Der Osten - Entdecke wo du lebst | MDR FERNSEHEN | 11.09.2012 | 20:45 Uhr : Wildnis in Mitteldeutschland - Die Goitzsche
Dort, wo heute der Goitzschesee Freizeitkapitäne und Naturliebhaber anlockt, war vor 100 Jahren noch ein herrlicher Auwald. Das Naherholungsgebiet der Region Bitterfeld. Dann kamen die Bagger und der Wald musste weichen. Heute holt sich die Natur das Gebiet zurück, das die Schaufeln der Bagger ihr im letzten Jahrhundert genommen haben.
Bis 1991 holten Schaufelradbagger fast 500 Millionen Tonnen Braunkohle aus der Goitzsche für die nahe gelegenen Kraftwerke aus der Erde. Doch dann war Schluss. Die Kohlegrube wurde geschlossen und die Bagger wurden gesprengt. Ihre Hinterlassenschaft waren 60 Quadratkilometer aufgebrochenes, ödes Land.
Brennstoff für Bitterfelds chemische Industrie
Alles begann angeblich mit wilden Kaninchen, die einst auf dem Bitterfelder Pomselberg nach frischen Wurzeln und Trieben gegraben haben sollen und dabei kleine Haufen dunkler Erde hinterließen - Braunkohle. Mit dem Aufschluss der Grube "Auguste" vor mehr als 170 Jahren setzte schließlich der Bergbau im Bitterfelder Kohlerevier ein. Als die Bitterfelder chemische Industrie immer mehr Energie brauchte, musste das braune Gold großflächig zutage gefördert werden. Der großflächige Abbau begann 1908 mit dem Aufschluss der Grube Leopold. 1949 wurde der Tagebau Goitzsche aufgeschlossen. Auewald und viele Dörfer fielen ihm über die nächsten vier Jahrzehnte zum Opfer und wurden weggebaggert. Der Tagebau verwandelte das einstige Naherholungsgebiet Goitzsche in eine Mondlandschaft.
"Original Ostseeschmuck" aus Bitterfeld
Doch nicht nur die schmutzige Kohle lagerte unter der Goitzsche. Wohl eher zufällig fand man 1955 beim Baggern eine ergiebige Bernstein-Lagerstätte. Und die war offenbar die größte ihrer Art in Deutschland. Nach Jahren geologischer Erkundungen wurde ab Mitte der 1970er-Jahre in geheimer Mission auch der Bernstein abgebaut. Die Region Bitterfeld avancierte zum größten Rohstofflieferanten für den "VEB Ostsee-Schmuck" in Ribnitz-Dammgarten bei Rostock. Als "Original Ostseeschmuck" ging der Bernstein für gute Devisen in den Westen. Nach dem Ende der DDR und des Tagebaus sprach sich die Geschichte vom Bernstein herum. Von überall her kamen Sammler und suchten auf dem ehemaligen Betriebsgelände nach dem begehrten fossilen Harz.
Aus der Mondlandschaft wird das "Bitterfelder Meer"
Wo sich bis vor zwanzig Jahren Bagger durch die Erde wühlten und die Schätze der Goitzsche zu Tage brachten, hat sich die Natur ihren Raum zurückholt. Mittlerweile prägen Wiesen, Wälder und vor allem Wasser das Bild der Region bei Bitterfeld. Gespeist aus dem Wasser der Mulde, entstand das "Bitterfelder Meer". Bis 2006 hätte es eigentlich dauern sollen, bis das Tagebaurestloch mit Wasser gefüllt ist. Doch dann kam das Hochwasser von 2002. Als im August des Jahres 2002 die Mulde überlief, füllten sich die 1.100 Hektar Wasserfläche innerhalb einer halben Woche. Und die Flutwelle brachte auch gleich die Fische mit in den neuen See. So sind Hecht, Zander und Wels auf ganz natürliche Weise eingewandert.
Eine Wildnis für Mensch und Natur
Während der südwestliche Teil der Goitzsche der Natur vorbehalten ist, dürfen im Norden und Osten die Touristen den See genießen. Nahe der Stadt gibt es Radwege, Strand- und Uferpromenaden und einen kleinen Hafen. Die Menschen leben mit ihrem See und dem, was aus ihm Neues erwächst. In der Wildnis der Goitzsche lässt sich wunderbar studieren, wie die Natur sich selbst repariert, wenn man sie denn lässt.
Die Goitzsche (sprich: Gottsche)
Der Begriff "Goitzsche" ist flämisch-germanischen Ursprungs und bedeutet vermutlich "Gottes Aue".
Das ehemalige Tagebaugebiet Goitzsche befindet sich im Landkreis Anhalt-Bitterfeld. Von 1908 bis zur Schließung 1991 wurden auf 60 Quadratkilometer Fläche über 1,2 Milliarden Kubikmeter Abraum bewegt und über 500 Millionen Tonnen Rohbraunkohle gefördert. Die Dörfer Paupitzsch, Niemegk, Döbern und Seelhausen wurden aufgelassen.
Nach der Schließung des Tagebaus 1991 wurde mit der Rekultivierung begonnen. 41 Millionen Kubikmeter Abraum wurden bewegt, 104 km Gleisanlagen zurückgebaut und zahlreiche Tagebaugroßgeräte verschrottet.
1999 wurde mit der Flutung der Goitzsche begonnen, die planmäßig 2006 abgeschlossen sein sollte. Die Flut von 2002 kam dem jedoch zuvor.
Mit der Umgestaltung der Tagebaulandschaft entstand unter Einbeziehung von Künstlern und Landschaftsarchitekten das weltweit größte Landschaftskunstprojekt.
Quellen: BUND, Kommunaler Zweckverband
Bergbaufolgelandschaft Goitzsche
Wiederholung:
13.09.2012 | 15:30 Uhr



