MDR FERNSEHEN | 22.10.2011 | ab 23.00 Uhr : Die MDR-Dokfilmnacht
Auch in diesem Jahr treffen sich bei DOK Leipzig wieder Macher und Liebhaber des Dokumentarfilms. Flankierend zum Festival steht der Dokfilm auch im Blickpunkt des MDR-Programms: n einer langen Nacht gibt es drei Dokumentarfilme über Menschen und ihr Leben in Mitteldeutschland zu entdecken
23.00 Uhr | Sag mir, wo die Schönen sind
Ein Film von Gunther Scholz
Neun Frauen erzählen aus ihrem Leben. Sie alle hatten 1989 am Wettbewerb "Miss Leipzig" teilgenommen und waren im Umfeld dieser Veranstaltung von dem Fotografen Gerhard Gäbler fotografiert und interviewt worden. 18 Jahre später hat Filmemacher Gunther Scholz die Frauen wieder besucht. Sein Dokumentarfilm ist das Porträt einer Gruppe junger Frauen, deren damaliger Lebensmittelpunkt Leipzig war. 1989 versuchten sie einen Schritt ins Rampenlicht. Was sich seitdem für sie verändert hat, beschreibt dieser Film.
Im Mai 1989, nur wenige Monate vor der politischen Wende in der DDR, suchte die "Leipziger Volkszeitung" die "Miss Leipzig 1989". Nicht nur Schönheit und Oberweite waren das Maß der Dinge - die Kandidatinnen sollten auch gut über ihre Stadt und deren Geschichte Bescheid wissen. Die meisten Kandidatinnen, die sich meldeten, wollten einfach einmal bei einer Misswahl dabei sein. Doch viele von ihnen hofften auch auf Veränderung in ihrem Leben, wollten die überall spürbare Langeweile durchbrechen. Der Leipziger Fotograf Gerhard Gäbler, damals noch Student, entdeckte bei der Misswahl die Möglichkeit zu einem bis heute einzigartigen künstlerischen und dokumentarischen Projekt. Er sprach mit vielen Bewerberinnen über ein eventuelles Fotoshooting und konnte fast 20 von ihnen für ein Doppelporträt gewinnen: ein Foto der Kandidatin am Arbeitsplatz, ein weiteres Foto nach eigener Wahl im privaten Umfeld. Die Bilder der jungen Frauen um die 20 in typischem DDR-Interieur sind inzwischen zu wichtigen zeithistorischen Dokumenten des letzten DDR-Jahres geworden. Zugleich erweist sich als Glücksfall, dass der Fotograf damals ein kleines Kassettengerät für Kurzinterviews dabei hatte.
18 Jahre später hat Filmemacher Gunther Scholz gemeinsam mit dem Fotografen Gerhard Gäbler die Frauen erneut besucht. Fast alle von ihnen haben Arbeit, sie sind verheiratet oder immer noch Single, eine lebt in Scheidung. Sie haben Kinder oder bekommen sie gerade - jetzt, mit 40. Sie leben in der Schweiz, in Dubai, im Westen Deutschlands oder - wie zuvor - in Leipzig, wo ihre Geschichte begonnen hatte.
00.30 Uhr | Dorfliebe
Ein Film von Pamela Meyer-Arndt
Das "platte Land" Thüringens ist den meisten Menschen unbekannt. Die ländlichen Gebiete der früheren DDR scheinen für viele ein großer schwarzer Fleck im Nichts zu sein. Ein Niemandsland. Hier befindet sich im thüringischen Kyffhäuserkreis das kleine Dorf Berka. Es liegt an der Wipper und beheimatet rund 800 Menschen. Mehr oder weniger zufällig entstanden hier drei herausragende Fotoserien, die das Dorfleben in Berka über die Jahrzehnte dokumentieren. Überraschenderweise zeigen große Teile dieser Fotos ein Paradies, in dem die Dorfbewohner glücklich zusammen leben und arbeiten. Eine dörfliche Idylle.
