MDR FERNSEHEN | 28.12.2012 | 08:20 Uhr : Wildes Russland - Der Ferne Osten (5/6)
Ein Film von Henry M. Mix
Die Winter an der Pazifikküste Russlands sind lang und hart. So wie in vielen anderen Gebieten des riesigen Landes auch und doch ist es ein bisschen anders als im übrigen Russland. Die Küstenlandschaft gehört zu den artenreichsten Lebensräumen des Landes. Hier sind Amurtiger und Amurleopard zu Hause, genauso wie Riesenfischuhus, urzeitlich anmutende chinesische Weichschildkröten oder die cleveren Dickschnabelkrähen. Es gibt spektakuläre Naturschauspiele wie die riesigen Fliegenschwärme über dem Chankasee, die herbstliche Farbenpracht der Taiga und den einzigen russischen Regenwald. Und hier fließt Russlands zweitgrößter Fluss - der Amur. Allein sein fernöstliches Einzugsgebiet ist fünf Mal so groß wie Deutschland. Der Strom und seine zahlreichen Zuflüsse sind die Lebensadern der Region. Dem enormen Fischreichtum verdankt der Riesenfischuhu sein Überleben. Selbst bei minus 30 Grad kann er an den eisfreien Flüssen auf die Jagd gehen. Wenn die Uhus im kurzen Sommer ihren Nachwuchs aufziehen, fangen sie etwa zehn Groppenfische für ihr Junges pro Nacht. Oft befindet sich das Nest in Ufernähe und die Uhueltern jagen in Sichtweite des Jungtieres. Es soll dadurch die Methoden der Jagd lernen.
Die tropische Meeresströmung Tsushima ist die Fernheizung vor den Ufern Ussuriens, dem Küstengebirge südlich des Amurdeltas. Im Winter blockiert der Nordpazifik wie ein gigantischer Eisschrank den Frühling in der Region. Doch der Tsushima bringt warmes Wasser des Japanischen Meeres nach Norden. In wenigen Wochen wird das Wasser von 2 auf 15 Grad erwärmt. Dann entstehen dichte Nebelfelder über dem Meer. Wolken und Feuchtigkeit erwecken die Taiga zum Leben. Streifenhörnchen, Kragenbären, ussurischer Dachs und Buntmarder beenden nun ihre Winterruhe. Die Strömung bringt zudem exotische Fische vor die russische Küste. Die hochgiftigen japanische Fugu-Fische oder die grotesken Fransen-Schleimfische ziehen im kurzen Sommer nach Norden. Bevor es kalt wird, verschwinden sie wieder. Wenn die ständigen Regenfälle die küstennahen Wälder überschwemmen und ausgewaschen haben, begeben sich die Sika-Hirsche auf den Weg an die Küste. Am Strand finden die Hirsche mineralstoffreiche Braunalgen. Das sogenannte Kelp ist Futter und Salzlecke zugleich. Für frischen Kelp nehmen die salzsüchtigen Sikas fast jedes Risiko in Kauf. Für den Amurtiger ein gefundenes Fressen. Kein Tiger lebt so weit nördlich wie der sibirische Tiger. Im Sommer jagen die nachtaktiven Amurtiger in erster Linie Kragenbären, Dachse oder Marderhunde, doch die größte Raubkatze der Erde kennt auch die Vorliebe der Hirsche. An der Küste sind die Sikas leichte Beute. In den felsigen Buchten ist den Hirschen der Rückweg abgeschnitten. Und noch ein weiterer Jäger hat es im Reich des sibirischen Tigers auf die Hirsche abgesehen. Es ist die seltenste Großkatze der Erde - der Amurleopard. Ehemals war er auch im Nordosten Chinas und auf der koreanischen Halbinsel beheimatet. Doch nur in Russlands Fernem Osten haben etwa 40 dieser Raubkatzen überlebt.
An der Grenze zu China liegt ein riesiges Sumpfbecken und darin der größte See des Fernen Ostens - der Chanka. Der flache See beherbergt riesige Lotusfelder, einige seltsame Geschöpfe und ist Schauplatz eines beeindruckenden Naturschauspiels. Im Spätsommer bilden sich über den Ufern des Sees Schwärme Tausender Eintagsfliegen. Kurz vor Sonnenuntergang entsteigen dem See dann Hunderttausende. Aus Hunderttausenden werden Millionen und dann Milliarden. In riesigen Wolken tanzen sie über die Lagunen und der Strand sieht wie schneebedeckt aus. Die Bewohner des Sees lassen sich davon nur wenig beeindrucken. Die Schlangenköpfe sind geschickte Jagdfische und sie haben eine Besonderheit. Sie können Sauerstoff auch aus der Luft atmen und damit auch kurze Landgänge unternehmen. Wenn die Zuflüsse den See anschwellen lassen, entstehen auch häufig Lagunen, die durch kleine Sandbänke vom Rest des Sees getrennt sind. Die Schlangenköpfe können diese Strecken überwinden und in den Nebenseen jagen.
Ab Ende Oktober kommt der Frost zurück. Meist kommt die Kälte plötzlich und lässt die exotische Pracht der Region absterben. Nur an der Küste verzögert der Tsushima den Winter, doch irgendwann versiegt seine Kraft und er wird von arktischem Wasser verdrängt.



