Geschichte

MDR FERNSEHEN | 31.07.2012 | 22:05 Uhr : Fasse dich kurz - Telefonieren in der DDR

Ein Film von Jörg Mischke

Von Klingelfeen und Stöpselmiezen, eisernen Jungfrauen und roten Telefonen, von ungewöhnlichen Telefonaten und gewagten Verbindungen handelt dieser Film über die Entwicklung des Fernsprechwesens in der DDR. Zu Wort kommen leidgeprüfte "Teilnehmer", gestandene Postler aus Mühlhausen, Leipzig und Dresden, der letzte Postminister, Günter Schabowski und viele andere.

"Nimm Rücksicht auf Wartende, fasse Dich kurz!" steht auf einem Schild im Museum für Kommunikation

Millionen DDR-Bürger erhofften sich ein Telefon. Manche warteten darauf länger als auf einen Trabi. Und viele bekamen nie eines. 1989 zählte man gerade elf Anschlüsse auf 100 Bürger. Dabei hatten beide deutsche Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg gleiche Startbedingungen in Sachen Telefonnetz: Im Frühjahr 1945 war das Telefonieren unmöglich.


Die frühen Jahre

Die Besatzungstruppen zerstörten die Telekommunikationstechnik, die noch funktionierte, sich altersbedingt aber nicht als Reparation eignete, und demontierten die besten und neuesten fernmeldetechnischen Anlagen für den Wideraufbau in Russland. Vielerorts wurden die privaten Telefone eingesammelt, so dass sich nur die hartgesottensten Optimisten vorstellen konnten, dass in der ostdeutschen Region Telefonieren noch einmal möglich sein könnte. Und doch fanden sich viele Menschen zum Aufräumen und Aufbauen: Die Postler begannen, unter schwierigsten Bedingungen ein altes Telefonnetz zusammenzuflicken. Und so konnten schon im Sommer 1945 einzelne zivile Telefon wieder klingeln. Bereits 1947 war es möglich, erste Fernverbindungen herzustellen. Anfang der 50er-Jahre stöpselten noch die legendären Klingelfeen die raren Orts- und Fernverbindungen. Die Stöpselmiezen saßen am Klappenschrank und stellten die Sprechverbindung zwischen zwei Fernsprechteilnehmern her. Diese Damen wurden sehr gern auch als "Fräulein vom Amt" bezeichnet, was daher rührte, dass sie unverheiratet blieben, weil die Männer im Krieg gefallen waren.

Das "Fräulein vom Amt" wird überflüssig

 DDR-Telefon vor Erich-Honecker-Bild
Telefonieren stand nicht auf der Agenda der DDR-Führung.

Ab Mitte der 50er-Jahre ging die Ära der Stöpselmiezen im Ortsverkehr ihrem Ende entgegen. Der Selbstwählverkehr begann und machte Klappenschrank und "Fräulein vom Amt" überflüssig. Es blieben die Fräulein vom Fernmeldeamt und vom modernen Ansagedienst: Wetterdienst, Veranstaltungsansage, Zahlenlotterie- und Toto-Ergebnisse wurden von den Klingelfeen auf Band gesprochen und von Ost-Bürgern gerne abgerufen. Doch so modern, wie die Post sich gab, war sie nicht. Das Fernmeldenetz blieb großmaschig, viele Orte waren telefonisch unerreichbar. Die Telefonleitungen waren lange ein Problem, als blanke Drähte verliefen sie durch die Luft. Im Winter machte Raureif die Informationsübertragung unmöglich. Ständig mussten waghalsige Entstörer die blanken Leitungen enteisen oder flicken, wenn sie durch den Reif gerissen waren. Um die Kosten für die Herstellung der Leitungen zu mindern, wurde Stahl statt Kupfer verbaut. Da Stahl eine schlechtere Leitfähigkeit hatte als Kupfer, war die Qualität der Datenübertragung miserabel. Über die schlechten Verbindungen ärgerte sich die gesamte Republik, doch für eine Verbesserung dieser Situation fehlte es an allem: vom Kupfer für die Kabel bis hin zu Vermittlungsstellen. Vor allem aber fehlte es an politischem Willen. Telefonieren stand nicht auf der Agenda der DDR-Führung, das politische Ziel waren Wohnungen und keine Telefone. Export ging vor Eigenversorgung, und so wurde die Entwicklung der Telekommunikation im Osten immer wieder eingeschränkt.

