Der Osten - Entdecke, wo du lebst | MDR FERNSEHEN | 07.02.2012 | 20:45 Uhr : DDR geheim - Raubbau um jeden Preis
Der Film rekonstruiert die Ereignisse der Erdbeben von 1989 im thüringischen Völkershausen und von 1996 in Halle-Neustadt und Teutschenthal in Sachsen-Anhalt. War der Raubbau von Kalisalzen in der DDR die Ursache dieser Beben? Axel Bulthaupt geht auf Spurensuche.
Zweimal bebte die Erde in Mitteldeutschland in den letzten 20 Jahren so stark, dass es auf der ganzen Welt registriert wurde: 1989 im thüringischen Völkershausen und 1996 in Halle-Neustadt und Teutschenthal in Sachsen-Anhalt. Von Menschenhand verursachte Erdbeben, ausgelöst durch den Raubbau an Kalisalz in der DDR. Damals gab es große Schäden. Völkershausen wurde fast vollständig zerstört. Können sich solche Ereignisse heutzutage wiederholen? Axel Bulthaupt geht dieser Frage nach. Axel Bulthaupt beginnt seine Reise in Völkershausen. Hier hatte das Kalibergwerk Merkers aus dem Untergrund einen löchrigen Käse gemacht - mit erschütternden Konsequenzen.
Gefragter Rohstoff
Die riesigen Kalivorkommen auf dem Gebiet der DDR waren der Devisengarant für das Land. Der gefragte Rohstoff konnte auf dem Weltmarkt gegen dringend benötigte Devisen verkauft werden. Doch die Lagerstätten in Sachsen-Anhalt und Thüringen lagen in 600 bis 1.000 Meter Tiefe. Sie mussten aufwendig gefördert und aufbereitet werden. Die Förderzahlen der Kaligruben wurden ständig erhöht. Und so entwickelte sich die Kaliindustrie zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor auf Kosten der Umwelt, der Bergbausicherheit und der Menschen, die im Abbaugebiet lebten.
Erdbeben in Völkershausen
Am 13. März 1989 um 14:03 Uhr durchfuhr den Ort Völkershausen in Südthüringen ein lauter Schlag. Innerhalb eines Sekundenbruchteils sackte die Erdoberfläche einen Meter nach unten. Der Ort wurde zu 80 Prozent zerstört. Wie durch ein Wunder waren nur Leichtverletzte zu beklagen. 5,6 auf der Richterskala registrierten die Seismografen.
Die Nachrichtensendungen in Ost und West berichteten sofort über das Unglück. Und im Ort begannen die Aufräumarbeiten. Material, Bau- und Hilfskräfte waren nun, anders als sonst, reichlich vorhanden. Häuser wurden neu gebaut. Für die Schadenssumme kam die Versicherung ohne große Prüfung auf. Eine Regierungskommission sollte die Ursache finden. Schon am nächsten Tag präsentierte die DDR-Regierung den Schuldigen: Die angrenzende westdeutsche Kaliindustrie hätte Laugenabwässer in den Untergrund verpresst und damit den Gebirgsschlag ausgelöst. Schadensersatzforderungen wurden gestellt, Verhandlungen gefordert.
Doch was war geschehen?
Die Stasi als Mitarbeiter
Bei einer planmäßigen Sprengung unter Tage im Kalischacht Merkers war mit einem Schlag ein 6,8 Quadratkilometer großes Grubenfeld zusammengestürzt und hatte über Tage ein Erdbeben ausgelöst. 3.200 Pfeiler hatten schlagartig ihre Tragfähigkeit verloren. Das stärkste je von Menschenhand ausgelöste Beben war einer Kraft von zehn gleichzeitig gezündeten Hiroshima-Bomben vergleichbar. Ursache des Unglücks waren die zu knapp bemessenen Stützpfeiler im Salz, um die Ausbeute zu maximieren. Ein als Forschungsprojekt C/W getarntes Unterfangen in den Händen der Stasi.
Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit saßen in den Seismologischen Instituten und im Kalikombinat. Kritische Mitarbeiter waren nicht erwünscht und wurden aus Forschungsprojekten gedrängt. Nach dem Grubenschlag lieferten Wissenschaftler im Auftrag der Stasi ein Gutachten, das die Schuld dem Westen in die Schuhe schob. Doch die Menschen um Völkershausen glaubten nicht an die offizielle Version. Denn obwohl Wissenschaftler und Grubenleitung sich ihrer Sache sicher gewesen waren, hatten Bergleute unter Tage immer wieder von seismischen Veränderungen und Geräuschen berichtet.
Grube Teutschenthal bricht ein
Am Morgen des 11. September 1996 wurden die Einwohner von Halle-Neustadt unsanft aus dem Schlaf gerüttelt. Ein Erdbeben der Stärke 4,8 auf der Richterskala erschütterte zwanzig Minuten lang die Region. An jenem Morgen stürzte in 700 Metern Tiefe das 2,5 Quadratkilometer große Ostfeld der ehemaligen Kaligrube Teutschenthal ein. Das Epizentrum des Gebirgsschlages lag genau in der Mitte des Ostfeldes. Über Tage befindet sich an dieser Stelle ein Badesee, dessen steile Ufer ins Wasser stürzten. Wassermassen verwüsteten Ufer und das Strandbad.
Menschen wurden nicht verletzt. Auch nicht die 25 Bergleute der Frühschicht, die schon auf dem Weg zur Einfahrt in die Grube waren. Minuten später hätten sie diese Schicht nicht überlebt. Die Sachschäden in Halle Neustadt und den umliegenden Dörfern beliefen sich auf etwa zwei Millionen DM. Und die Technik des Kalibergbaus wurde verschüttet. Doch die Katastrophe kam nicht aus heiterem Himmel. Spezielle Druck- und Belastungsversuche Mitte der 1990er-Jahre förderten die Brucheigenschaften des Carnallitit-Salzes zutage. Ein Gutachten von August 1996 warnte vor den Folgen eines großen Gebirgsschlages in der Nähe von Halle.
Wie löchriger Käse
Seit 1907 wurde in Teutschenthal Carnallitit, ein besonders poröses Salz, gefördert. Ein großer Teil des Salzes wurde als Stützpfeiler stehen gelassen und die Zwischenkammern abgebaut. Doch schon 1916 stürzte ein Teil eines Grubenfeldes ein. Und im Mai 1940 hielten die zu gering bemessenen Stützpfeiler nicht mehr. In 600 Meter Tiefe brach ein großer Teil der Grube zusammen. 42 Bergleute ließen damals ihr Leben. Jahre später fand man die Toten, als eine Strecke zu dem eingestürzten Grubenfeld gebohrt wurde.
In der DDR ging das Kaligeschäft weiter. Schwere Technik durchsiebte das Gebiet bis an Halle-Neustadt wie einen löchrigen Käse. Bis 1982 förderten die Bergleute der Grube Teutschenthal 36 Millionen Tonnen Salz, größtenteils für den Export in den Westen. Zurück blieben zwölf Millionen Kubikmeter Hohlräume, die hätten verfüllt werden müssen, und zu knapp bemessene Stützpfeiler, um so viel Salz wie möglich zu gewinnen. Doch das Geld für den Versatz fehlte.
Versatzbergwerke stützen Gruben
Nach der Wende übernahm die Treuhand die Kaligrube Teutschenthal und privatisierte diese. 1992 wurde mit dem Bau eines Versatzbergwerkes begonnen. Heute werden die verbliebenen und längst stillgelegten Schächte verfüllt. Ein teures, aufwendiges Verfahren, das erst 2025 beendet sein soll. Bis dahin sinkt die Wahrscheinlichkeit eines neuen Gebirgsschlages immer weiter. Gleichzeitig geht der Abbau von Kali in der Region aber weiter - mit erheblichen Umweltbelastungen und unter Einhaltung hoher Sicherheitsstandards.
