress

Aus der Fülle der Filme lassen sich nur schwer einzelne Höhepunkte herausfiltern – jeder Film hat seine eigene Geschichte. "Karla" (1965) zum Beispiel, diese wunderbare Arbeit mit Jutta Hoffmann, seinerzeit aus politischen Gründen verboten, ist bis heute für mich ein Plädoyer für Ehrlichkeit und Zivilcourage und dafür, seine eigene Sicht auf die Welt gegen die Engstirnigkeit der Umgebung zu bewahren. Oder "Der nackte Mann auf dem Sportplatz" (1974) von Wolfgang Kohlhaase und Konrad Wolf, über das Verhältnis von Künstler und Publikum, Kunst und Wirklichkeit, mit herrlichen Alltagsbeobachtungen und großartigen Schauspielern bis in kleinste Rollen. Kurt Böwe, Ursula Karusseit, Katharina Thalbach, Ursula Werner, Martin Trettau. Sogar der junge Matti Geschonneck, heute einer der besten Fernsehregisseure Deutschlands, spielt in einer Nebenrolle mit .Oder "Blauvogel" (1979), ein ganz besonderer Indianerfilm, in dem Regisseur Ulrich Weiß über den Zusammenprall zweier Welten reflektierte – und darüber, was passiert, wenn man aus der einen herausgerissen und in eine fremde hinein katapultiert wird. Ein philosophisches Essay. Von Meisterwerken wie "Spur der Steine" (1966), "Der geteilte Himmel" (1964) und anderen will ich gar nicht reden:  Wer das Kino liebt, muss diese Filme kennen, die bis heute modern und aufregend wirken!

Ihr persönlicher DEFA-Lieblingsfilm?

"Die Geschichte vom kleinen Muck“ (1953), seit frühester Kindheit. Ein Muss, jedes Jahr einmal, und noch immer bin ich tief berührt von der Phantasie der Bilder und dem Humanismus, der in der Geschichte steckt.

Der prägendste DEFA Film für Sie?

Den einen prägenden Film gibt es nicht. Prägend waren für mich immer Filme, die jenseits ausgetretener politischer und ästhetischer Pfade etwas Neues, Aufregendes zu erzählen versuchten und die Ästhetik des Kinos bereicherten. So wie "Der Fall Gleiwitz" (1961) über den Beginn des Zweiten Weltkrieges mit seiner großen, kalten Bildern. Oder "Das Luftschiff" (1982) von Rainer Simon mit seinen experimentellen Momenten. Oder "Dein unbekannter Bruder" (1982) von Ulrich Weiß als Parabel über Angst und Verrat. Oder die Filme von Roland Gräf, "Bankett für Achilles" (1975) zum Beispiel über Bitterfeld, oder Egon Günthers "Abschied" (1968), "Der Dritte" (1971) und vor allem "Die Schlüssel" (1974), das war prägend.

Ihre erste DEFA Erinnerung?

Der Kinderfilm "Hatifa" (1960), den ich zusammen mit meinem Großvater im Dorfkino im thüringischen Gehlberg sah, meinem Heimatort. Die Geschichte eines Sklavenmädchens, das flieht und von Sklavenhändlern verfolgt wird, hat mich als Kind so erregt, dass ich das Ende des Films nicht aushielt und meinen Opa vorher aus dem Kino zog ... – Meinen ersten Erwachsenenfilm "Hauptmann Florian von der Mühle" sah ich 1968 und amüsierte mich köstlich: eine Komödie mit Manfred Krug und Rolf Herricht, dazu noch im 70-mm-Format, farbenprächtig und toll ausgestattet.

In 50, in 100 Jahren: Welcher DEFA Film wird im Gedächtnis bleiben?

Ich hoffe: viele.  Und nicht nur die drei, vier ganz Berühmten, denn auch kleine Filme und Nebenwerke können als Zeitdokumente und Kunstbeispiele interessant sein.

Welcher DEFA Film war/ist für Sie eine wirkliche Neuerung? 

Fast alle Filme von Egon Günther, der für mich ein Regisseur von Weltrang ist. Er liebte die Kamera und seine Schauspieler, er spielte frei mit den Elementen des Kinos, gab auch anderen Freiräume, er tastete sich stets zu neuen ästhetischen Ufern vor. Ein Visionär.

Ralf Schenk Der Journalist, Filmkritiker, Filmhistoriker und Autor Ralf Schenk (geb. 1956) ist seit 2012 Vorstand der DEFA-Stiftung. Ab 1979 arbeitete er als Redakteur der Zeitschriften Film und Fernsehen, Die Weltbühne sowie Wochenpost in Berlin und schrieb außerdem für den Filmspiegel und Das Magazin. Nach 1990 war er u.a. Mitarbeiter des Filmmuseums Potsdam und Redakteur und Herausgeber von Büchern zur Geschichte des Films, besonders zur Historie der DEFA.

Darüber hinaus hat er rund ein Dutzend TV-Dokumentationen zur deutschen und internationalen Filmgeschichte für den ORB und den MDR produziert. r arbeitet regelmäßig an der Zeitschrift film-dienst sowie am CineGraph-Lexikon des deutschen Films und am "Internationalen Lexikon des Kinder- und Jugendfilms" mit. Für die Zeitschrift "Theater der Zeit" schrieb er 2012–15 die monatliche Filmkolumne. Seit 2014 ist er Mitglied des Filmbeirats beim Goethe-Institut.

Seit 2004 gehört er zur Auswahlkommission für den Spielfilmwettbewerb der Berlinale. Von 2004 bis 2006 war er auch Mitglied der Auswahlkommission von DOK Leipzig. Sein besonderer Schwerpunkt liegt neben der DEFA-Geschichte auf dem osteuropäischen Kino in Vergangenheit und Gegenwart.

DEFA 70 Viele der von Ralf Schenk im Interview erwähnten Filme können Sie im Rahmen des MDR-Programmschwerpunktes zum DEFA-Jubiläum im MDR FERNSEHEN erleben!

Sie können sich u.a. freuen auf: "Karla", "Spur der Steine", "Der geteilte Himmel", "Blauvogel", Der nackte Mann auf dem Sportplatz", "Der Fall Gleiwitz" oder "Die Geschichte vom kleinen Muck" und zahlreiche weitere Filme.

Zuletzt aktualisiert: 16. März 2016, 16:48 Uhr