DDR-Telefonzellen-Terror

Schwerpunkt des Ausbaus des Telefonnetzes blieben die Großstädte. Auch unterirdisch wurde mit der Kabelverlegung begonnen. Doch das Tempo war zu gering, und so verlor die DDR den Anschluss an die Entwicklung der Fernmeldetechnik. Langsam schleppte sich der Fortschritt in den Osten. In den 60er-Jahren wurden öffentliche Telefonzellen aufgestellt, um Privatpersonen die Möglichkeit zum Telefonieren zu geben. Oft wurde das jedoch schon in den Betrieben erleldigt, frei nach der Losung "Privat geht vor Katastrophe". Aber manchmal war es außerhalb der Dienstzeit notwendig zu telefonieren, und dann kam es vor, dass man sich in lange Schlangen vor öffentlichen Münzfernsprechern einreihen musste. Die größten Abstände zwischen zwei "benachbarten" Münzfernsprechern betrugen 70 bis 80 Kilometer. Einen Arzt in einem Norfall rufen - wohl dem, der einen Münzfernsprecher in seiner Nähe hatte! Die Post sah dem Ärger nicht tatenlos zu, dennoch war sie überfordert: Die Hin- und Rückfahrt zu einem gestörten Fernsprecher wurde für Kollegen wegen der langen Strecken zu einer Tagesaufgabe.

"Und dann die ganze Zeit, wo das 0,5-Zloty-Stück so groß war wie unser Zwei-Mark-Stück. Da wurden alle Zwei-Mark-Kanäle gesperrt, um den Missbrauch zu verhindern. Und wenn dann natürlich mal bei so einem Münzfernsprecher der Kanal verstopft war und man umsonst telefonieren konnte, dann standen sie Schlange. "

Jürgen Plöse, Fernmeldetechniker, Leipzig

Sondernetze

An einer alten Telefonzelle ist ein Schild mit der Aufschrift "Öffentlicher Fernsprecher" angebracht
Die Menschen standen Schlange vor ewig kaputten Münzfernsprechern.

Millionen träumen davon, gemütlich von zu Hause aus telefonieren zu können. Mitte der 70er-Jahre hatten acht von hundert Haushalten einen Privatanschluss. Noch im April 1990 stand die DDR mit ihrem Telefonnetz an 30. Stelle unter 34 Staaten in Europa und nicht jeder Privatanschluss war privat: Manche mussten sich "ihren" Anschluss mit bis zu vier "Teilnehmern" teilen. Und mit gigantischem Aufwand hörte dann manchmal auch die Stasi mit. 95 Prozent der Ortsvermittlungstechnik tat nun schon seit 60 Jahren Dienst. Weil die Verbindungen der Post nie ausreichten, entstanden mindestens 23 nichtöffentliche Fernmeldenetze - für die Stasi, das Militär, die Partei, die Räte der Kreise und natürlich für die sowjetische Besatzungsmacht. Jeder misstraute jedem, sogar Erich Honnecker wurde von der Stasi abgehört. Zu den politisch bedingten Netzen kamen noch die wirtschaftlichen hinzu: das der Bauwirtschaft, der Chemie, der Kaliindustrie etc. Die Reichsbahn hatte schon vor dem Krieg ein eigenes Fernmeldenetz. Und all diese Netze benötigten Technik. Was nach der Versorgung dieser Netze noch an Technik übrig blieb, bekam die Deutsche Post und versorgte damit die Haushalte der DDR-Bürger.

Entspannungspolitik - das Zauberwort der 80er-Jahre

In der 80ern wurden mehr Telefonverbindungen in die Bundesrepublik geschaffen. Die DDR brauchte Devisen und die Stasi war gerüstet, die Gespräche mitzuhören. Telefonieren über die deutsch-deutsche Grenze hinweg blieb dennoch ein Geduldsspiel. Viel zu viele Menschen wollten über viel zu wenige Leitungen miteinander reden.

Mit der politischen Wende wurde die Stasi vertrieben, doch noch herrschte Ungewissheit darüber, ob nicht irgendwer doch noch die Telefonate abhörte. Ein Piratenstreich der Bürgerrechtler war es, die Kabel in den Bezirksbehörden des verhassten Ministeriums zu kappen.

Die Hoffnungen auf eine schnelle Verbesserung in der Telekommunikation waren nach der Wiedervereinigung groß. Doch Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling kam zu einem ernüchternden Ergebnis:

"Ich möchte Ihnen sagen, das, was wir in den fünf Bundesländern vorfinden, ist an sich schlimmer, als wenn ein ausgebautes Gebiet durch ein Erdbeben total zerstört wurde."

Christian Schwarz-Schilling, Bundesminister für Post- und Fernmeldewesen

Über 30 Milliarden DM wurden in den ersten Jahren nach der Wende investiert. Es entstand das modernste Telefonnetz Europas und aus dem "Fasse dich kurz" wurde "Ruf doch mal an".

Zuletzt aktualisiert: 12. Dezember 2008, 14:55 Uhr

Klappenschrank

Ist die Bezeichnung für eine Fernsprech-Handvermittlungseinrichtung. Klappenschränke wurden dazu benutzt, die Sprechverbindung zwischen zwei Fernsprechteilnehmern herzustellen.

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