Unterdessen arbeiten auch die thüringischen Gruben nach den neuen Standards, die eine sichere Standfestigkeit der Grube gewährleisten sollen. Förderbänder bringen nicht verwendbares Steinsalz aus den aktuellen Abbaufeldern in die alten Kalischächte, die damit verfüllt werden. Bis mindestens 2015 sollen die Arbeiten anhalten. Doch die Sicherheit ist keine hundertprozentige.
Was sind Kalisalze?
Ein Gemisch von Kaliumchlorid und Kaliumsulfat mit Magnesium- und Kalziumverbindungen.
Die nord- und mitteldeutschen Salzlagerstätten enthalten überwiegend Natriumsalze (Steinsalz), aber auch Kalium- und Magnesiumsalze. Das Steinsalz, bergmännisch Halit, ist ein wichtiger Rohstoff für die Nahrungsmittelindustrie und die chemische Industrie. Daneben wird Steinsalz als Auftaumittel für winterliche Straßen verwendet.
Kaliumchlorid, bergmännisch Sylvin, ist einer der wichtigsten wachstumsfördernden Mineralstoffe für Pflanzen. Es kommt selten als reines Mineral vor, sondern überwiegend zusammen mit Steinsalz, bergmännisch Kalirohsalz (Sylvinit).
Magnesiumsalz ist ebenfalls ein wichtiges Düngemnittel, wird aber auch für andere chemische Produkte benötigt. Abbauwürdige Magnesiumsalze sind das Doppelsalz Carnallit (im Verbund mit Steinsalz als Carnallitit anzutreffen) und das Salzgestein Hartsalz, ein Gemisch aus Kaliumchlorid, Natriumchlorid und Kieserit.
Kalium- und Magnesiumsalze werden heute in fabrikmäßigen Prozessen als Düngemittel für die Landwirtschaft und als Rohstoffe für die chemische Industrie aufbereitet. Es entstehen Stoffe, die in der Glas-, Textil-, Papier- und Zellstoffindustrie verarbeitet werden.
Verarbeitung der Rohsalze
Die Rohsalze werden zunächst gemahlen und mit einer heißen Löselauge behandelt, um Nebenbestandteile herauszulösen. In der Lauge lösen sich die Salze auf; die Nebenbestandteile setzen sich als feine Schlammteilchen ab. Die bei der Aufbereitung entstehenden Abwässer werden zum Teil in Fließgewässer eingeleitet und führen zu Schäden im Gewässer und zur Erschwerung der Trinkwasseraufbereitung.
Was macht ein Versatzbergwerk?
Hohlräume der Kaligruben werden systematisch verfüllt. Dazu werden Steinsalz oder Industrieabfälle, die für Mülldeponien ungeeignet sind, verwendet. Die Reststoffe werden entweder zerkleinert und lose in die Kammern verfüllt oder in riesigen Plastiksäcken gestapelt.
Im Versatzbergwerk Teutschenthal werden kontaminierte Abfälle aus der Industrie verwendet. Die angelieferten Stoffe werden zu einer zementartigen Masse verarbeitet und unter Tage gebracht. Die alten unterirdischen Zufahrtswege werden zunächst vergrößert. Dann werden die Hohlräume von Schaufelladern mit den Abfällen, täglich bis zu 900 Tonnen, verfüllt oder in Plastiksäcke gefüllt und gestapelt. Die Standsicherheit der Grube ist auf 10.000 Jahre ausgerichtet.
In Merkers wird Steinsalz aus einer benachbarten Grube über unterirdische Bandanlagen in die Grube transportiert und im angefeuchteten Zustand in die Kammern mit nicht standsicheren Pfeilern gefüllt und danach verdichtet. Von den errechneten notwendigen 33 Millionen Tonnen sind bis heute etwa 27 Millionen Tonnen verfüllt.



