Digitalradio

Interview mit dem Hörfunkdirektor des MDR : Johann Michael Möller über das "Radio der Zukunft"

Totgesagte leben länger. Das trifft auch für das Digitalradio zu: Erst gefeiert, dann, wenn auch nicht verdient, vor dem Aus, jetzt der Neustart. Bis Jahresende sollen große Gebiete Deutschlands versorgt werden und das Rauschen im Norden der Vergangenheit angehören. Dass das Digitalradio Vorteile bringt, liegt für Radiohörer und -macher auf der Hand. Die MDR-Zeitung "mittendrin" sprach dazu mit Johann Michael Möller, Hörfunkdirektor des MDR. Und fragte ihn unter anderem, was bisher schief lief.

Johann Michael Möller - Hörfunkdirektor des MDR
MDR-Hörfunkdirektor Johann Michael Möller spricht über Versäumnisse und Chancen.

Herr Möller, warum konnte sich die Technik des Digitalradios bisher nicht durchsetzen?

Im ersten Anlauf wurde von allen Seiten nicht mit voller Kraft gearbeitet. Die technischen Sendeleistungen waren zu gering für ordentlichen Empfang in Gebäuden, das Sendernetz war lückenhaft und es gab wenig Programme in DAB (Digital Audio Broadcasting, Anm. der Red.), noch weniger neue Programme und an bezahlbaren, attraktiven Geräten mangelte es ebenfalls. Und nicht zu vergessen, auch die Politik hatte wenig Interesse an dem Thema.

Und nun kann es doch funktionieren, weil …?

… sich bei fast allen Punkten, die ich eben aufgezählt habe, in den letzten Monaten sehr viel Positives getan hat. Ab Spätsommer wird es deutschlandweit über zehn wirklich neue Programme digital geben, in den Ländern wird man viele ARD-Radioprogramme erstmals digital-terrestrisch hören können. Und der MDR wird beim Neustart am 1. August dabei sein.

Welche Programme wird der MDR zukünftig im Digitalradio anbieten?

Der MDR möchte parallel zum bundesweiten Neustart auch im Sendegebiet mit allen seinen Programmen im Digitalradio vertreten sein. Das bedeutet, wir wären dann mit den zentralen Hörfunkprogrammen MDR Info, Jump, MDR Figaro, MDR Sputnik und MDR Klassik digital-terrestrisch on air. Und natürlich mit den MDR 1 -Wellen in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Wir setzen dabei auf den moderneren Standard DAB+. Dadurch können mehr Programme in einer besseren Tonqualität verbreitet werden, mit deutlich weniger Energieverbrauch und zu günstigeren Konditionen. Bei MDR Klassik, das wir seit 2002 ausstrahlen, werden wir aber noch einige Zeit in dem hergebrachten technischen Verfahren DAB weitersenden, um den Hörern dieses Programmes in Ruhe die Gelegenheit zu geben, sich für neue  Empfangsgeräte und den neuen Standard zu entscheiden.

Für den größtmöglichen Nutzen im Sinne des Hörers heißt es jetzt bundesweit mit den Privaten gemeinsam an einem Strang zu ziehen …

… und die erfolgreiche, enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit fortzusetzen. Der MDR verfolgt seit Jahren gemeinsam mit den Landesmedienanstalten und den privaten Anbietern in seinem Sendegebiet ein gemeinsames Ziel. Wir wollen, dass das Radio auch in der digitalisierten Medienwelt eine gesicherte Zukunft hat, attraktiv bleibt und noch mehr Hörer erreicht. Basis dafür ist die „Mitteldeutsche Vereinbarung“. Darin ist festgehalten, dass in den ersten Jahren die privaten Veranstalter und der MDR die Übertragungskapazitäten in den drei Ländern gemeinschaftlich nutzen werden.

In Sachsen und Thüringen scheint sich außer dem MDR trotzdem keiner zu trauen?