Der Dokumentarfilm "Dorfliebe" zeigt das thüringische Dorf Berka im Wandel der Jahrzehnte, von 1949 bis 2006. Zwei Fotografen, Ludwig Schirmer und Werner Mahler, haben Berka über Jahrzehnte fotografiert. Ihre poetischen Fotoserien, die eine funktionierende Dorfgemeinschaft zeigen, liefern die Grundlage des Films. Erzählt wird die dramatische und mitreißende Geschichte der Menschen des Dorfes Berka, wie diese nach dem Krieg, unter dem Sozialismus, unter der Wendezeit und jetzt als Bürger der Bundesrepublik Deutschland immer wieder aufs Neue versucht haben und versuchen, eine Existenz aufzubauen.
In die Erzählung mit einbezogen sind die drei Fotoserien. Sie zeigen das Dorfleben sowohl idyllisch als auch in manchen Situationen hart und erbarmungslos. Die Fotos visualisieren und belegen dabei die Vergangenheit. Auf diese Weise wird dokumentiert, wie sich das Leben auf dem Lande in Ostdeutschland im Wandel der Zeit verändert hat.
02.00 Uhr | Heute war damals Zukunft
Ein Film von Gunther Scholz
Es war eine Vertretungsstunde, die Lehrerin Bärbel Spengler, damals 24, in einer 9. Klasse in Magdeburg halten sollte. Sie war unvorbereitet und flüchtete sich in eine Idee. Sie ließ die Klasse einen Aufsatz schreiben mit dem Thema: "Wie stelle ich mir mein Leben im Jahr 2010 vor?" Dass die Lehrerin das Jahr 2010 wählte, geschah mit Bedacht: Zu üblich war es in den DDR-Schulen geworden, über die Jahrtausendwende nachdenken zu müssen und relativ nah war das Jahr 2000 auch schon. Die Lehrerin hat diese Aufsätze aufbewahrt, auch über die Nachwendejahre, die das Leben der DDR-Bürger radikal veränderten. Die Aufsatzschreiber aus Magdeburg standen 1989 am Anfang ihres Berufslebens. Die meisten hatten gerade ausgelernt, einige das Abitur abgelegt.
Der Dokumentarfilm "Heute war damals Zukunft" begibt sich auf die Suche nach den Aufsatzschreibern von damals. Sie sind inzwischen längst im Beruf, alle um die 40 herum. Fast alle wurden gefunden. An den Aufsatz erinnern konnte sich keiner mehr. Nun werden sie vor der Kamera mit ihren damaligen Texten konfrontiert. In Kurzporträts von knapp der Hälfte der damaligen Klasse zeigt der Film deren Privat- und Berufsleben. Wie sind sie angekommen im größer gewordenen Deutschland? Fast alle sind im Raum Sachsen-Anhalt verblieben. Nur vier leben in anderen Bundesländern, eine hat gerade von Ost nach West gewechselt.
So ist der Film am Beispiel dieser eher zufälligen Gruppe auch eine interessante Momentaufnahme vom Leben in der ostdeutschen Provinz, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung: Geschichten von Menschen aus dem "Land der Frühaufsteher", wie Sachsen-Anhalt die Autobahn-Nutzer begrüßt oder verabschiedet. Zugleich ermöglicht der Rückblick auch das Bild einer schon 1985 weitgehend entpolitisierten, unangepassten DDR-Jugend - im Kontrast zu den Klischeebildern einer nur systemkonformen Generation im damals sozialistischen Teil Deutschlands. Die Jugendlichen wollten in die Welt reisen, der Mercedes ist das meistgenannte Auto, eine sieht sich als Sekretärin bei einem Multimillionär. Ein Blick in fremde Leben zwischen erdachter Zukunft und heutiger Realität - ein Film, der auf unterhaltsame Weise und heiterem Blick auch erzählt, wie weit Ost und West schon zusammengewachsen sind.
