DOK Leipzig 2012 : "Kinder interessieren sich für viel mehr als wir glauben"
Interview mit Luc-Carolin Ziemann
Die Kuratorin und Autorin Luc-Carolin Ziemann betreut bei DOK Leipzig seit einigen Jahren Projekte für Schulen und Schüler. In diesem Jahr gibt's im Programm des Festivals besonders viel Spannendes für junge Menschen. Im Gespräch mit MDR.DE erzählt sie, wie neugierig Schüler auf Dokfilme reagieren, wie gerne Kinder mit Filmemachern diskutieren und warum wir alle Dokumentarfilme brauchen.
Das "Kids DOK"-Programm ist eine neue Initiative bei DOK Leipzig. Wieso hat sich das Festival entschieden, junge Zuschauer stärker als bisher mit einzubeziehen?
Geplant war das schon länger, allerdings ist es gar nicht so einfach, genug spannende und vom Thema her adäquate Dokumentarfilme zu finden, die dann ja auch noch kurz sein sollten, weil die klassische Länge von 90 Minuten die Kinder einfach überfordert. Dieses Jahr gab es dann auf einmal so viele sehr gute Filme, die diese Kriterien erfüllt haben, dass es uns eine reine Freude war, dieses Programm zusammenzustellen. Es ist sogar ein Film einer Leipziger Filmemacherin, Susanne Schulz, dabei, die über eine Mädchenbande aus Leipzig Connewitz einen tollen Film gemacht hat. Sowohl die Regisseurin als auch die Mädels werden zur Premiere des Films im Kino sein - ich bin sicher, da wird es noch ein spannendes Gespräch nach der Vorführung geben!
(Warum) Brauchen Kinder Dokumentarfilme?
Ich würde sagen, nicht nur Kinder brauchen Dokumentarfilme, sondern wir alle brauchen sie. Dokumentarfilme vermitteln einen Blick jenseits des eigenen Tellerandes, zeigen, wie die Welt anderswo funktioniert. "Anderswo" kann dabei genausogut in Tibet sein, wie in der Schulklasse in der anderen Schule um die Ecke. Meine Erfahrung ist, dass Kinder ausgesprochen gerne Dokumentarfilme schauen. Sie wollen wissen, wie die Welt funktioniert. Das fängt schon ganz früh an, wenn in der "Sendung mit der Maus" erklärt wird, wie die Streifen in die Zahnpasta kommen. Und das geht ziemlich nahtlos weiter, wenn man sieht, dass ein kleiner Junge, der in Tibet im Kloster lebt, genauso fußballverrückt ist, wie Gleichaltrige hier.
Es gibt das Fernsehen, es gibt die aktuellen Blockbuster im Kino und es gibt einen riesigen DVD-Markt. Wollen die Kinder denn da überhaupt noch Dokfilme sehen? Können die sich überhaupt (noch) darauf einlassen?
Die absolute Reizüberflutung ist bestimmt ein Problem, das man nicht unterschätzen sollte. Ich mache aber immer wieder die Erfahrung, dass es ganz stark darauf ankommt, wie man die Filme rahmt. Bei uns sind alle Vorführungen moderiert, es gibt die Möglichkeit, Fragen zu stellen, mit den Regisseurinnen und Regisseuren und häufig auch mit den Hauptpersonen der Filme ins Gespräch zu kommen und einfach mal zu fragen: Wie ist das eigentlich, wenn einen immer eine Kamera begleitet? Wie macht man eigentlich so einen Film? Ich glaube, Kinder interessieren sich für viel mehr als wir manchmal denken.
Wenn Sie bei Filmvorführungen mit Kindern dabei sind, wie reagieren denn die Schüler von heute mit ihren Sehgewohnheiten auf solche manchmal sicher etwas sperrige Produktionen? Welche Reaktionen oder Begebenheiten haben Sie da in Erinnerung behalten und warum?
Zuerst mal muss ich festhalten: nicht alle Dokumentarfilme sind sperrig. Die häufigste Rückmeldung auf unsere Schulfilme ist: "Das war ja jetzt viel spannender, als ich vorher dachte!" Dokumentarfilm hat leider immer noch einen schlechten Ruf - völlig ohne Grund, wie ich finde. Zu den schönsten Erinnerungen gehören für mich die Momente, wenn man merkt, dass bei den Zuschauerinnen und Zuschauern - egal ob jung oder alt - durch den Film etwas in Bewegung kommt. Wir haben zum Beispiel der Film "Louisa" vor Schulklassen gezeigt, in dem ein junges, gehörloses Mädchen portraitiert wird, auf recht experimentelle, filmische Weise übrigens. Nach der Vorstellung gab es eine sehr lebhafte Diskussion mit der Regisseurin Katharina Pethke und der Hauptperson Louisa, in deren Verlauf eine Schülerin sagte, sie wäre ganz überwältigt von der Energie und dem Mut, mit dem Louisa ihr Schicksal meistern würde. Louisa hat sich erstmal bedankt, in die Runde geschaut und dann einfach nur gesagt: "Ich finde es auch beeindruckend, wie IHR euer Leben lebt. Glaubt ihr wirklich, euer Leben ist unkomplizierter?" Damit hat sie eine ganze Menge in Bewegung gebracht, ich habe noch Wochen nach der Vorstellung Mails von Lehrerinnen und Lehrern bekommen, die mir gesagt haben, dass das Thema Behinderung und Inklusion ihre Schüler noch immer nicht losgelassen hat.
Ferienprogramm bei DOK Leipzig:
Dokfilme in der Schule
Die Kuratorin und Autorin Luc-Carolin Ziemann betreut bei DOK Leipzig seit einigen Jahren "DOK macht Schule". Das Schulvermittlungsprojekt bietet Schülern und Lehrern auch außerhalb der Festivalwoche die Möglichkeit, ausgewählte Dokumentarfilme inhaltlich vorzubereiten, zu sehen und mit Filmemachern zu diskutieren.
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