MDR FERNSEHEN | 29.01.2013 | 22:05 Uhr : Der Katastrophenwinter 1978/79
Als der Osten im Schnee versank
Zum Jahreswechsel 1978/79 schneit die Insel Rügen und fast die gesamte DDR ein. Eine beinah vergessene Katastrophe, die in vielen anschaulichen Begebenheiten von Zeitzeugen, und reichlich vorhandenem Archivmaterial rekonstruiert wird.
Ein Film von Katja Herr
Am Morgen des 28. Dezember 1978 herrschen in ganz Deutschland ca. zehn Grad über Null. Typisches Weihnachtstauwetter. Am Mittag fallen in Flensburg ein paar Regentropfen, dann Schneeflocken. Am Nachmittag und in der Nacht stürzen die Temperaturen plötzlich um fast 30 Grad Celsius. Die Warm-Kalt-Front schiebt sich bedrohlich vom Norden in den Süden, vom Westen in den Osten, über die innerdeutsche Grenze hinweg. Ein physikalisches Wunder, das für die Betroffenen katastrophale Auswirkungen hat.
Rügen schneit komplett ein
Die Nordbezirke der DDR versinken binnen weniger Stunden unter einem mehrere Zentimeter dicken Eispanzer - die Folge des gefrierenden Regens. Dann setzt ein 78-stündiger Schneesturm ein. Nichts bewegt sich mehr. Die Insel Rügen versinkt im Schnee und der Rügendamm wird unpassierbar. Damit ist die Insel am 29. Dezember komplett von der Außenwelt abgeschnitten.
Doch die Hilferufe aus Rügen verhallen. Weder die Rostocker Bezirksleitung noch das Zentralkomitee in Berlin reagieren. Denn am 30. Dezember ist es in Berlin eher frühlingshaft warm. Erich Honecker bricht zu einem Freundschaftsbesuch nach Afrika auf, seine Minister fahren ins Silvesterwochenende. Die Schneefront schiebt sich unterdessen weiter vor. Durch den Frost frieren bei der Bahn die Weichen ein. Zugverspätungen bis zu zwölf Stunden sind die Folge.
Auf Rügen bleiben die Züge im Schnee stecken, in denen die Reisenden zwei Tage festsitzen. Erst dann stehen Busse bereit. Auch die Versorgung der Bevölkerung klappt nicht, denn es gibt keine Versorgungsflüge zum Festland. Auf Rügen stationierte russische Soldaten verteilen selbstgebackenes Brot und helfen den Eingeschneiten.
DDR-Führung reagiert viel zu spät
Am 31. Dezember 1978, dem dritte Tag der Katastrophe, sind 6.000 zusätzliche Helfer aus Armee, Polizei und Zivilverteidigung im Einsatz auf Rügen. Doch die reichen nicht aus, Chaos herrscht auf der Ostseeinsel. 9.000 Rügenbewohner müssen versorgt werden, 3.000 Urlauber untergebracht und viele Kranke müssen gerettet werden. Die Kommunikation ist stellenweise zusammengebrochen, Strom- und Telefonleitungen reißen unter der Schneelast. Weil es keine werdende Mutter mehr ins Krankenhaus schafft, werden 13 Kinder zu Hause geboren.
Nachdem der Norden der DDR völlig eingeschneit war, erreicht die Wetterfront am Silvesterabend nun auch den Süden. Die gesamte DDR versinkt in totaler Dunkelheit. Am 1. Januar 1979 steht in den Braunkohletagebauen bei minus 20 Grad alles still. Die Stromversorgung bricht zusammen, weil die DDR-Führung 1976 beschloss, sämtliche Strom- und Wärmeversorgung auf Braunkohlebasis umzustellen. Tausende NVA-Soldaten erhalten nun den Marschbefehl in den Tagebau, um mit Muskelkraft die Energieversorgung der DDR zu retten.
Rettung erst am sechsten Tag
Am 1. Januar lässt sich die DDR-Spitze an den Brennpunkten blicken. Doch erst am fünften Tag der Katastrophe berichtet das DDR-Fernsehen von dem Unwetter. In Berlin gibt es am 2. Januar eine außerordentliche Politbürositzung, an der auch der zurückgekehrte Honecker teilnimmt. Eine Luftbrücke zwischen Rügen und dem Festland wird aufgebaut. Hubschrauber bringen das Notwendigste. Seit fast einer Woche sind die Menschen auf Rügen im Schnee gefangen. Manche fahren mit dem Auto einfach los - und werden im Frühjahr tot gefunden. Mindestens fünf Menschen sterben, offizielle Zahlen gibt es jedoch nicht.
Am 3. Januar endlich werden 200.000 Einsatzkräfte und schwere Technik mobilisiert. Die DDR-Presse überschlägt sich mit Erfolgsmeldungen. Doch die Verluste durch den Schnee haben der DDR-Wirtschaft über Jahre hinaus geschadet.
