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DOK-Leipzig-Retrospektive | Interview : Kurator Ralph Eue über die Retrospektive "1961"

Ralph Eue hat in Marburg, Paris und Frankfurt studiert. Er ist Filmpublizist, Übersetzer, Fernsehjournalist und lehrt an verschiedenen Universitäten. Für das DOK-Festival hat er die Retrospektive "Bestandsaufnahme 61 – Die Welt, als sie sich teilte" zusammengestellt.

Ralph Eue / Kurator Retrospektive 1961 - Die Welt als sie sich teilte

Warum haben sie gerade das Jahr 1961 zum Thema gemacht?

Am Anfang war es Datumsjournalismus - der 50. Jahrestag des Mauerbaus stand als Datum fest und an diesem kamen wir nicht vorbei. Aber wir haben schnell gemerkt, dass das Jahr nicht nur für uns Deutsche einschneidend war: Auf der ganzen Welt hat sich unglaublich viel verändert. Angefangen in Afrika, über Kuba und den Konflikt in Algerien - und das alles wollen wir mit der Retrospektive zeigen.

Waren Sie überrascht, dass sie so viele Filme aus dieser Zeit zusammentragen konnten?

Ehrlich gesagt, war ich nicht überrascht, denn der Dokumentarfilm hat in dieser Zeit einen riesen Sprung gemacht. Er hat das nachgeholt, was im Spielfilm schon lange möglich war, nämlich Ton und Bild parallel aufzuzeichnen. Und das bot den Filmemachern ganz neue Möglichkeiten und die haben sie genutzt. Nicht umsonst ist in dieser Zeit das sogenannte "Direct Cinema" entstanden, und die Pionierwerke dieser Zeit haben wir im Programm.

Haben sie einen Lieblingsfilm in der Retrospektive?

Ich tue mich immer schwer, Filme in Ranglisten zu bringen. Ich habe viele Filme, die ich gerne anschaue. Aber wenn ich mich festlegen muss, dann freue ich mich, dass wir Filme aus Ungarn im Programm haben, denn in Ungarn gab es zu dieser Zeit die "Béla Balázs-Studios". Die hatten zu dieser Zeit ein unglaublich freies Konzept und haben sich selbst verwaltet. Bei diesen Studios stand nicht der Gedanke im Vordergrund, Preise mit den Filmen zu gewinnen, sondern die Filmemacher sollten das Handwerk erlernen und konnten sich austoben. Sie hatten einfach freie Hand – nach solchen Strukturen hat man in den westlichen Ländern zu dieser Zeit vergeblich gesucht. Außerdem freue ich mich auf die Filme des Altmeisters Robert Drew, der erstmalig nach Leipzig kommt.

Wie haben sie Robert Drew überredet, nach Leipzig zu kommen? Immerhin ist er 87 Jahre alt.

Das hatte gar nicht viel mit überreden zu tun, das war eher Hartnäckigkeit. Ich habe ihn immer wieder Einladungen und E-Mails geschickt und irgendwann – wir hatten gar nicht mehr damit gerechnet – hat er gesagt, er kommt.

Gibt es einen "Roten Faden" an dem sich Retrospektive entlang hangelt?

Der "Rote Faden" ist mit dem Datum gegeben. Wir wollten einfach zeigen, wie die Welt an verschiedenen Brennpunkten zu dieser Zeit war. Sie können es "isolierte Tiefenbohrungen" nennen. Mit den Filmgesprächen wollen wir dann die Brücke schlagen zu den Ereignissen in der Welt. Schließlich ist damals viel passiert. Die Welt hat sich in drei Teile geteilt. Auf der einen Seite standen sich der Osten und der Westen gegenüber auf der anderen Seite bildetet sich die sogenannte "Dritte Welt", denn 17 afrikanische Staaten befreiten sich von ihren Kolonialmächten. Aber nicht nur auf der politischen Bühne ist viel passiert. Der Duden hat das Wort "Trabantenstadt" aufgenommen, die ersten Supermärkte entstanden, in Frankreich bildeten sich die Banlieues und noch nie in der Geschichte sind so viele Menschen aufgebrochen und umgezogen. Das alles sind Facetten der Zeit, die wir mit der Retrospektive zeigen möchten.

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2011, 14:58 Uhr

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