Während in Sachsen-Anhalt die Privaten mit insgesamt vier Programmen und der MDR mit sechs Programmen an den Start gehen, gibt es in Sachsen und Thüringen tatsächlich noch keinen privaten Interessenten. Uns würde es freuen, wenn sich das bis zum Neustart noch ändert.

Laut einem Beschluss der Bundesländer dürfte der MDR ein zusätzliches Programm einführen. Wird er dies wahrnehmen?

Diese Option, die dem Digitalradio ganz sicher einen weiteren Schub verleihen würde, können wir im MDR nicht sofort aufgreifen. Neben einer Reihe von rechtlichen Fragen ist das auch eine des Geldes. Derzeit sind von der KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, Anmerk. der Red.) nur Mittel für den technischen Aufbau, den Betrieb des Sendernetzes und für Marketingaktivitäten genehmigt, nicht aber für neue programmliche Entwicklungen. Das ist eine klare Beschränkung und angesichts der Sparzwänge wird es nicht leicht werden, in kurzer Zeit weitere Programme und Formate auf dem Markt zu verwirklichen.

Gibt es für die Hörer neben mehr Programmen in besserer Qualität weitere Vorteile?

Der MDR will möglichst viele programmbegleitende Zusatzinformationen bereits zum Neustart anbieten und schrittweise ausbauen. Dazu zählen die Angabe des gerade gespielten Musiktitels und des Interpreten, kurze Texte mit Programminformationen, zu Events oder eine Slideshow auf dem Display. Im MDR beschäftigen sich seit vielen Wochen Programm-Macher, Techniker und Kommunikationsfachleute mit den Vorbereitungen zum Neustart am 1. August. Zu berücksichtigen sind sehr viele und komplexe technische Details. Vergessen sollte man bei allen technischen Varianten jedoch nie – wir haben es immer noch mit Radio zu tun, einem informativen und unterhaltsamen „Begleitmedium“, bei dem die Neigung der meisten Hörer begrenzt sein wird, ununterbrochen alle Tasten am Empfangsgerät zu bedienen.

Sind alle guten Dinge auch hier drei? Oder anders: Wenn es bei diesem Anlauf nicht klappt …

… bekommen wir Radiomacher garantiert keine dritte Chance – das ist sicher. Bei aller Freude über den Neustart darf man nicht vergessen, dass wir beim zweiten Anlauf von Digitalradio erst am Anfang stehen. Wir brauchen Geduld und langen Atem. Aber in der Medienpolitik sowie im Bundeswirtschaftsministerium findet das Thema große Beachtung. Bei den Programmanbietern, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat, ist die Zurückhaltung einem realistischen und überall spürbaren Optimismus gewichen.

Aber natürlich braucht es nicht zuletzt auch Hörer ...

Richtig. Neben den jetzt angekündigten neuen Programmen hoffen wir sehr, dass sich der Neustart rasch herumspricht und im Handel neue Geräte gekauft werden. Die Vielfalt bei Digitalradio-Empfängern ist groß und es gibt Geräte bereits unter 70 Euro. Auch die Kombination mit Internetradio sowie einer Dockingstation für den iPod gehört heute zum Standard. Allein in Sachsen-Anhalt können beim Start 24 Digitalradio- Programme empfangen werden, davon zwölf neue. Neben den bundesweiten neuen Programmen privater Anbieter kann man dann zwischen Halle und Magdeburg MDR 1 Radio Sachsen-Anhalt, Figaro oder Jump erstmals in glasklarer digitaler Qualität empfangen, für Musikfreunde und die Hörer der MDR-Landesprogramme ein Gewinn.

Eine ganz wichtige Frage zum Schluss: Droht demnächst die Abschaltung von UKW?

Keinesfalls! UKW wird ganz sicher noch die nächsten Jahre erhalten bleiben, vielleicht zehn oder sogar mehr. Digitalradio hat jetzt die Chance, sich auf dem Markt überhaupt erst einmal fest zu etablieren, neben einer starken und funktionierenden UKW-Radiolandschaft.

Zuletzt aktualisiert: 25. Oktober 2012, 16:56 Uhr

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