MDR FERNSEHEN | 31.07.2012 | 20:15 Uhr : Damals in Ostpreußen
Ein Film von Florian Huber
Nach dem Ersten Weltkrieg führt Ostpreußen ein Inseldasein: Vom Deutschen Mutterland ist die Provinz durch den sogenannten polnischen Korridor getrennt. Das schürt Ressentiments gegen den polnischen Nachbarn. Der Nationalsozialismus nimmt Ostpreußen im Sturm. Hitler macht die Provinz zum Aufmarschgebiet für seine Vernichtungskriege im Osten. Die Region gerät in den Sog von Terror und Krieg ...
Ostpreußen - ein Land der Gegensätze
Trakehner Pferde, Königsberg und Elche - die Menschen aus dem Deutschen Reich kennen die Region auch als Sommerfrische. Wer es sich leisten kann, fährt mit dem "Seedienst" an die Ostseestrände - das Frische Haff oder an die Kurische Nehrung. Ostpreußen ist ein Agrarland, das für die Bewohner meistens nur ein karges Dasein bieten kann. Daran ändern auch finanzielle Strukturhilfen der Weimarer Republik nichts - zumal sich Bauernfunktionäre die Gelder in die eigene Tasche stecken. Die Kleinbauern gehen oft leer aus.
Ganz anders lebt der ostpreußische Adel. Nirgendwo sind die Gutshöfe prächtiger, die Ländereien weitläufiger und der Standesdünkel ausgeprägter. Ostpreußen ist seit dem Versailler Vertrag durch den sogenannten polnischen Korridor vom Reich getrennt. Das schürt Ressentiments gegen den polnischen Nachbarn. Bei den Wahlen 1932 ist Ostpreußen eine Hochburg der NSDAP und Hitler macht die Provinz zum Aufmarschgebiet für seine Vernichtungskriege im Osten.
Ostpreußen im Sommer 1944
Lange bleibt der nordöstlichste Teil des "Deutschen Reiches" von den Schrecken des Krieges verschont. Noch 1944 wähnt sich die Bevölkerung in der "Kornkammer des Reiches" in Sicherheit. Der Krieg, der seit fünf Jahren in Europa tobt, scheint weit weg zu sein. Doch immer öfter bemerken die Menschen sowjetische Aufklärungsflieger über sich, die in aller Ruhe die Gegend auskundschaften. Als Ende August die ersten Nachrichten von der Bombardierung Königsbergs durchdringen, bricht für die Bewohner eine Welt zusammen. Im Herbst 1944 steht der Untergang Ostpreußens unmittelbar bevor.
Januar 1945: Einmarsch der Roten Armee in Ostpreußen
Drei Jahre nachdem Hitler seine Soldaten im Unternehmen "Barbarossa" in der Sowjetunion einmarschieren ließ, stehen nun sowjetische Truppen an der Grenze zum "Deutschen Reich". Am 12. Januar 1945 beginnt die große Winteroffensive der Roten Armee gegen die deutsche Ostfront. Mehr als 1,5 Millionen Sowjetsoldaten überrollen das Land mit atemberaubender Wucht. Was nun folgt, ist die größte Massenflucht in der Geschichte.
Flucht und Vertreibung
Die Gauleitung Ostpreußens hat die Evakuierung der Zivilbevölkerung bis zu diesem Zeitpunkt hinausgezögert, eigenständige Fluchtbemühungen sind bei Todesstrafe verboten. Erst jetzt fliehen die Menschen in regelloser Panik an die Ostsee, zu verstopften Häfen und überfüllten Schiffen. Von zweieinhalb Millionen Ostpreußen sind zwei Millionen auf der Flucht. Hunderttausende sterben im Eis, im Geschützhagel, im Tieffliegerfeuer. Wer lebend zurückbleibt, muss sich einem neuen Überlebenskampf stellen. Irmgard Schneiderat wird auf der Flucht von den Russen eingeholt und vergewaltigt. Die folgenden Jahre überlebt sie nur dank ihrer Tarnung: Mit kurzen Haaren und männlicher Kleidung gilt sie fortan als Junge. In Zwangsdiensten der Sowjets schlägt sie sich auf einer Sowchose als Kutscherjunge durch.
Ostpreußens Untergang
Schon 1945 ist der Untergang von Ostpreußen offiziell besiegelt. Das Land wird halbiert. Den Norden nehmen sich die Sowjets, den Süden bekommen die Polen. Neusiedler aus allen Teilen der Sowjetunion und Polens versuchen hier eine neue Heimat zu finden. Für die Deutschen ist kein Platz mehr. Sie werden in die Besatzungszonen nach Westen vertrieben. Nur ganz wenige bleiben trotzdem. Der junge Masure Erich Neumann ist allein in seinem Dorf Pustnik, seit 1945 die Mutter geflohen ist und der Vater von den Russen abgeholt wurde. Jahrelang quält ihn die Einsamkeit. Doch dann hilft ihm sein polnischer Lehrer. Er verschafft ihm die Anschrift der Mutter, damit er ihr einen Brief schreibt. Tatsächlich findet Erichs Brief den Weg zur Mutter, und sie kehrt zu ihm zurück nach Masuren. Dort lebt Erich Neumann bis heute.
Trakehner Pferd
Ein Trakehner Pferd ist ein deutsches Rassereitpferd. Das Hauptgestüt Trakehnen in Ostpreußen war eines der fünf Hauptgestüte Preußens. Das letzte Original-Trakehner wurde 1941 im Gestüt geboren. Heute befindet sich in Teilen der ehemaligen Gebäude des Gestütes eine Landwirtschaftsschule sowie ein kleines Museum. Pferdezucht wird vor Ort nicht mehr betrieben.
Frische Haff
Zalew Wiślany (ehemals das Frische Haff) liegt im westlichen Teil Ostpreußens. Seine Begrenzung erhält das Haff in Richtung Meer durch die Landzunge Mierzeja Wiślana (damals Frische Nehrung) sowie das Festland in östliche Richtung bei Gdnask und in westlicher Richtung bei Kaliningrad (ehemals Königsberg).
Kurische Nehrung
Kuršių nerija bzw. Куршская коса (damals die Kurische Nehrung) ist eine Landzunge im westlichen Teil Ostpreußens. Sie hat eine Länge von 98 Kilometern und begrenzt das Haff in Richtung Ostsee. Das südliche Ende der Landzunge grenzt an die Hafenstadt in Litauen, das nördliche an Лесной (Lesnoi) in Russland.
Seedienst Ostpreußen
Der Seedienst Ostpreußen war eine kombinierte Personen- und Frachtschiffverbindung des Deutschen Reiches. Die Schiffe verkehrten von 1922 bis 1939. Es wurden u.a. folgende Häfen angefahren: Kiel, Travemünde, Binz, Sopot, Baltijsk, Klaipeda, Liepaja, Tallin und Helsinki.
