Reportagen & Dokumentationen

MDR FERNSEHEN | 02.12.2012 | 23:40 Uhr : Die rote Traumfabrik

Dem russischen Film geht es nicht gut. Dabei gibt es ambitionierte Filme, die einen anderen Blick auf die Gesellschaft werfen. Spektakuläre Drehorte sind reichlich vorhanden. Heute dominieren in Russland gewalttätige Actionfilme und das Hollywood-Kino. Dabei war der Russische Film international einmal führend.

Sowjetischer Schneidetisch der 1930er Jahre im Slg  Musej Kino Moskau

Ein Film von Alexander Schwarz

Die Tradition des russischen Filmes

Nach Krieg und Revolution muss auch der russische Film wieder ganz von vorne anfangen. 1922 kommt es zur Fusion der Ideen des Kommunisten Willi Münzenbergs und des privaten Filmproduzenten Moisej Alejnikows. Münzenberg, aktiv in der internationalen Arbeiterhilfe (Mesch-rab-pom), ist begeistert von der Möglichkeit, über Filme Menschen erreichen zu können.

Alejnikow versucht sein "Studio Rus" aus der Zarenzeit hinüberzuretten. 1922 gründen die beiden "Meschrabpom-Rus" - eine deutsch-russische Filmkompanie. Die Kombination privaten Kapitals und kommunistischer Ideen bei war außerordentlich erfolgreich.

Die deutschen und die sowjetischen Zuschauer waren sich in vielem ähnlich. Denn nach den ganzen Erschütterungen, dem langen Krieg und der Zerrüttung der Nachkriegsjahre dürsteten sie natürlich nach Ablenkung und etwas Fröhlichem.

Dr. Naum Klejman, Direktor des Staatlichen Moskauer Filmmuseums

Trotz staatlicher Kontrolle durch "Sowkino" konnte sich "Meschrabpom-Rus" eine gewisse Eigenständigkeit bewahren. Bei ihr entstanden zirka 600 Filme.

Animation und Ton

Münzenbergs Traum sind ein weltweiter Verleih und multinationale Filmkollektive. Damit soll die "rote Traumfabrik" gegen die Übermacht Hollywoods und des russischen Staatskonzerns "Sowkino" bestehen können.

 Andrej Swjaginzew
Andrej Swjaginzew äußert sich im Interview zum russischen Film.

Alejnikow richtet schon früh eine Animationswerkstatt ein, ein Novum in der Sowjetunion. Disney-Filme sind damals in der Sowjetunion noch nicht bekannt. Die Filmfabrik entwickelt Animationsfilme in einem eigenen, russischen Stil. Auch die nächste große Innovation soll helfen, das Studio am Leben zu erhalten. "Meschrabpom-Rus" entwickelt den Tonfilm. 1931 drehte der Mejerchold-Schüler Nikolai Ekk den ersten sowjetischen Tonfilm.

Für das Studio war das nicht nur die Chance, in schwierigen Zeiten zu überleben. Es konnte damit auch dem wachsenden Druck des Staates standthalten und trotz eines schlechten Verleihsystems bestehen. Die Premiere des ersten Tonfilms bedeutete auch einen wirtschaftlichen Erfolg, neben dem moralischen Sieg.

Komödie als Lebensretter

Poster mit einem Mann und einer Frau drauf "Pozelui Meri Pikford"
"Der Kuß der Mary Pickford", (UdSSR 1927): Igor Iljinski küsst in diesem Film die prominente Mary Pickford.

Alejnikow gelingt es immer wieder, Unterhaltung und Ideologie gut zu verpacken. Die Kinokasse stimmt und verschafft ihm eine gewisse Freiheit zu experimentieren.

Das Erfolgsgeheimnis: populäre Stoffe mit revolutionärem Anstrich. Er wagt den nächsten Schritt und engagiert Igor Iljinski aus der Schule des Mejerchold Theaters. Mit ihm bringt er die ersten sowjetischen Komödien auf den Markt. Die Iljinski-Komödien werden ein riesiger Erfolg.

Es stimmt, die letzten 15 Jahre hat es keine erfolgreichen und populären Komödien in Russland gegeben. Das ist sehr bedauerlich, denn in der Sowjetzeit hatten wir doch mal diese große Tradition der ernsthaften, intelligenten Komödie, mit Meistern wie zum Beispiel Danelija und Rjasanow.

Aleksej Popogrebski, Regisseur

Das Ende von Meschrabpom-Rus

Poster auf dem steht "Schachmatnaja gorjatschka"
"Schachmatnaja gorjatschka", (UdSSR 1925). Eine Kopie des Filmes liegt im Museum of Modern Art, New York.

1932/33 zeichnete sich das Ende für die Filmfabrik ab. In Moskau gehen Säuberungswellen durch die Fabrik. Alejnikow wird aus der Firma gedrängt und einige Zeit inhaftiert. Münzenberg entzieht sich der Verhaftung durch die Nazis und flieht nach Frankreich.

Im Februar 1933 stürmt die SA ein Berliner Büro der Filmfabrik, Unterlagen werden konfisziert und die Filme verboten. Die deutschen Studiomitarbeiter gehen nach Moskau ins Exil. Das Studio versucht, mit Erwin Piscator und anderen berühmten Künstlern auf dem internationalen Markt zu bestehen.

Doch auch Stalin ist die rote Traumfabrik ein Dorn im Auge. Es ist zu bürgerlich, zu erfolgreich, oft zu wenig linientreu. Bald wird das Unternehmen liquidiert. 1936 wird das Studio geschlossen und in Sojusdetfilm, eine Produktionsstätte für Kinderfilme, umgewandelt. Nach dem Pakt mit Hitler beschuldigt Willi Münzenberg in einem offenen Brief Stalin als Verräter. Münzenberg ist jetzt einer der Hauptfeinde der Sowjetunion. Er kommt 1940 in Südfrankreich ums Leben. Vieles deutet auf einen Auftragsmord des russischen Geheimdienstes hin. Ab 1948 firmiert die Firma unter dem Namen Gorki Filmstudios.

Zuletzt aktualisiert: 30. November 2012, 15:58 Uhr

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