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Es liest: Sylvester Groth : Der Turm - Das Hörbuch zum Roman

MDR und NDR haben 2009 Uwe Tellkamps Panorama der untergehenden DDR auf 1.000 Buchseiten als Lesung produziert. Die Einrichtung für den Rundfunk war eine große Herausforderung.

Im Mittelpunkt des Roman steht eine Dresdner Arztfamilie zwischen Anpassung und Aufbegehren. Die Protagonisten des Romans sind der Abiturient Christian, sein Vater Richard, Oberarzt an der Medizinischen Akademie, und Schwager Meno Rhode, der als Lektor in einem Verlag arbeitet. Die stark gekürzte Lesefassung des Romans konzentriert sich auf Christians Weg ins Erwachsenendasein. Erwachsenwerden heißt für ihn Schutzlosigkeit und Alleinsein. Die von der Elterngeneration vorgelebten Arrangements mit Partei und Regierung halten ihn nicht mehr, auch nicht das Netz aus Literatur und Philosophie, aus Kunst und Alt-Dresdner Kultur. Mit einer vom künftigen Medizinstudenten erpressten Verpflichtung für eine dreijährige Dienstzeit beginnt die "Zeit bei der Fahne", die irgendwie überstanden werden soll. Doch sie endet zwei Jahre später als geplant - Jahre, die Christian in der berüchtigten Militärstrafvollzugsanstalt Schwedt absitzen muss.

Rundfunkbearbeitung als Herausforderung

Thomas Fritz, Hörspiel-Chefdramaturg bei MDR FIGARO
FIGARO-Dramaturg Thomas Fritz

Die Einrichtung des 1.000-Seiten-Werks für den Rundfunk war eine große Herausforderung, berichtet Thomas Fritz, Hörspiel-Chefdramaturg bei MDR FIGARO. In der Regel müssen die Romane für eine Lesefassung gekürzt bzw. "maßstabsgerecht verkleinert" werden, was auch gut gelingt - selbst bei dicken Wälzern. Diese übliche Vorgehensweise funktionierte bei "Der Turm" allerdings nicht.

Das Buch ist "extrem bevölkerungsreich" und mit vielen Erzählsträngen versehen. Für die Lese- und Hörbuch-Version haben Thomas Fritz und die Bearbeiterin Heidi Böwe deshalb ganz konsequent nur die Geschichte des Abiturienten Christian verfolgt. Christian ist der am stärksten Leidtragende in dem ganzen Roman. Durch die Konzentration auf sein Schicksal wird der "DDR-Überlebenskompromiss", wie Fritz es ausdrückt, stärker beleuchtet:

"Er wird eigentlich von der Familie und von dem Lebens-, Überlebens-, DDR-Überlebenskompromiss, den die Familie gefunden hat, auf ganz grausame Weise im Stich gelassen. Wenn man jetzt sagt: Was 'leistet' dieser Roman, dann ist das für mich selber auch ein sehr, sehr wichtiger Punkt, dass er zeigt, wie etwas, das man als Nischen-Überlebensform bezeichnet, wie schnell das gefährdet sein konnte. Wie schnell das zusammenbricht!"

Thomas Fritz, Chefdramaturg Hörspiel bei MDR FIGARO
(Triangel, April 2009)

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2010, 17:46 Uhr

Angaben zum Buch

Uwe Tellkamp: Der Turm.
Geschichte aus einem versunkenen Land.
Roman, 976 S., Suhrkamp
ISBN 978-3-518-42020-1

Angaben zur Hörbuchversion

Uwe Tellkamp: Der Turm, gekürzte Hörbuchfassung
Produktion: MDR 2009
DHV – Der Hörverlag GmbH
8 CDs, 560 Min.
ISBN 978-3-86717415-2

Über den Autor

Uwe Tellkamp, 1968 in Dresden geboren, studierte in Leipzig, New York und Dresden Medizin und arbeitete als Arzt an einer unfallchirurgischen Klinik. Für seine Lyrik bereits mehrfach ausgezeichnet, erhielt Uwe Tellkamp 2004 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Er lebt derzeit mit seiner Familie in Freiburg/Breisgau. Tellkamp veröffentlichte unter anderem die Romane "Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café" (2000) und "Der Eisvogel" (2005). 2004 erhielt er den Ingeborg-Bachmann Preis und 2008 den Uwe-Johnson-Preis.

Über den Sprecher

Sylvester Groth, 1958 in Jerichow (Sachsen-Anhalt) geboren, studierte Schauspiel und begann seine Karriere beim Staatsschauspiel Dresden. Sein erster Kinofilm, Frank Beyers "Der Aufenthalt", brachte ihm 1983 den Durchbruch. Nach einem Engagement für die Salzburger Festspiele 1984 kehrte er nicht mehr in die DDR zurück. In Westdeutschland spielte er weiter Theater, nahm aber Mitte der 80er-Jahre immer häufiger Film- und Fernsehrollen an. Seit Anfang der 90er-Jahre ist Groth freier Schauspieler ohne feste Bindung an ein Haus, jedoch auf nahezu allen namhaften Bühnen in Deutschland zu Hause. Im Kino sah man ihn u. a. 1986 in Johannes Schaafs Film "Momo", in Joseph Vilsmaiers Weltkriegsdrama "Stalingrad" und als Joseph Goebbels in Dani Levys Komödie "Mein Führer".