Der Osten - Entdecke, wo du lebst | MDR FERNSEHEN | 05.03.2013 | 20:45 Uhr : Politik, Prominenz und Luxus - Das Hotel Astoria in der DDR
Es war ein grandioser Ort - modern, elegant und luxuriös. Zur Eröffnung vor fast einhundert Jahren war es das nobelste Wahrzeichen Leipzigs und lange Zeit das erste Haus am Platz: das Hotel Astoria. Nun steht es leer und ist dem Verfall preisgegeben. Axel Bulthaupt kehrt mit ehemaligen Mitarbeitern an deren einstige Wirkungsstätte zurück. Er erkundet die Geschichte des Hauses und seiner Gäste vom Kaiserreich bis zu seiner Schließung.
Im Herzen Leipzigs, direkt neben dem Hauptbahnhof, steht eines der imposantesten Bauwerke der Stadt: das Hotel Astoria. Nur wenig erinnert heute an den Glanz dieses Ortes, der über mehr als 80 Jahre die Elite aus Politik, Wirtschaft und Kultur beherbergte. Für Axel Bulthaupt öffnen sich noch einmal die Türen des einstigen Grand Hotels.
Ein Grand Hotel für die Handelsmetropole
Vor fast einhundert Jahren, im Jahr 1915, öffnet das Astoria zum ersten Mal seine prachtvollen Türen. Ausgestattet mit Konzert- und Tanzcafé, einer noblen Hallenbar, Salons, Konferenz- und Gesellschaftsräumen sowie prachtvollen Restaurants bietet es nahezu 500 Gästen eine luxuriöse Unterkunft. Das Astoria ist das erste Grand Hotel der Messestadt. Entworfen haben den Hotelbau die beiden Architekten William Lossow und Max Hans Kühne. Nach Kühnes Entwurf entsteht in dieser Zeit auch der Leipziger Hauptbahnhof und so bilden beide Gebäude ein Ensemble. Sowohl Bahnhof als auch Grand Hotel werden in Leipzig dringend gebraucht, denn die Stadt ist die Handelsmetropole des Kaiserreichs. Allein die weltbekannten Pelzauktionen locken jedes Jahr noble Klientel nach Leipzig - und nun ins Hotel Astoria.
Arisierung als Hotel für den Führer
Mit dem Dritten Reich beginnt auch für das Hotel Astoria ein dunkles Kapitel. Die Leipziger Nationalsozialisten sind auf der Suche nach einem Ort, an dem der Führer bei einem Besuch in der Stadt residieren könnte. Das Astoria gehört jedoch dem jüdischen Bauunternehmer Carl Ottokar Cohn. Mit deutscher Gründlichkeit wird die Arisierung des Hotels betrieben. Cohn gibt nach zahlreichen Verhaftungen und Schikanen nach und verkauft das Hotel weit unter Wert an die Nazis. So rettet er sich vor dem KZ Buchenwald und überlebt den Holocaust in London. Adolf Hitler übernachtet allerdings kein einziges Mal in Leipzigs Grand Hotel. Bei einem Bombenangriff 1943 wird das Astoria schwer beschädigt. Nach dem Krieg beginnt der Wiederaufbau, West- und Südflügel müssen komplett neu errichtet werden und die Kapazität wird sogar auf 350 Zimmer erhöht.
Sozialistischer Fortschritt im Interhotel
Auch in der DDR gehört das Astoria zu den Spitzenhotels. Betrieben wird es von der Interhotelkette, die das Haus 1970 komplett saniert. Das Astoria ist das einzige von der Regierung genutzte Hotel der Stadt und so herrscht zur Leipziger Messe zweimal im Jahr Ausnahmezustand. Denn die DDR-Regierung nutzt die Messe regelmäßig zur positiven Selbstdarstellung. Dürfen sonst auch "normale" DDR-Bürger ins Hotel, ist es während der Messe den Mitgliedern des Zentralkommitees vorbehalten. Die Staatssicherheit "residiert" hingegen immer im Astoria. Gleich mehrere Zimmer haben die Spione reserviert und spähen die Gäste und ihre "Begleiterinnen" aus. Denn besonders zur Pelzmesse blüht auch das amouröse Geschäft im Astoria und seiner "Pelzklause" oder der Nachtbar.
Die Wende zum Ende
Von der Goldgräberstimmung der Wendezeit profitiert am Anfang auch das Astoria. Mehr als neunzig Prozent Auslastung mit Vertretern großer Firmen und kleinen Geschäftsleuten machen Hoffnung auf eine rosige Zukunft. Auch die Prominenz aus dem Westen steigt im Astoria ab. Doch Pächterwechsel und der marode Zustand des einstigen Grandhotels lassen 1997 in den Bars, Suiten und Nobelrestaurants die Lichter ausgehen. Heute zieren lediglich Graffities die einst prachtvolle Gründerzeitfassade. Es ist das vorläufige Ende der glänzenden Geschichte dieses Ortes mitten im Zentrum der Stadt.
Wiederholungen
Mi, 06.03.2013, 01:45 Uhr
Mi, 06.03.2013, 06:00 Uhr
Geschichte des Hotels im Überblick
1913-1915: Bau des Hotels nach Plänen der Architekten William Lossow und Max Hans Kühne.
05.12.1915 Eröffnung des Hotels Astoria.
1943: Das Hotel wird teilweise zerstört.
Nach dem Zweiten Weltkrieg betreibt die HO das Hotel.
1965: Das Astoria wird der Interhotel-Kette angeschlossen.
1992: Die Maritim-Gruppe erwirbt das Hotel.
1997: Das Hotel schließt seine Pforten.
2007: Die Investorengruppe Blackstone wird neuer Eigentümer.






